Kein Krebsrisiko durch Handynutzung?

Fabian Peters

Kein Zusammenhang zwischen Krebsrisiko und Handy-Nutzung

21.10.2011

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation noch vor wenigen Monaten vor einer möglicherweise krebserregenden Wirkung der hochfrequenten elektromagnetischen Strahlung gewarnt hat, kommen dänische Forscher vom Institut für Krebsepidemiologie in Kopenhagen nun in der bis dato größten Studie zum Thema Handy-Strahlung und Krebs zu dem Ergebnis, dass mit der gewöhnlichen Nutzung von Handys keine erhöhte Krebsgefahr einhergeht.

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Die möglichen Gesundheitsrisiken der Handy-Strahlung sind bis heute auch in der Fachwelt äußerst umstritten. Erst im Mai veröffentlichte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) eine umfassende Studie, die die WHO dazu veranlasste, vor der „möglicherweise krebserregenden“ Wirkung der elektromagnetischen Felder von Mobiltelefonen zu warnen. Die sogenannte Interphone-Studie der IARC hatte beim Vergleich der Daten aus 13 Ländern eine geringfügig erhöhte Wahrscheinlichkeit von Erkrankung an speziellen Hirntumoren (Gliome) bei Personen festgestellt, die besonders viel mit dem Handy telefonierten. Die Wissenschaftler des Instituts für Krebsepidemiologie in Kopenhagen berichten nun in der aktuellen Ausgabe des British Medical Journal, dass ihre Untersuchungen keinen derartigen „Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Krebs und dem Gebrauch von Handys erkennen“ lassen.

Bisher umfassendste Studie zum Krebsrisiko durch Mobilfunk
Die Wissenschaftler des Instituts für Krebsepidemiologie konnten nach eigenen Angaben in der bislang größte Untersuchung zu den Risiken der Handy-Strahlung, keine Erhöhung des Krebsrisikos feststellen. Im Rahmen ihrer Studie hatten die Forscher die Krebsregister-Daten aller Dänen im Alter über 30 Jahren sowie sämtliche Handyverträge, die zwischen 1982 und 1995 von den insgesamt rund 5,5-Millionen Einwohnern Dänemarks abgeschlossen wurden, berücksichtigt. Da in Dänemark sowohl bei Abschluss eines Handyvertrages als auch im Krebsregister stets die sogenannte Personenkennziffer festgehalten wird, konnten die Epidemiologen hier relativ einfach mögliche Zusammenhänge zwischen der Dauer der Handy-Nutzung und dem Auftreten von Krebserkrankungen vergleichen. Angesichts der Ergebnisse erteilten die Forscher des Instituts für Krebsepidemiologie in Kopenhagen für die normale Nutzung von Mobiltelefonen vorerst Entwarnung und betonten, dass keine erhöhte Krebsgefahr durch den Mobilfunk zu befürchten sei. Dies treffe auch auf das Auftreten der seltenen Hirntumore (Gliome) und auf Personen, die seit mehr als 13 Jahre Mobiltelefone nutzen, zu.

Keine vollständige Entwarnung für Handy-Strahlung
Vollständige Entwarnung wollten die Forscher um Erstautorin Patrizia Frei vom Institut für Krebsepidemiologie jedoch nicht geben. Denn laut Aussage der Wissenschaftler bleiben weiterhin „noch viele Fragen offen“. So könne zum Beispiel „eine sehr starke Nutzung über Jahrzehnte vielleicht doch ein erhöhtes Krebsrisiko mit sich bringt“, erklärte Patrizia Frei gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Auch wurde im Rahmen der aktuellen Untersuchung das Krebsrisiko bei Kindern durch die Mobilfunkstrahlung nicht genauer analysiert und bleibt daher weiterhin unklar, erläuterten die Experten. Auch bleibe bei der Datenauswertung ein Unsicherheitsfaktor, da etwa 200.000 Verträge für Firmenhandys nicht personenbezogen zugeordnet werden konnten und daher aussortiert beziehungsweise der Gruppe der Nichtnutzer zugerechnet wurden. Sollten die Nutzer der Firmenhandys Vieltelefonierer gewesen sein, die möglicherweise unter einem erhöhten Krebsrisiko litten, so hätte sich durch die Zuordnung bei den Nichtnutzern deren Krebsrisiko statistisch gesehen erhöht, wohingegen das bei den Handynutzern verringert wurde, erklärte Patrizia Frei mögliche Schwächen der eigenen Studie. Ein weiteres Defizit der Untersuchung sei, dass alle Dänen, die erst nach 1996 ihren ersten Handyvertrag abschlossen, ebenfalls als Nichtnutzer gelistet wurden, erläuterte die Expertin.

