Kein Fettabsaugen bei Übergewichtigen

Sebastian

Fettabsaugung birgt Risiken und kann im schlimmsten Fall zum Tode führen

09.01.2013

Fettabsaugen scheint für immer mehr Menschen eine Alternative für Sport und gesunde Ernährung gegen unliebsame Fettpölsterchen zu sein. In den wenigsten Fällen besteht eine medizinischen Notwendigkeit. Doch der Eingriff birgt zum Teil erhebliche Risiken. Vor allem Übergewichtige sollten von einer Fettabsaugung absehen, da sie nicht der Gewichtsreduktion dient, raten Experten. Betroffene sollten zunächst mit Bewegung und einer Diät die überflüssigen Funde abspecken.

Fettabsaugen bei unliebsamen Fettpölsterchen
Es gibt Fettpölsterchen wie die sogenannten Reiterhosen an den Oberschenken oder die „Love handles“ an den Flanken, die mit Sport nicht weg zu trainieren sind. Einige Menschen stören sich so sehr daran, dass sie den Gang zum Schönheitschirurgen wagen. In der Regel fällt die Wahl dort auf eine sogenannte Liposuktion, die Fettabsaugung. Menschen mit starkem Übergewicht sollten jedoch unbedingt davon absehen.

„Die Fettabsaugung ist nichts für Übergewichtige, sie dient nicht der Gewichtsreduzierung", betont Lutz Kleinschmidt von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch Plastische Chirurgie (DGÄPC). An eine Liposuktion sei erst zu denken, wenn Sport und Diät keine Reduzierung des Gewichts mehr bewirkten. Patienten, bei denen eine Fettabsaugung durchgeführt werde, sollten über einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 19 und 25 verfügen, erklärt Kleinschmidt. Bei sehr stark adipösen Menschen würde der Facharzt nach eigenen Angaben diese Behandlung deshalb nicht durchführen.

Fettabsaugen und Hautstraffung
Professor Günter Germann von der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) erläutert den Zusammenhang zwischen Fettabsaugung und Straffung der Haut: „Eine Fettabsaugung ist immer integraler Bestandteil bei einer Oberarm-, Oberschenkel- oder Bauchdeckenstraffung.“ Eine Straffung werde beispielsweise nach starkem Gewichtsverlust in einigen Fällen gewünscht.

Bei einer Liposuktion wird laut Germann Fett über eine Kanüle abgesaugt und zudem eine große Wunde vom Chirurgen erzeugt, durch die die Haut während der Heilung beim Zusammenziehen natürlich gestrafft werden soll. Eine Verbesserung der Körperkontur könne jedoch nicht immer erreicht werden. „In vielen Situationen reicht die Saugung allein, manchmal ist sie auch nur ein Versuch, und die Haut bleibt schlaff hängen, ohne sich zurückzuziehen“, erläutert Germann, dessen Privatklinik zur rekonstruktiven Medizin am Uniklinikum Heidelberg gehört. Dann könne eine operative Hautstraffung in Betracht gezogen werden.

Fettabsaugen selten medizinisch notwendig
In den meisten Fällen wird eine Liposuktion ausschließlich aus ästhetischen Gründen durchgeführt. Es gibt jedoch auch medizinische Indikationen. „Wenn im rekonstruktiven Bereich bei sogenannten Lappenplastiken nach Gewebetransplantationen zu viel Volumen vorhanden ist, wenn also zum Beispiel Haut- und Fettgewebe vom Ober- auf den Unterschenkel übertragen wurde, dann ist die Saugung inzwischen ein Mittel, das zu reduzieren", berichtet der Mediziner.

Bei sogenannten Lipödemen – das sind krankhafte Gefäßveränderungen mit Wasseransammlungen im Fettgewebe – kann ebenfalls eine Fettabsaugung aus medizinischer Sicht geeignet sein. Die Gefäßexpertin Professor Etelka Földi von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie sieht ein weites Anwendungsgebiet für Liposuktionen, um Beschwerden des Knochenbaus bei drohenden X-Beinen vorzubeugen. Dann werde in Kniehöhe Fett abgesaugt. „Allerdings ersetzt die Liposuktion beim Lipödem nicht die konservative Therapie aus Sport, Kompressionsstrümpfen und Lymphdrainage", Földi. Die Medizinerin war an der Verfassung der Behandlungsleitlinie zum Lipödem beteiligt.

