Kein Wildfleisch während der Schwangerschaft

Sebastian

Schwangere und Kinder sollten auf Wildbret verzichten

22.09.2011

Kleinkinder, Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere sollten kein Wildfleisch verzehren. Darauf weist das Bundesinstitut für Risikobewertung hin. Der Grund: Die wilden Tiere werden mit Bleimunition erlegt, so dass das Fleisch mit Blei großflächig kontaminiert wird.

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Kinder und Frauen während der Schwangerschaft sollten kein Wildbret essen. Nahrungsmittel und Trinkwasser in Deutschland enthalten sowieso schon vielmals höhere Bleikonzentrationen. Somit ist die Bleiaufnahme über andere Lebensmittel bereits relativ hoch. Daher könnte der Verzehr von Wildfleisch wie Reh, Hirsch oder Wildschwein die Gesundheit der Konsumenten gefährden. Laut einige Untersuchungen besteht „ein erhöhtes Risiko beim wöchentlichen Verzehr", erläuterte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung Professor Andreas Hensel in Berlin. In einem hohen Maße sind Kleinkinder bis zum siebten Lebensjahr und Ungeborene im Mutterleib gefährdet, „bei denen bereits eine geringe Bleiaufnahme zu Gesundheitsschäden führen kann“, sagte Hensel. Außerhalb dieser Risikogruppe besteht nur ein geringes gesundheitliches Risiko, wenn das Wildtier nur in Maßen und geringen Mengen gegessen wird. Dann sei das Gesundheitsrisiko vernachlässigbar, so der Vorsitzende des „BfR“.

Die Behörde hat die Warnmeldung herausgegeben, weil neue Datenerhebungen zu erweiterten Erkenntnissen gelangt sind. Daher wurde nun eine neue Risikobewertung durch das BfR vorgenommen. Bei der Jagd wird Bleischrot verwendet. Die Geschosse hinterlassen laut Analysen Bleifragmente im erlegten Tier. Die Jagdgeschosse verformen oder zersplittern beim Aufprall und bleihaltige Artikel und Splitter lösen sich. Diese Fragmente verbleiben dann im Wildfleisch und dringen tief ein. Das Argument, die Einschussstelle werde großzügig herausgeschnitten, reicht nicht aus, um die Kontaminierung deutlich zu minimieren. Die Bleibelastung ist dennoch Labortechnisch nachweisbar. Zudem sind die Bleisplitter im Fleisch mit bloßem Auge kaum erkennbar. Eine erhöhte Konzentration von Blei im Körper kann die Blutbildung verändern, das zentrale Nervensystem und innere Organe schädigen. Besonders Kinder können durch erhöhte Konzentrationen Nervenschäden und Entwicklungsstörungen davontragen.

Blei wird nicht nur durch Wildfleisch aufgenommen, sondern auch durch die Atemluft, Tabakrauch, Trinkwasser, Blei-Keramik-Geschirr, Farb- und Rostschutzanstriche sowie über bleihaltige Künstlerfarben. Der Schadstoff setzt sich in den Konchen, Muskeln und Gehirn ab und wird dort Jahrelang gespeichert. Nach und nach sondert sich das Blei ab, so dass Bleikonzentrationen im Blut auch Jahre nach der Belastung nachweisbar sind. Selbst Säuglinge nehmen Blei im Mutterbauch auf und Babys trinken es mit der Muttermilch.

Schon längere Zeit warnten Verbraucherschützer und Naturverbände vor der Verwendung von bleihaltiger Jagdmunition. Angestoßen wurde die Diskussion durch eine Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Die Forscher hatten herausgefunden, dass Adler nach dem Verzehr von erlegten Tieren an einer Bleivergiftung verendeten. Die Wissenschaftler konnten zudem die massive Splitterwirkung nachweisen, wodurch sich das Blei im Körper enorm verteilt. Immer wieder forderten Verbraucherschützer Jagdverbände dazu auf, auf bleihaltige Munition künftig zu verzichten. Der Deutsche Jagdverband wies die Kritik zurück und warnte vor einer „Panikmache“. Im Oktober wolle man das BfR zu einer Umfrage unter Jägern einladen. Diese soll insbesondere das Verzehr-verhalten und die Verwendung von Jagdmunition klären. Der Verband forderte die Industrie dazu auf, entsprechend neue Geschosse ohne Blei zu konzipieren. In Deutschland werden pro Jahr und pro Kopf durchschnittlich 600 Gramm Wildfleisch gegessen. Ein akute Gefahr besteht vor allem für Jägerfamilien, die viel Wild verzehren. (sb)