Kampf gegen „Superkeime“ wird immer komplizierter

Fabian Peters
Experten warnen vor Gefahr durch Antibiotikaresistenzen
Bislang galten Antibiotika als äußerst wirkungsvolle Medikamente zur Behandlung von Infektionen, die durch Bakterien verursacht werden. Doch die „Wunderwaffe“ funktioniert längst nicht mehr einwandfrei, denn immer mehr Bakterien werden resistent. Dementsprechend warnen Experten schon seit Jahren vor einer zu häufigen und unsachgemäßen Verwendung der Mittel – und fordern stärkere Maßnahmen, um die „Superkeime“ bekämpfen zu können.
Bis zu 6000 Menschen sterben jährlich durch multiresistente Erreger
Liegt eine bakterielle Infektion vor, helfen normalerweise Antibiotika gegen die krankmachenden Erreger. Doch immer häufiger treten Fälle auf, in denen die Medikamente nicht ausreichend oder gar nicht anschlagen. Laut dem Nationalen Referenzzentrum (NRZ) an der Berliner Charité könne von maximal 6000 Menschen ausgegangen werden, die hierzulande jedes Jahr an Infektionen durch multiresistente Erreger sterben. Dementsprechend warnen Experten schon seit Längerem vor der steigenden Gefahr der so genannten „Superkeime“.

Resitente Erreger bilden ein wachsendes Problem. Jährlich sterben rund 6.000 Menschen an den Folgen einer entsprechenden Infetkion. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)
Resitente Erreger bilden ein wachsendes Problem. Jährlich sterben rund 6.000 Menschen an den Folgen einer entsprechenden Infetkion. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

„10-Punkte-Plan“ schließt Verschärfung der Meldepflichten ein
In der Politik sei das Problem inzwischen erkannt worden, sagt Prof. Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. So hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) im März diesen Jahres einen „10-Punkte-Plan“ vorgelegt, welcher unter anderem eine Verschärfung der Meldepflichten und den Ausbau von Hygienestandards in allen Einrichtungen vorsieht. Ebenso ist der gemeinsame Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen und grenzüberschreitende Epidemien auch das zentrale Thema des zweitägigen G7-Gesundheitsministertreffens am 8. und 9. Oktober in Berlin, berichtet das Bundesministerium für Gesundheit. Trotz des politischen Interesses habe sich nicht viel verbessert, sagt Pharmazeut Glaeske, der seit 1999 an der Universität Bremen eine Professur für Arzneimittelanwendungsforschung inne hat. Stattdessen würden die Resistenzen weltweit zunehmen, da Antibiotika zu häufig und unangemessen zum Einsatz kämen. Vor allem Allgemeinmediziner würden die Mittel oft vorschnell verschreiben: „In einem Drittel der Fälle besteht kein wichtiger und nachvollziehbarer Grund, warum diese Antibiotika verordnet werden“, zitiert die „dpa“ den Experten.

Viele Menschen verlangen schon bei einer Erkältung ein Antibiotikum
Bei einer Erkältung sind Antibiotika beispielsweise normalerweise völlig fehl am Platz, denn diese wird meist durch Viren hervorgerufen – ein Antibiotikum wirkt jedoch nur bei bakteriellen Infekten. Hier herrscht jedoch oft Unwissenheit, was dazu führt, dass viele Menschen schon bei Schnupfen und Husten die vermeintliche „Wunderwaffe“ verlangen. „Ich habe vielfach erlebt, dass Patienten zu einem anderen Arzt gehen, wenn man versucht, ihnen zu erklären, dass das unnötig ist oder sogar schädlich“, so die Nürnberger Ärztin Marie-Luise Adam weiter. Zudem würden oft Mittel eingesetzt, die eigentlich für ganz spezielle und schwere Fälle vorgesehen sind („Reserveantibiotikum“). Je sorgloser diese zum Einsatz kommen, desto resistenter werden die Bakterien jedoch gegen Antibiotika.

