Kassenpatienten warten 16 Tage länger

Sebastian

Gesetzlich Krankenversicherte warten in Baden-Württemberg durchschnittlich 16 Tage länger auf einen Facharzttermin

07.09.2012

In Baden-Württemberg warten gesetzlich Krankenversicherte laut einer Kurzstudie der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen bedeutend länger auf einen Termin bei einem Facharzt, als im Vergleich Versicherte der Privaten Krankenversicherung (PKV). Nach Angaben der Grünen-Politikerin und Bundestagsabgeordneten zeigte sich bei Neurologischen Facharztpraxen.

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Für die nicht-repräsentative Studie haben die Mitarbeiter der Politikerin bei insgesamt 490 ambulanten Fachärzten angerufen und sich entweder als Kassen- oder Privatpatient ausgegeben. „Bei der Umfrage machte nur eine Viertel der angerufenen Praxen keinen oder kaum einen Unterschied“, heißt es in dem Resümee. In einigen Fällen wiesen die Arztpraxen bei der Vergabe von Terminen Unterschiede von über 100 Tagen auf. Ein besonders krasser Fall sei bei einer Arztpraxis in Karlsruhe beobachtet worden. Während der Privatpatient nach nur 20 Tage einen Termin bekam, sollte der Krankenkassen-Patient 210 Tage (7 Monate) auf die Erstuntersuchung warten.

Höhere Arzthonorare bei Privatpatienten
Ärzte vergeben unterschiedliche Termine, weil sie unterschiedlich für die Therapien bezahlt werden, so Bender. Für eine Behandlung eines Privatpatienten erhalten die Ärzte den 2,5-fachen Satz eines Kassenpatienten. In diesem Zusammenhang forderte die Politikerin eine grundsätzliche Reform des Gesundheitssystem. Statt dem zweigliedrigen System sollte eine Krankenversicherung für alle Bundesbürger eingeführt werden. Bei einer Bürgerversicherung wären Patienten gleich behandelt, weil die Rahmenbedingungen verändert wären. Neben den Grünen fordern auch Teile der SPD und der Linkspartei die Einführung einer gesetzlichen Bürgerversicherung. Auf Widerstand stößt ein solcher Vorschlag allerdings bei FDP und Union.

Im Verlauf der Stichprobe wurden fast 500 fachärztliche Praxen in Baden-Württemberg angerufen. Zunächst gab sich der Anrufer als Privatpatient und maximal einen Tag später als Kassenpatient aus. Die Arztpraxen der Neurologen, Hautärzte, Augenärzte, Radiologen, Orthopäden, Kardiologen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzten (HNO) wurden nach dem Zufallsprinzip aus dem Telefonbuch ausgewählt.

Wartezeitunterschiede in den Landesteilen
Neben dem signifikant längeren Wartezeitunterschied zeigten sich auch Unterschiede bei den Landesteilen. Besonders groß waren die Unterschiede etwa in den Regionen Friedrichshafen, Ravensburg und Umgebung mit 21 Tagen, in Karlsruhe und Pforzheim mit 19 Tagen sowie im Ostschwarzwald mit 18 Tagen. Einen geringen Zeitabstand der Terminvergabe zeigten hingegen die Regionen Ulm, Tübingen und Reutlingen mit 11 Tagen, Mannheim mit 12 Tagen und der Großraum Stuttgart mit 13 Tagen. 15 Arztpraxen vergaben überhaupt keine Termine an Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen.

Unterschiede konnten die Tester auch bei den medizinischen Fachausrichtungen beobachten. Gesetzliche Krankenkassenpatienten mussten auf einen Arzttermin bei einem Neurologen mit durchschnittlich 24 Tage Zeitunterschied am längsten warten. Termine bei Dermatologen wurden im Schnitt mit 22 Tagen Wartezeitunterschied vergeben, bei Augenärzten waren 21 Tage. Lange Wartezeiten wiesen auch die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Kardiologen auf. Allerdings waren hier die Wartezeiten weniger stark auseinanderklaffend. Bei den HNO-Medizinern 4 Tage und bei den Herzspezialisten 7 Tage. Eine Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kam bereits im November letzten Jahres zu ähnlichen Ergebnissen. (sb)