Keine Schonhaltung während der Schwangerschaft

Fabian Peters

Warnung vor Schonhaltung in der Schwangerschaft

20.05.2011

Werdende Mütter verzichten häufig aus Sorge um ihr ungeborenes Kind auf sportliche Bewegung und begeben sich in eine Schonhaltung, erklärte Claudia Hellmers von der Gesellschaft für Hebammenwissenschaft gegenüber dem Nachrichtensender „ntv“.

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Zwar sollten Frauen während der Schwangerschaft besonders auf ihre Ernährung und die Vermeidung körperlicher Überlastungen achten, doch „es kann zum Problem werden, wenn sich Schwangere zu wenig bewegen, den Sport aufgeben und sich in eine Schonhaltung begeben“, betonte Claudia Hellmers, Deutschlands erste Professorin für Hebammenwissenschaft an der Fachhochschule Osnabrück. Gesunde Ernährung und viel Bewegung sind laut Aussage der Expertin entscheidende Faktoren für die Entwicklung des ungeborenen Kindes.

Bewegung während der Schwangerschaft wichtig fürs Kind
Während eine Umstellung der Ernährung in der Schwangerschaft durchaus geboten ist, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden, können Schwangere in Bezug auf ihre körperlichen Aktivitäten „ganz normal weiterleben“, erklärte die Expertin gegenüber „ntv“. Lediglich übermäßige körperliche Anstrengung sollte vermieden werden. Die häufig eingenommene Schonhaltung nach Einschätzung der Expertin oft eher nachteilig für die Entwicklung des Kindes ist. Neben einer gesunden Ernährung sollte Schwangere laut Claudia Hellmers besonders darauf achten sich viel an der frischen Luft zu bewegen.

Ausgewogene Ernährung während der Schwangerschaft
Frauen in der Schwangerschaft empfiehlt die Expertin außerdem eine vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse sowie fettarmen Produkten und wenig Fleisch. Generell sollten werdende Mütter vorsichtig bei dem Verzehr von rohem Fleisch und Fisch sein, ergänzte die Professorin für Hebammenwissenschaft. Hellmers warnte außerdem vor dem Verzehr von Rohmilchprodukten wie Weichkäse, da diese Bakterien (Listerien) enthalten, die durch die Plazenta das ungeborene Kind erreichen können. Weil das Immunsystem des Säuglings die Bakterien jedoch noch nicht abwehren kann, drohen erhebliche gesundheitliche Schäden. Außerdem rät Claudia Hellmers Schwangeren zum Verzicht auch abgepackte Salate, da von diesen ebenfalls eine Infektionsgefahr ausgehen könne und eine Übertragung der Erreger auf das ungeborene Kind droht. Fertiggerichte sind laut Aussage der Expertin ebenfalls nicht empfehlenswert, denn diese enthalten „häufig zu viele Kalorien und zu wenig Nährstoffe“. Entscheidend ist, eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen, Jod und Folsäure, betonte die Professorin für Hebammenwissenschaft. Dabei sollten Schwangere jedoch keinesfalls zu viel essen. Der Annahme, dass im Sinne des ungeborenen Kindes, die Nahrungsaufnahme deutlich zu erhöhen ist, widersprach die Expertin energisch. „Unser Motto lautet: Für zwei denken und nicht für zwei essen“, betonte Hellmers im Gespräch mit „ntv“.

Gesundheitliche Risiken für Säuglinge durch übergewichtige Schwangere
Die gesundheitlichen Risiken für die ungeborenen Kinder durch Übergewicht während der Schwangerschaft sind nicht zu unterschätzen. Doch wenn werdende Mütter ihre Nahrungsaufnahme deutlich erhöhen und gleichzeitig auf Bewegung verzichten, ist die Bildung von deutlich mehr Fettgewebe nahezu unumgänglich. Dabei belegen verschiedenen Studien eindeutig negative Effekte des Übergewichts auf die zukünftige Entwicklung des Kindes. So geht laut Aussage der Expertin mit dem Übergewicht der Schwangeren zum Beispiel ein deutlich höheres Diabetes-Risiko für die Kinder einher. Auch tendieren die Kinder übergewichtiger Mütter wesentlich häufiger dazu, selber fettleibig zu werden. Außerdem gehen mit dem erhöhten Körpergewicht häufiger Komplikationen während der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett einher, berichtet Claudia Hellmers. Entwarnung gab die Expertin für Schminke und Nagellack, die ihrer Ansicht nach keine Risiken für die Säuglinge darstellen. Hellmers gab jedoch zu bedenken, dass beim Frisör häufig chemische Produkte zum Beispiel zum Haarfärben eingesetzt werden, die sich auf das ungeborene Kind übertragen können. Daher sollten Schwangere laut Aussage der Expertin auch hier vorsichtig sein.

Trotz positiver Bilanz 10.000 Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom
Insgesamt zieht die Professorin für Hebammenwissenschaft jedoch eine positive Bilanz, was das Verhalten der Frauen in der Schwangerschaft anbelangt. "Eigentlich machen Schwangere ganz viel richtig, weil die Schwangerschaft eine Phase ist, in der viele Frauen sehr bewusst auf ihren Körper achten," erklärte Claudia Hellmers. Grob fahrlässiges Verhalten, wie der Genuss von Alkohol oder Zigaretten, bilden heute bei den werdenden Müttern eher die Ausnahmen. Allerdings warnte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP) Ende letzten Jahres davor, dass immer noch jährlich 10.000 Kinder in Deutschland durch das fetale Alkoholsyndrom geschädigt werden. Die durch den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft bedingte Erkrankung ist laut Aussage der Bundesdrogenbeauftragten das häufigste nicht-genetische Krankheitsbild bei Kindern in Deutschland. Daher hat Dyckmans bereits im Dezember des letzten Jahres ein einheitliches Vorsorgeuntersuchungsprogramm sowie neue gesetzliche Rahmenbedingungen gefordert, die dem Problem des fetalen Alkoholsyndroms gerecht werden sollen. (fp)