Forderung nach verbindlichen Vergabe-Leitlinien
Dementsprechend seien laut Glaeske verbindliche Leitlinien zur Vergabe in der ambulanten Versorgung notwendig, zudem müsse das Thema stärker in die Ausbildung der Ärzte eingebunden werden. Auf der Seite der Patienten sei eine bessere und klarere Aufklärung wichtig, ebenso müsse eine gute Hygiene in Krankenhäusern eine zentrale Rolle spielen, indem z.B. das häufige Desinfizieren der Hände eingehalten werde. Dabei sei jedoch ausschlaggebend, wie streng die Klinik-Leitung mit dem Thema umgehe, so der Leiter des Mikrobiologischen Instituts der Uniklinik Erlangen, Christian Bogdan, gegenüber der Nachrichtenagentur. Demnach gäbe es hier in manchen Kliniken noch viel Unwissenheit.

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Bei Thema „Hygiene“ würden viele große Häuser inzwischen auf ein sogenanntes „risikobasiertes Screening“ setzen, um gefährdete Patienten im Vorfeld des Krankenhausaufenthalts auf bestimmte multiresistente Erreger hin zu überprüfen und dadurch eine Verbreitung zu verhindern. Laut Christian Bogdan mit gutem Erfolg, denn „90 Prozent der Fälle entdeckt man durch das risikobasierte Screening“.

Einschleppung in Krankenhaus auch durch Reisende möglich
Als „gefährdet“ gelten dabei z.B. Menschen mit nicht heilenden offenen Wunden oder häufigen Krankenhausaufenthalten. Auch Patienten aus Ländern mit hohen Resistenzraten werden bei dem Screening überprüft, um eine Einschleppung der Keime zu verhindern. Diese können jedoch auch durch Reisende in eine Klinik gelangen. Ebenso siedeln bei vielen Menschen resistente Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, kurz: MRSA) ohnehin auf Haut und Schleimhäuten, ohne eine Erkrankung auszulösen. Etwa sechs Prozent der Bevölkerung tragen darüber hinaus ESBL-bildende Enterobakterien im Darm, welche Antibiotika mit breitem Wirkungsspektrum wirkungslos machen können.
Neben dem ist im Kampf gegen die „Superkeime“ auch der Mangel an neuen Antibiotika ein großes Problem. Denn statt hier weiter zu entwickeln, konzentriere sich die Pharmaindustrie eher auf andere Medikamente, mit denen höhere Gewinne erzielt werden können. „Wir brauchen aber wirklich neue Antibiotika, weil die, die wir haben, werden wahrscheinlich auf Dauer nicht mehr wirken“, erklärt Glaeske.

Einsatz als Wachstumsförderer in der Tiermast
Doch der zu häufige und unangebrachte Einsatz von Antibiotikum ist nicht nur in der Humanmedizin weit verbreitet. Stattdessen sind auch die Landwirtschaft und Tierzucht betroffen, indem die Mittel beispielsweise als Wachstumsförderer zum Einsatz kommen. Ein aus Sicht des Experten Glaeske „sehr dunkles Kapitel“, dem sich die Politik viel stärker zuwenden müsste. Hier könnten seiner Ansicht nach nur Sanktionen etwas ändern – allerdings würden seitens des Bundeslandwirtschaftsministerium derzeit noch nicht einmal Daten über die Verwendung veröffentlicht. Diese seien jedoch notwendig, um entsprechende Maßnahmen gegen die derzeitige Praxis ergreifen zu können. „Das halte ich für eine völlige Verkennung der Sachlage“, kritisiert Glaeske.

Der Kampf gegen die Antibiotika-Resistenzen müsse laut Michael Kresken von der Campus Hochschule Bonn-Rhein-Sieg aus vielen Richtungen gleichzeitig erfolgen – die Hoffnung auf eine schnelle Änderung der Situation habe er jedoch schon fast aufgegeben: „Bei dem Thema ist es wie bei der Umweltverschmutzung. Es ist ein schleichender, chronischer Prozess, an den man sich gewöhnt hat“, so Michael Kresken gegenüber der „dpa“. (nr)