Junge Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt

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Junge Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt: Der Politik stellen die Frauen ein verheerendes Zeugnis aus

12.09.2013

Für die Generation der 25 bis 35 Jährigen steht finanzielle Unabhängigkeit heute ganz oben auf der Liste der zu erreichenden Ziele. Und das sehen auch die Männer so. Dabei fühlen sich viele von ihnen zerrissen und unter Druck gesetzt, von dem Wunsch Kinder zu bekommen und gleichzeitig eine berufliche Karriere aufzubauen. Das belegt eine neue Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) im Auftrag der Frauenzeitschrift „Brigitte“ durchgeführt hat und die in Berlin vorgestellt wurde.

Das von der Politik vermittelte Leitbild der in Vollzeit arbeiten Mutter, die gleichzeitig die liebevolle Familienmanagerin gibt, setzt viele junge Frauen unter enormen Druck. Dies zeigt sich heute stärker als noch vor fünf Jahren, als dieselbe Gruppe von Frauen und Männern schon einmal zu ihrem Gesellschafts- und Selbstbild befragt wurde. Frauen wünschen sich aktuell einen gut bezahlten Job, der Ihnen auch Karrierechancen eröffnet.

Für 91 Prozent der Befragten sind der Job und eigenes Geld sehr wichtig. Überraschend für die Leiterin der Studie, WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, ist die Deutlichkeit, mit der auch Männer darauf drängen, dass ihre Partnerin „selbst für ihren Lebensunterhalt sorgt“.

Heute stimmen 76 Prozent dieser Aussage zu. Das sind 22 Prozent mehr als noch in 2007. Allmendinger erkennt in diesen Ergebnissen einen „gesellschaftlichen Wandel“ beim Thema Frauen auf dem Arbeitsmarkt.

Es ist heute keine Frage mehr, ob Frauen arbeiten gehen sollen oder nicht. „Heute muss keine Frau mehr um die Erlaubnis bitten zu arbeiten. Heute stellt sich eher die Frage, ob Sie Kinder bekommen sollen. Die Studie zeige, dass sich Frauen heutzutage bei der Frage der Gestaltung ihres beruflichen und familiären Lebens alleingelassen fühlen. Die Angst, als Mutter ins berufliche Abseits zu geraten ist weit verbreitet. „Wer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen“, antwortet heute mehr als die Hälfte der jungen Frauen (53 Prozent). Vor fünf Jahren waren es nur 36 Prozent. Demgegenüber stehen 93 Prozent mit unverändert hohem Kinderwunsch, der von weniger als die Hälfte bisher umgesetzt wurde. Der Politik wird ein verheerendes Zeugnis ausgestellt.

Alle sind sich aber in einer Frage einig: Die soziale Ungleichheit hat sich vergrößert. Etwa ein Drittel der Frauen findet es heute schwieriger, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. 2007 standen die Befragten der Frage der Aufstiegschancen nicht so kritisch gegenüber wie heute. Damals stimmten 99 Prozent der Aussage zu „Ich bin gut in dem, was ich mache“.

Schon 2009 kam es zu ersten Anzeichen für die zunehmende Unzufriedenheit der Frauen. Sie beklagten damals, dass Männer ihnen im Beruf vorgezogen wurden, zu Hause kaum mithalfen und mehr Anerkennung für zwei Monate Elternzeit bekamen als sie selbst für ein ganzes Jahr. Statt zu resignieren, forderten sie gleiche Löhne, faire Partnerschaften und verbesserte Kinderbetreuung.

Frauen wollen selten länger als ein Jahr pausieren
70 Prozent von ihnen sind „wütend, dass Frauen diskriminiert werden“, einer „verbindlichen Frauenquote“ stimmen 62 Prozent zu – laut Allmendinger ein bemerkenswertes Ergebnis, denn junge Frauen lehnen anders als ältere Frauen Quotenregelungen häufig ab. Männer sind eher weniger bereit, etwas an zu ändern. Das zeigt sich besonders an ihrer Nutzung der Elternzeit. Obwohl Männer zu 50 Prozent angeben, Familie und Beruf vereinbaren zu wollen, können sich 31 Prozent nicht vorstellen, dafür zu pausieren. Die gestiegene Unzufriedenheit der Frauen mit mangelnden Aufstiegschancen und fehlender Unterstützung ist Ausdruck ihrer momentanen persönliche Situation.

Viele Frauen wollen selten länger als ein Jahr nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause bleiben . Hier liegt der prozentuale Anteil bei 30 Prozent. 2009 waren es 36 Prozent. Eine Retraditionalisierung, wie sie oft bei Frauen vermutet wird, sobald sie Kinder bekommen, kann Allmendinger nicht erkennen. Arbeit gilt heutzutage nicht mehr als Chance gesellschaftlicher Teilhabe, sondern als „harter ökonomischer Faktor“, sagt Allmendinger. Viele können es sich einfach nicht mehr erlauben zu Hause zu bleiben.

Frauen und Männer sollten nur 32 Stunden arbeiten
Gut gebildete Frauen sind in der Regel zufriedener mit ihrem Leben und ihrem Arbeitsplatz als noch vor fünf Jahren. Frauen mit einem niedrigeren Bildungsniveau sind unzufriedener. Diese Unzufriedenheit wird nur noch von weniger gebildeten Männer getoppt. Für Bildungsforscherin Allmendinger ist die immer weiter auseinander klaffende soziale Schere ein Grund zur Besorgnis, denn Kinder bekämen auf lange Sicht nur diejenigen, die sich Hilfe bei der Kindererziehung leisten können.

Allmendinger warnt Deutschland, weiter hin so stark auf eine gesellschaftliche Vollbeschäftigung zu setzten. Zumal Vollzeit hier meist als „40 plus 10“ Stunden definiert ist. Nach ihrer Ansicht sollte sich die Politik um eine Verkürzung der Arbeitszeit auf etwa 32 Stunden pro Woche kümmern. „Wenn man auch mit weniger Stunden Karriere machen kann, werden Probleme wie ungleiche Bezahlung automatisch geringer“, sagt sie. Von sogenannten „mommy tracks“, langsamere Karrieregleise, die Arbeitgeber für Mütter einrichten, hält Allmendinger nichts. (fr)

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Bild: Julien Christ / pixelio.de