Junge Mutter an zu viel Protein verstorben? Was steckt dahinter?

Dr. Utz Anhalt
Megan Hefford aus Australien starb mit 25 während einer Diät mit Proteinshakes. Sie litt an einem genetischen Defekt, der ihren Körper hinderte, die Proteine aufzunehmen und wusste nichts davon.

Sind Proteine schuld?
Die Boulevardpresse überschlägt sich mit Schlagzeilen a la „Mutter stirbt an zuviel Protein“. Doch das ist genau genommen falsch.

Bodybuilderinnen nehmen oft Protein als Nahrungsergänzungsmittel auf. Bei einem Gendefekt des Harnwegszyklus kann ihr Körper diese nicht verarbeiten. (Bild: Samo Trebizan/fotolia.com)

Eiweißdiät
Frau Hefford bereitete sich auf einen Bodybuilding-Wettbewerb vor. Deshalb machte sie strikt Diät und führte sich viel eiweißreiche Nahrung und Proteinshakes zu.

Eiweiß hilft beim Abnehmen
Eine proteinreiche Ernährung fördert das Abnehmen, weil der Körper Proteine nur langsam verwertet, und der Magen deshalb früh signalisiert, satt zu sein. Außerdem treiben Proteine den Fettstoffwechsel an.

Harnstoffzyklusdefekt
Megan litt an einer genetisch bedingten Störung ihres Harnzyklus. Harnstoffzyklusdefekte sind Erkrankungen des Stoffwechsels.

Wozu führt diese Störung?
Gestört ist die Stickstoff-Ausscheidung. Dadurch erhöht sich der Ammoniakgehalt im Blut. Ammoniak wiederum wirkt als Gift auf die Nervenzellen – vor allem im Gehirn.

Angeboren und potenziell tödlich
Bleibt diese Erbkrankheit unbehandelt, führt sie häufig zum Tod – auch ohne Proteinshakes. Wird sie früh erkannt, verspricht eine Behandlung Erfolg.

Wann bricht die Krankheit aus?
Die Krankheit bricht entweder im Säuglingsalter aus, in der Pubertät, bei Schwangeren oder aber bei gesteigerter Aufnahme von Eiweiß (Proteinen). Letzteres war bei Megan der Fall.

Zu viel Ammoniak
Die Australierin starb am 21. Juni. Ihr Blut wies zu hohe Ammoniakwerte auf, und in ihrem Gehirn hatte sich Flüssigkeit gesammelt.

Gibt es eine Proteinüberdosis?
Dr. Stephan Glienke aus Hannover forscht als Historiker zu Bodybuilding und Gesundheit und rückt die Falschmeldungen der Reißerpresse gerade. Er sagt: “ 1.) es gibt keine „Proteinüberdosis“2.) die Frau starb nicht am Protein, sondern an einer angeborenen Krankheit.“

Proteine sind unschuldig
Glienke führt aus: „Hier geht es grundsätzlich darum, dass die Frau sich im Rahmen einer Diät vorwiegend von proteinreichen Lebensmitteln ernährt hat, sowie von Proteinshakes. Keines von beiden ist für ihren Tod verantwortlich. Verantwortlich ist aber eine Stoffwechselerkrankung, an der sie litt, aufgrund der, Ihr Körper Schwierigkeiten hatte, große Mengen Protein zu verstoffwechseln.“

Medien handeln verantwortungslos
Journalisten in Deutschland schrieben einfach ab, was ähnlich unseriöse Zeitschriften in englischsprachigen Ländern verbreiteten. Glienke erläutert: „Der Fall ging vorher schon durch die englische Presse und auch dort wurde fälschlicherweise das Protein für ihren Tod verantwortlich gemacht, nicht aber ihre Stoffwechselerkrankung.“

Symptome blieben unbeachtet
Die Verstorbene zeigte Symptome, die auf ihre Krankheit hindeuteten, klärte diese aber nicht auf. Glienke sagt: „Wer den Fall verfolgt, der weiss auch, dass ihre Mutter davon berichtet, dass ihre Tochter häufig an Körperschwäche litt, deswegen aber nicht zum Arzt gegangen ist, um sich untersuchen zu lassen.“

Eltern fordern Proteinkontrollen
Die Eltern von Megan machen indessen die Proteine verantwortlich. Glienke sagt: „Nach ihrem Tod fordern ihre Eltern nun eine stärkere Kontrolle der Supplementindustrie, damit Nahrungsergänzungsmittel wie Proteinpulver nicht so ohne weiteres verkauft werden können.“

Verschobene Verantwortung
Für Glienke handelt es sich um einen klaren Fall von verschobener Verantwortung: „“Für mich ist es ein typischer Fall externalisierter Verantwortung und erinnert mich sehr an den Umgang mit dem Selbstmord einiger Teenager in den 1990er Jahren. Die Eltern machten Heavy Metal und insbesondere Judas Priest dafür verantwortlich, dass sich ihre Kinder das Leben genommen haben, denn offenbar hatten einige von ihnen vor ihrem Selbstmord noch Metal gehört. Das ist für die Hinterbliebenden natürlich viel leichter, also sich unbequeme Fragen danach zu stellen, warum sie nicht bemerkt haben, dass sich ihre Kinder mit Suizidabsichten trage, oder ob sie ihnen genug Zeit gewidmet, sich genug um sie gekümmert haben. So wird die Verantwortung bequem der Musik zugeschoben, genau wie hier dem Proteinpulver.“

Sind Proteinkontrollen sinnvoll?
Megan starb nicht an Proteinen, sondern an einer Erbkrankheit. Glienke vergleicht: „Andere Menschen sind gegen Laktose allergisch, oder gegen Gluten, das ist noch kein Grund, dass Milch- und Weizenprodukte aus dem Handel genommen werden. Es heisst nur, dass man, wenn man negative Auswirkungen beim Verzehr an sich feststellt, diesen nachgehen und sich von einem Arzt untersuchen lassen sollte, um Klarheit zu bekommen.“

Sensationspresse führt in die Irre
Ein Witz über Panikmache in den Medien lautet: „Natriumchlorid in Kochsalz entdeckt“. Ähnlich sieht es beim „Killer Protein“ aus. Glienke schließt: „Auf jeden Fall ist die Laktoseintoleranz einiger Menschen noch kein Grund für Schlagzeilen wie „Milch tötet“ oder „Langsam schleicht der Weizentod.“

Gentest ermittelt Erbkrankheiten bei Babys
Statt also Proteine, Kochsalz oder Brot zu zu Bösewichten zu erklären, wäre eine Konsequenz aus dem tragischen Tod: Lassen Sie ihren Säugling auf Gendefekte untersuchen: Ein Gentest ermittelt Erbkrankheiten bei Babys. (Dr. Utz Anhalt)