Dennoch bleibt die dänische Studie im Vergleich zu den bisherigen Studien methodisch einwandfrei. Allein die Tatsache, dass sie als Kohortenstudie angelegt wurde, die ganze Jahrgänge erfasst anstatt nachträglich ausgewählte Personen zu ihrer Handynutzung zu befragen, biete erhebliche Vorteil, so die Aussage der Wissenschaftler. Bei der Interphone-Studie der IACR beruhten die Daten zum Beispiel lediglich auf den Angaben ausgewählter Studienteilnehmer. Die nachträglichen Interviews können jedoch erhebliche Verzerrungen der Ergebnisse mit sich bringen, erläuterte Patrizia Frei. So würden Krebspatienten eher an entsprechenden Befragung teilnehmen und sich zudem eher an zu viele Handygespräche erinnern, wenn sie persönlich diese als Ursache ihrer Krebserkrankung vermuten.

Kein Zusammenhang zwischen Krebs und Mobilfunkstrahlung?
In einem Kommentar zu der aktuellen Veröffentlichung im British Medical Journal berichten Anders Ahlbom und Maria Feychting vom schwedischen Karolinska-Institut, dass die meisten ernstzunehmenden Studien keine erhöhte Krebsgefahr durch Handy-Strahlung feststellen konnten. Diese Einschätzung werde auch durch die Zahlen den Krebsstatistik bestätigt, wonach das Auftreten von Hirntumoren in den vergangenen 40 Jahren nicht gestiegen ist. Sollte Handy-Strahlung krebserregend wirken, so müsste dies längst in den Statistiken erkennbar sein, so der Kommentar von Ahlbom und Feychting. Dieser Rückschluss scheint jedoch ein wenig voreilig. Denn weiterhin bleibt unklar, ob Handys langfristig eventuell doch eine krebserregende Wirkung haben. Die längste berücksichtigte Handynutzung bezieht sich bisher auf einen Zeitraum von 13 Jahren. Was nach 20, 30 oder 50 Jahren Handynutzung im menschlichen Organismus für Folgen drohen, können bisherige Studien nicht eindeutig klären. Da auch die dänischen Forscher betonen, dass weitere Studien erforderlich sind, um das Krebsrisiko der Handy-Strahlung abschließend zu beurteilen, ist die Öffentlichkeit an dieser Stelle nach der Studie ungefähr so schlau wie vorher.

Restrisiko für die Gesundheit bisher nicht auszuschließen
Auch wurden in der Vergangenheit bereits zahlreiche Studien veröffentlicht, die auf eine möglicherweise krebserregende Wirkung der Mobilfunkstrahlung hinwiesen, erklärte der Diplom Physiker Dr. Hartmut Voigt vom ECOLOG – Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung in Hannover Anfang Juni gegenüber „Heilpraxisnet.de“. Daher hatte das ECOLOG-Institut schon vor Jahren eine eigene Grenzwertempfehlung für die „Summenbelastung aller Immissionen“ im Außenraum in Höhe von 10 Milliwatt pro Quadratmeter vorgelegt. Im Innenraum sollte laut ECOLOG sogar ein Grenzwert von einem Milliwatt pro Quadratmeter eingehalten werden. Wie Dr. Hartmut Voigt erklärte, beziehen sich die Grenzwerte dabei auf eine Ganzkörperbelastung. Personen, die die ganze Zeit das Handy am Ohr haben, setzten sich laut Aussage des Experten jedoch vor allem im Kopfbereich einer erhöhten Strahlenbelastung aus. Damit steige möglicherweise auch bei Einhaltung der allgemeinen Grenzwerte das Risiko von Gewebeveränderungen im Gehirn. Als Vorsichtsmaßnahme empfiehlt daher auch Patrizia Frei den Handygebrauch generell auf ein Minimum zu beschränken. (fp)