Keine Entwarnung bei Krebsrisiko durch Asse

Sebastian

Studie konnte keinen Zusammenhang zwischen Krebshäufung und Atomlager Asse feststellen

21.12.2012

Erhöhte Leukämie-Neuerkrankungsraten sorgten in der Umgebung des Atomendlagers Asse in der Bevölkerung, Landesregierung und Umweltverbänden für große Besorgnis. Eine Studie im Auftrag des Landkreises Wolfenbüttel kam nun zu dem Ergebnis, dass „keine eindeutigen Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch eine erhöhte Strahlenbelastung vorliegt“. Die Opposition kritisiert die Studie. Eine hohe Aussagekraft sei nicht gegeben, von "Entwarnung keine Rede".

Im Jahre 2010 sorgte eine Auswertung des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) für eine große Verunsicherung. Die Experten hatten eine deutlich erhöhte Zahl von Krebserkrankungen – insbesondere Leukämie bei Männern und Schilddrüsenkrebs bei Frauen – im Umfeld des ehemaligen Salzbergwerkes Asse ermittelt. Daraufhin leitete der Landkreis Wolfenbüttel einen Untersuchung der Krebsfälle in der 10.000 Einwohner zählenden Samtgemeinde Asse ein. Zwei Jahre danach sind nun die ersten Ergebnisse ermittelt. „Ein direkter Zusammenhang mit dem Endlager konnte nicht festgestellt werden“, lautet nunmehr die Kernaussage der Studie. Bei Vorstellung der Auswertung stellte jedoch der Landrat Jörg Röhmann (SPD) klar, dass er sich weitaus mehr Daten erhofft habe. Daher sei die „Aussagekraft der Studie stark eingeschränkt“. Trotzdem würden die Studienergebnisse für eine erste Entwarnung in Asse sorgen.

Krebsfälle um Samtgemeinde Asse gehäuft
Die Wissenschaftler werteten die Daten des Krebsregisters des Bundeslandes Niedersachsen von 2002 bis 2010 aus. Dabei zeigte sich, dass pro Jahr etwa zwei Menschen in Asse neu an Leukämie erkranken. Im bundesweiten Vergleich ereignet sich unter 10.000 Menschen allerdings nur eine Blutkrebs-Erkrankung. Bei den Schilddrüsenkrebs-Fällen traten sogar dreimal so viele Neuerkrankungen auf, als im landesweiten Durchschnitt. Warum das so ist, konnten die Experten nicht erklären.

Dennoch würden die Ergebnisse positiv sein. "Wir können dennoch Entwarnung für die Asse geben, denn gerade die Mitarbeiter des Endlagers sind nicht betroffen", betonte Röhmann. Nur ein Mitarbeiter von 800 Angestellten des Endlagers sei nach aktuellem Kenntnisstand zwischen den Jahren 1967 und 2008 an Leukämie erkrankt. Das habe eine Analyse des Krebsregisters und Interviews mit Mitarbeitern der Asse ergeben.

"Von Entwarnung keine Rede"
Von Entwarnung können keine Rede sein, kritisieren die Grünen im Landtag. Es gebe „keinen Anlass für eine vorschnelle Entwarnung“. Ein Teil des Asse-Skandals sei die „absolut dürftige Datenlage“, so der Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel. Der Grünen-Politiker forderte, dass Betreiber von atomaren Anlagen dazu gesetzlich verpflichtet werden, staatlich kontrollierte Verzeichnisse über möglicherweise berufsbedingte Erkrankungen ihrer Mitarbeiter anzulegen.

Auch die Linke äußerte scharfe Kritik. Victor Perli, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Landtag sowie Mitglied der örtlichen Asse-II-Begleitgruppe sagte: „In der Studie wurde lediglich untersucht, ob aus den Krankendaten Schlussfolgerungen auf das Atommülllager gezogen werden können. Landrat Röhmann hat darauf hingewiesen, dass die Aussagekraft dieser Daten stark eingeschränkt sei. Im selben Atemzug gibt er eine Entwarnung in Bezug auf die Gefahren durch freigesetzte Radioaktivität – das ist unseriös gegenüber der Bevölkerung. Wir brauchen keine Beruhigungspillen sondern eine Beweislastumkehr: Die Asse-Betreiber müssen beweisen, dass die desolate Atommüllkippe nicht die Ursache der Erkrankungen ist. Es ist seit Jahren bekannt, dass durch die Abluft der Asse radioaktive Substanzen freigesetzt werden. Diese ist bei der Asse um ein mehrfaches höher als bei einem Atomkraftwerk.”

Im Jahre 2010 hatten sich nach Medienberichten 152 Krebspatienten bei den Behörden gemeldet. Diesen wurden Fragen zur Berufstätigkeit, Wohnort und Krebsrisiken wie Rauchen befragt. In der Fragebogen-Aktion waren alle Arten von Krebs erfasst. Leukämie und Schilddrüsenkrebs wurden seitens des Forscher besonders beachtet. Beide Krebserkrankungen stehen im Verdacht durch erhöhte Strahlenbelastungen ausgelöst zu werden.

Ungenügende Teilnehmerzahl der Krebspatienten
Von den 152 Teilnehmern kam 40 direkt aus der Samtgemeinde Asse. Acht von ihnen litten an Leukämie und sechs an Schilddrüsenkrebs. Seit 2002 wurden in dem Landesregister 47 Leukämie-Neuerkrankungen und Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen erfasst."Wir hatten erwartet, dass sich alle 47 Betroffenen melden", sagte Dorothea von Nicolai vom Gesundheitsamt Wolfenbüttel. Doch es hätten sich nur ein Drittel der Betroffenen gemeldet. Die minimalen Angaben aus dem Register, Geschlecht, Alter und Postleitzahl, konnten nur wenig zur Forschung der Ursachen beitragen.

Ab ersten Januar 2013 soll aber das neue Krebsregistergesetz in Kraft treten. Dann gebe es eine erweiterte Meldepflicht. Bislang konnten nur Pathologen eine Krebserkrankungen melden, ab dem kommenden Jahr sollen auch Ärzte Krebsfälle melden. (sb)

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