Es existieren viele Risiken beim Fettabsaugen. Das sei nicht anders, als bei anderen Operationen, wie der Mediziner betonte. Die größte Gefahr sei, dass sich an den Stellen, an denen das Fett abgesaugt wurde, Dellen bilden. Auch könne es zu Entzündungen oder Embolien im Fett kommen. Das komme aber selten vor. "Als normale Komplikationen gelten Schwellungen und Blutergüsse. Das betrifft eigentlich alle Patienten", berichtet Kleinschmidt. Möglich sei auch, dass ein asymmetrisches Ergebnis resultiert. Operateure vermeiden dies, in dem die Fettmenge Millimeter genau verglichen wird, die rechts und links beispielsweise aus den Oberschenkeln abgesaugt werde. Trotz zahlreicher Vorkehrungen kann es immer wieder vorkommen, dass etwa drei Monate später noch einmal ein Eingriff notwendig wird, um Korrekturen vorzunehmen.

Zum Teil tödliche Folgen eines Eingriffs
Laut einer Umfragestudie der Universität Bochum im Rahmen einer Doktorarbeit, ist es zwischen den Jahren 1998 und 2002 bei insgesamt 2275 Liposuktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu 75 ernsthaften Komplikationen gekommen. 23 Patienten starben an den Folgen des Eingriffs. So traten beispielsweise schwerwiegende Keiminfektionen der Haut und Unterhautschichten auf, Blutvergiftungen, beschädigte Gallenblasen, Gasbrandinfektionen und andere Schäden auf. Die meisten unerwünschten Folgen traten innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Operation auf. Oftmals werden aber erst nach 14 Tagen nach der Operation Nachuntersuchungen vereinbart. Daher rät die Medizinerin in ihrer Dissertation, „Ärzte sollten die Patienten routinemäßig innerhalb der ersten 24 Stunden nach der OP untersuchen.“ Zudem sollte ein Fettabsaugen nicht mit weiteren Eingriffen gleichzeitig stattfinden. „Die abgesaugte Menge sollte nie mehr als vier Liter betragen“.

Nach dem Fettabsaugen müssen alle Operierten Kompressionsmieder tragen und sich körperlich bis zu 14 Tage schonen. Das bedeutet auch, dass Sport und aktive Bewegung ebenfalls mindestens zwei Wochen nicht durchgeführt werden darf. Ein wiederholender Eingriff an der selben Körperstelle sei laut der Experten „frühestens sechs Monate der vorigen OP möglich“. Wird an anderer Stelle operiert, ist ein erneuter Eingriff nach drei Monaten möglich.

Krankenkassen übernehmen grundsätzlich keine Behandlungskosten
Krankenkassen zahlen grundsätzlich nicht die Kosten für ein Fettabsaugen. Jeder Eingriff muss daher aus eigener Tasche getragen werden. Die Behandlungskosten orientieren sich am Aufwand, der betrieben werden muss. Für das Absaugen an Außen- und Innenseiten der Oberschenkel veranschlagt zum Beispiel Dr. Kleinschmidt zwischen 4000 und 6000 Euro. Sollen noch weitere Körperstellen behandelt werden, können schnell 10.000 Euro zusammen kommen.

Die Kassen zahlen auch dann nicht, wenn die Behandelten an einem Lipödem leiden oder eine genetische Veranlagung „Säulenbein“ haben. Laut Földi ist die Studienlage zur zur Liposuktion beim Lipödem sehr verwirrend“. Kassen zahlen aber nur dann, wenn eindeutig eine Erkrankung und eine wissenschaftlich nachgewiesene Behandlung vorliegt. „In allen anderen Fällen müssen die Patienten ganz allein die Kosten tragen. Erst Recht, wenn der Eingriff kosmetischer Natur ist, betont Steffen Hausmann, Versicherungsexperte. (sb)

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