Kaufsucht treibt Menschen in den Ruin

Fabian Peters

Krankhaftes Kaufverhalten mit schweren Folgen

21.11.2012

Kaufsucht beziehungsweise krankhaftes Kaufverhalten ist bei der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ein durchaus verbreitetes Phänomen. Ohne therapeutische Hilfe können sich viele der Kaufsüchtigen nicht von ihrem zwanghaften Konsumverhalten befreien und es drohen erhebliche psychische, soziale und finanzielle Probleme, berichtet Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einer Patienteninformation für Kaufsüchtige.

Zwischen fünf und acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind nach Einschätzung von Experten extrem Kaufsucht gefährdet. Sie neigen zu irrationalen Einkäufen, bei denen nicht der Besitz der Güter sondern der Einkauf an sich im Vordergrund steht. Dank der bequemen Einkaufsmöglichkeiten im Internet können Betroffene heutzutage rund um die Uhr auch von zu Hause ihre Kaufsucht befriedigen, was die Kontrolle der Zwangsstörung unter Umständen deutlich erschwert. Um den Kaufsüchtigen zu helfen, bietet die MHH-Psychologin eine Gruppentherapie an. In dieser soll das „Erkennen und Modifizieren von dysfunktionalen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensmustern, welche die Kaufattacken auslösen und aufrechterhalten“ sowie die Vermeidung der Kaufattacken und das „Etablieren eines angemessenen Kaufverhaltens“ vermittelt werden.

Kaufsucht oft ausgelöst durch belastende Situationen und Gefühle
Kaufsucht ist gekennzeichnet durch ein entgleistes Kaufverhalten, bei dem im Zuge regelrechter Kaufattacken ohne vernünftige Motivation Waren erstanden werden. Ausgelöst wird der Kaufrausch oftmals durch negative Gefühle und das Bedürfnis nach Ablenkung von Problemen. So berichtet „Welt Online“ von einer Patientin, die nach dem Tod ihres Mannes durch einen Gehirntumor im Jahr 1984 erstmals in die Kaufsucht verfallen war. Die Patienten hatte als 29-Jährige Witwe zwei kleine Kinder großzuziehen und wollte allen Seite zeigen, dass es ihr und den Kindern trotzdem gut geht. So wurde teure Kleidung für die Töchter und sich selbst gekauft, Freunde erhielten großzügige Geschenke und die Patientin erlebte beim Einkauf der Dinge regelrechte Glücksgefühle.

Kaufsüchtige erliegen dem Einkaufsrausch
Der Einkauf sei ein für Außenstehende kaum nachvollziehbarer Rausch ähnlich wie ein Trip auf Drogen gewesen, berichtete die Betroffene. Ihre Kaufsucht habe sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes vor Gericht gebracht, wo sie sich wegen Betruges verantworten musste. Letztendlich wurde sie in die forensische Psychiatrie überwiesen, wo ihr jedoch niemand helfen konnte und sie erneut bei Freigängen in ihr irrationales Kaufverhalten verfiel. Am Ende solcher Leidenswege stehen oft soziale Isolation, wirtschaftlicher Ruin und erhebliche psychische Beschwerden. Im Zuge der Kaufattacken blenden Kaufsüchtige mögliche negative Folgen ihres Verhaltens wie Verschuldung, Beziehungsprobleme anschließende Depressionen und Ängste jedoch vollständig aus. Sie erliegen ihrem innerlichen Einkaufsdrang und während des Erwerbs stellt sich vorübergehend eine Verbesserung der Stimmung ein. Dieses Gefühl ist ähnlich wie bei Drogen jedoch nur von kurzer Dauer.

Schuldgefühle, Reue und Scham nach dem Einkauf
Nach dem Erwerb oder im Moment der Warenlieferung setzen bei Kaufsüchtigen „typischerweise Reue und Schuldgefühle ein“, berichtet die Expertin der MHH, Astrid Müller. So würden die gekauften Waren anschließend „verheimlicht, versteckt, entschuldigt, oft nie ausgepackt oder gehortet.“ Kaufsucht-gefährdet sind laut Aussage der MHH-Psychologin alle Menschen, die immer wieder nicht benötigte Dinge erwerben. Zudem zeigen viele der Patienten ein geringes Selbstbewusstsein und leiden vermehrt an weiteren psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen oder Angststörungen, berichtet die Expertin. Ansonsten hätten de Patienten jedoch kaum Gemeinsamkeiten. Die Kaufsucht sei bei Armen und Reichen, bei Promovierten und Bildungsfernen, bei Traumatisierten aber auch bei Personen mit unbedenklichen Biografien zu beobachten. Die Kaufsucht wird offiziell nicht als Suchterkrankung sondern als Zwangsstörung eingestuft, da gemäß der International Classification of Diseases (ICD-10) nur die Abhängigkeit von einem Stoff als Sucht anerkannt ist, nicht jedoch die Verhaltenssucht.

Verhaltenstherapie als Ausweg für Kaufsüchtige
Als erprobter nachweislicher wirksamer Behandlungsansatz gilt bei der Kaufsucht eine Verhaltenstherapie, wie sie am Universitätsklinikum Erlangen unter der Leitung von Astrid Müller vor einigen Jahren erfolgreich getestet wurde und heute auch an der MHH in Hannover praktiziert wird. Dabei sollen die Patienten in zwölf 90-minütigen Gruppensitzungen lernen, ihre Sucht zu überwinden. Die Aneignung von Ersatzbeschäftigungen ist ebenso Bestandteil der Therapie wie ein entsprechend angepasstes Geldmanagement oder der Umgang mit Selbstwertproblemen. Viele Betroffene finden darüber hinaus Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe, bei der sie sich mit anderen Kaufsüchtigen über ihre Probleme austauschen können. (fp)

Kaufsucht betrifft auch Männer

Bild: gnubier/Pixelio.de