Kassen: Externe Berater für psychisch Kranke

Alfred Domke

Kassen setzen wegen teurem Krankengeld auf externe Berater für psychisch Kranke

20.10.2013

Krankenkassen setzen mehr und mehr externe Berater für die Betreuung psychisch Kranker ein. Ärzte und Datenschützer sehen in diesem neuen Geschäftsmodell Probleme.

Gespräche bei externen Beratern sind freiwillig
Immer öfter bekommen krankgeschriebene Arbeitnehmer Post von ihrer Krankenkasse mit einer Einladung zu einem „Beratungsgespräch zum Gesundheitsmanagement“, welches nicht bei der Kasse selbst sondern bei einem privaten Dienstleister wie beispielsweise Ge.on Case Management stattfinden soll. Die Beratungen bei solchen Firmen, die von den Kassen beauftragt werden, psychisch und chronisch Kranke zu betreuen, sind freiwillig. Auch wenn kein Versicherter von seiner Kasse verpflichtet werden kann, diese Gespräche wahrzunehmen, lehnen doch die wenigsten ab. Laut der Chefin von Ge.on Case Management, Susanne Jacobs-Finkelmeier, mache dies nur eine Minderheit: „90 Prozent der von der Kasse angesprochenen Versicherten machen mit und sind dankbar für unser Angebot.“ Jährlich betreue das Unternehmen rund 10.000 Personen und laut Jacobs-Finkelmeier seien nur wenige zunächst misstrauisch und würden sich dann doch überzeugen lassen und bleiben.

Kassen wollen Behinderte und chronisch Kranke loswerden
In den letzten Wochen war der Umgang von Krankenkassen mit psychisch Kranken in die Kritik geraten. Es war die Rede von Sachbearbeitern, die massiven Druck ausüben, Telefonterror und Einschüchterung betreiben würden. So wurde nach einem Bericht des Bundesversicherungsamtes (BVA) auch versucht, Behinderte und Patienten mit längerfristigen Krankheiten per Telefonanruf aus der Kasse zu drängen. Diese Kassen bekamen eine deutliche Rüge. "Die dargestellte Verfahrensweise verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Sozialgesetzbuches und wird der Verantwortung der gesetzlichen Krankenkassen gerade auch bei der medizinischen Versorgung von behinderten und chronisch kranken Menschen nicht gerecht", rügten die Autoren des Berichts.

Krankengeld soll eingespart werden
All dies geschah vor dem Hintergrund der Kosten. Krankgeschriebene Arbeitnehmer erhalten in der Regel während der ersten sechs Wochen Entgeltfortzahlung durch ihren Arbeitgeber und danach Krankengeld von der Krankenkasse. Dessen Höhe orientiert sich am zuletzt erhaltenen Gehalt. Vor allem bei psychischen Erkrankungen komme es oft zu längerer Arbeitsunfähigkeit. Durch Stress ausgelöste Depressionen etwa haben in den letzten Jahren stark zugenommen und verursachen zahlreiche Fehltage. Bundesweit seien Schätzungen zufolge 2,2 Millionen Menschen im Jahr wegen psychischer Krankheiten arbeitsunfähig. Die Zahl der Fälle nahm demnach in den letzten 15 Jahren um fast 150 Prozent zu.

Kein Druck auf psychisch Kranke
Mittlerweile hätten annähernd alle Krankenkassen Krankengeld-Fallmanager eingestellt, in den meisten Fällen seien sogar ganze Abteilungen für diese besonders kostenaufwendigen Versicherten zuständig. Parallel dazu hat sich im ganzen Land eine Branche von Dienstleistern etabliert, die sich den Kassen gegenüber teilweise damit anpreisen, psychisch Kranke zurück in den Job und damit raus aus dem Krankengeld zu bringen. Laut Jacobs-Finkelmeier solle aber auf die Versicherten kein Druck ausgeübt werden. „Wir wollen, dass Patienten alles bekommen, was sie brauchen, um gesund zu werden“, meint die Firmenchefin. Ihre Mitarbeiter – Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzte – würden dafür eng mit dem behandelnden Arzt zusammenarbeiten. „Der Eindruck der medizinischen Laien ist: Man muss bei psychisch Kranken Druck machen, dann läuft das schon wieder“, so die Unternehmerin. Aber damit werde „ nur das Gegenteil erreicht.“

Skepsis an der Arbeit der Dienstleister
Ihre Firma setze neben der Kooperation mit den Ärzten darauf, mit dem Patienten direkt an seinen Problemen zu arbeiten. Beispielsweise könnten Berater helfen, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen und das Gespräch mit Kollegen oder Vorgesetzten suchen. Viele Ärzte und Patientenschützer sind jedoch skeptisch, was die Arbeit dieser Dienstleister angeht. So kritisiert Claudia Schlund von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD): „Da wird ein subtiler Druck auf die Patienten erzeugt“ und weiter: „Viele fühlen sich genötigt, sich nackt auszuziehen, alles preisgeben zu müssen.“ Ihrer Erfahrung nach seien viel psychisch Kranke nicht frei in ihrer Entscheidung, mit den Beratern zu reden. „Sie haben Angst vor dem Damoklesschwert Leistungskürzung und machen deshalb mit.“

Datenschützer besorgt
Für Frau Jacobs-Finkelmeier ist diese Kritik nicht neu, aber sie hält sie für unbegründet. Sie würde zwar auch Kassen kennen, die Versicherte unter Druck setzen und kein großes Interesse an ihrer Genesung hätten, aber mit solchen würde ihr Unternehmen nicht zusammenarbeiten. Ein weiteres Problem, das in der Arbeit der Dienstleister gesehen wird, liegt beim Datenschutz. Denn die Unternehmen sammeln zahlreiche persönliche Informationen über die Patienten und tauschen diese auch mit den Kassen aus. Eine Sprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar, meint, es sei noch lange nicht klar, ob diese Praxis wasserdicht sei, auch wenn Versicherte diesem Vorgehen schriftlich zustimmen müssen: „Es gibt dafür keine Rechtsgrundlage.“ Sie kündigt eine gründliche Prüfung an: „Wir werden dem nachgehen.“ (ad)

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