Kann Hungern im Alter das Leben verlängern?

Astrid Goldmayer

Bei Rhesusaffen konnte eine Diät keine Lebensverlängerung erwirken

30.08.2012

Bereits seit Jahrhunderten beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem Mythos der ewigen Jugend und Unsterblichkeit. Vor einigen Jahren wurde der erste Schritt in diese Richtung unternommen. Forscher verlängerten das Leben von Mäusen, Würmern, Fischen und Fliegen durch reduzierte Kalorienzufuhr im Labor. Im Jahr 2008 konnte das Höchstalter von Bäckerhefe, die genmanipuliert war, sogar um das Zehnfache verlängert werden. Neuste Studienergebnisse an Rhesusaffen haben jedoch gezeigt, dass dieser Effekt nicht bei Primaten wirksam ist. Ob eine Diät auch das Leben eines Menschen verlängern kann, wird damit immer zweifelhafter. Dennoch findet die Kalorienreduktion im Alter besondern in den USA immer mehr Anhänger.

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Bei Rhesusaffen wirkte Hungern im Alter nicht lebensverlängernd
Die Vorstellung, das Leben der Menschen irgendwann einmal um Jahre zu verlängern oder sogar unsterblich machen zu können, ist faszinierend aber gleichzeitig auch beängstigend. Aktuelle Forschungsergebnisse des „National Institute on Aging (NIA)“ in Maryland rücken dieses Szenario jedoch in weite Ferne. Während eine reduzierte Kalorienzufuhr im Alter bei Mäusen, Würmern, Fischen und Fliegen das Leben der Tiere nachweislich verlängert hat, scheint die Diät bei Rhesusaffen nicht in dieser Hinsicht zu wirken.

Die Wissenschaftler setzen Rhesusaffen bereits seit 23 Jahren auf Diät. Sie fraßen zehn bis 40 Prozent weniger Kalorien täglich als in der übliche Nahrung der Tiere enthalten ist. Wie Julie Mattison und ihr Team im Online-Magazin der Fachzeitschrift „Nature“ berichten, gab es jedoch keinen lebensverlängernden Effekt im Vergleich zur normal ernährten Kontrollgruppe. Die Forscher konnten dennoch eine Auswirkung der Diät auf den Stoffwechsel der Tiere beobachten, die erst im fortgeschrittenen Alter von 16 bis 23 Jahren weniger Kalorien erhielten. Die Stoffwechselaktivität sei gesünder gewesen. Rhesusaffen werden in Gefangenschaft durchschnittlich 27 Jahre alt. Nur in Ausnahmefällen erreichen sie das 40. Lebensjahr. Die Tiere, die bereits sehr früh mit der Diät begonnen hatten, litten zudem erst später unter den üblichen Alterskrankheiten, da ihre Immunzellen besser funktionierten. Eine weitere Beobachtung der Wissenschaftler betraf die männlichen Affen. Diese zeigten Reifeverzögerungen und ein verlangsamtes Knochenwachstum als Reaktion auf die Diät. Schlussendlich kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass weniger Kalorien bei Rhesusaffen kein längeres Leben zur Folge haben.

„Zu glauben, dass die einfache Verringerung der Kalorien eine solch weitreichende Veränderung bewirken kann, war bemerkenswert“, sagt der Gerontologe Don Ingram von der Louisiana State University in Baton Rouge in „Nature“, der die Studie vor 30 Jahren während seiner Zeit am NIA konzipiert hat.

Lebensverlängernder Effekt scheint von der reduzierten Ernährung abzuhängen
Das Ergebnis der NIA-Forscher steht im direkten Gegensatz zu früheren Studienergebnissen des Nationalen Primatenforschungszentrums in Wisconsin (WNPRC). Dort finden ebenfalls Langzeitstudien zu einer möglichen lebensverlängernden Wirkung von Kalorienreduktion statt. Die Wissenschaftler des WNPRC kamen zu dem Schluss, dass die verringerte Kalorienzufuhr die Lebenserwartung der Rhesusaffen verlängert. Während in der Kontrollgruppe der normal ernährten Tiere von 76 Affen 14 an altersbedingten Krankheiten starben, waren es in der Diätgruppe nur fünf. Bei der NIA-Studie starben in der Kontrollgruppe 24 Prozent der Tiere und der Diätgruppe 20 Prozent. Die Sterberate war demnach in beiden Gruppen annähernd gleich hoch.

Unterschied liegt in der Art der Ernährung
Als Ursache für die gegensätzlichen Studienresultate vermuten die NIA-Forscher die stark von einander abweichende Ernährung der Rhesusaffen. Im WNPRC wirkten die Affen der Diät-Gruppe gesünder im Vergleich zur Kontrollgruppe, da diese ungesundes Futter erhielten und die Diät-Gruppe weniger davon fraß. Im NIA dagegen erhielten die Affen ein Futter auf natürlicher Basis. So erhielten die Tiere im WNPRC beispielsweise Futter, das zu 28,5 Prozent aus Kristallzucker bestand, während das NIA-Futter lediglich einen Anteil von 3,9 Prozent enthielt. Kristallzucker gilt als begünstigend für die Entstehung von Typ-II-Diabetes, einer häufigen Todesursache im fortgeschrittenen Alter. Zudem beinhaltete die Tiernahrung des NIA im Gegensatz zum Futter des WNPRC auch Fisch-Öl sowie Antioxidantien. Die Affen der Kontrollgruppe im WNPRC durften darüber hinaus so viel fressen wie sie wollten. Dementsprechend war ihr Gewicht höher als das der Affen im NIA, die eine festgelegte Menge Futter erhielten. Rick Weindruch, Gerontologe am WNPRC und Studienleiter, räumt gegenüber „Nature“ ein: „Alles in allem war unsere Nahrung wohl nicht so gesund.”

„Insgesamt könnten die WNPRC Ergebnisse eine ungesunde Kontrollgruppe anstatt einer langlebigen Diät-Gruppe widergespiegelt haben“, schreiben die Forscher. „Als wir diese Studie begannen, war das Dogma, eine Kalorie ist eine Kalorie", erklärt Ingram gegenüber „Nature“. „Ich denke, es ist klar, dass die Art der Kalorien, die die Affen fraßen, den großen Unterschied ausmachte." (ag)