Keuchhusten-Infekte in Deutschland auf neuem Höchststand

Alfred Domke
Keuchhusten-Welle in Deutschland breitet sich weiter aus
In der letzten Zeit sind in Deutschland ungewöhnlich viele Menschen an Keuchhusten (Pertussis) erkrankt. Die Kinderkrankheit, die auch bei Erwachsenen vorkommt, ist vor allem für Säuglinge gefährlich. Im vergangenen Jahr waren sogar einige Todesfälle zu verzeichnen.

Zahl der Keuchhusten-Infektionen auf neuem Höchststand
Keuchhusten (Pertussis) tritt zwar ganzjährig auf, im Herbst und Winter sind die Infektionen jedoch allgemein etwas häufiger. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, ist die Zahl der Keuchhusten-Infektionen in Deutschland auf einen neuen Höchststand gestiegen. Demnach registrierte das Robert Koch-Institut (RKI) im Jahr 2016 insgesamt 22.119 Fälle. Das waren mit Abstand die meisten seit dem Beginn der bundesweiten Meldepflicht im Jahr 2013.

Die Zahl der Keuchhusten-Infektionen in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand gestiegen. Die Krankheit kann vor allem für Säuglinge gefährlich werden. (Bild: Coloures-pic/fotolia.com)

Besonders gefährlich für Säuglinge
Damals waren es pro Jahr rund 12.600 Patienten gewesen, 2015 rund 14.000. „Wir sehen hier wahrscheinlich beides: eine Krankheitswelle, aber auch eine zunehmend bessere Erfassung“, erklärte Wiebke Hellenbrand, Infektionsforscherin am RKI.

Begünstigt werden Ansteckungen durch Impflücken. Besonders gefährlich ist die Krankheit für Säuglinge. Den Angaben zufolge starben 2016 in Deutschland drei Babys an der Infektion – das waren untypisch viele.

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Dem RKI wurden seit Jahresbeginn bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten gemeldet. Hellenbrand nimmt an, dass die Welle auch mit einem typischen Zyklus der Erregers zu tun hat.

Laut RKI wurden zyklische Anstiege von Pertussis im Abstand von vier bis sechs Jahren beobachtet. Im Osten Deutschlands werden Keuchhusten-Infektionen bereits seit 2002 erfasst. Höhepunkte waren demnach die Jahre 2007 und 2012 – die Zeit könnte also wieder reif sein.

Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion
Hellenbrand zufolge seien in Deutschland vor der Schutzimpfung seit den 1930er Jahren pro Jahr etwa 10.000 Säuglinge an Keuchhusten gestorben.

Die Übertragung der hochansteckenden Infektionskrankheit „erfolgt durch Tröpfcheninfektion, die durch engen Kontakt mit einer infektiösen Person, durch große Tröpfchen innerhalb eines Abstandes bis zu ca. 1 Meter durch Husten, Niesen oder Sprechen erfolgen kann“, schreiben die Experten des RKI auf ihrer Webseite.

„Jugendliche und Erwachsene spielen als Überträger auf Säuglinge eine wichtige Rolle“, heißt es dort weiter. Die Inkubationszeit beträgt meist neun bis zehn Tage (Spanne: sechs bis 20 Tage).

Die meisten Kinder sind bei der Einschulung geschützt
Nach den jüngsten RKI-Daten waren 2014 bei der Einschulung fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland gegen Keuchhusten geschützt.

Bei den Erwachsenen, bei denen Keuchhusten laut Fachleuten schwer erkennbar ist, ist es je nach Lebensalter nur jeder fünfte bis zehnte. Wie es heißt, hat bei jungen Eltern ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel. Doch Familien mit kleinen Kindern gelten als Hauptrisikogruppe.

„Keuchhusten ist bei der Bevölkerung und auch bei Hausärzten noch nicht vollständig im Bewusstsein“, meinte Hellenbrand. Erschwerend hinzu kommt, dass die Impfung ihre Tücken hat und immer wieder aufgefrischt werden muss. „Aber wir haben nichts besseres.“

Grundimmunisierung für Kinder
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, die aus vier Impfdosen bestehende Grundimmunisierung gegen Keuchhusten ab einem Alter von zwei Monaten zu starten und spätestens bis zum 14. Lebensmonat abzuschließen.

Im Alter von fünf bis sechs sowie von neun bis 17 Jahren sollte die Impfung jeweils einmal aufgefrischt werden.

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kann die Einstichstelle nach der Impfung anschwellen, schmerzen oder rot werden. Außerdem sind erhöhte Temperatur, Frösteln, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden möglich. Die Symptome klingen aber in der Regel spätestens nach drei Tagen ab.

Menschen ohne Schutz können sich erneut anstecken
Zudem zählen laut RKI bestimmte Erwachsene zu den Zielgruppen der Impfung, sofern in den letzten zehn Jahren keine Pertussis-Impfung stattgefunden hat: „Personal im Gesundheitsdienst sowie in Gemeinschaftseinrichtungen“, „Frauen im gebärfähigen Alter“ sowie „enge Haushaltskontaktpersonen (Eltern, Geschwister) und Betreuer (z.B. Tagesmütter, Babysitter, ggf. Großeltern) von Säuglingen spätestens vier Wochen vor Geburt des Kindes“.

Für sie wird ein Pertussis-Schutz zusammen mit der Auffrischung für Tetanus und Diphtherie empfohlen – aber vielfach einfach vergessen. „Wahrscheinlich reicht der empfohlene Abstand von zehn Jahren auch nicht aus“, so Hellenbrand. Wenn der Impfschutz erlischt, können sich Menschen auch nach überwundener Infektion erneut anstecken.

Babys von nicht geimpften Müttern haben bis zur ersten Immunisierungsmöglichkeit im Alter von zwei Monaten keinen Schutz. Daher gebe es Überlegungen, Schwangeren die Impfung generell zu empfehlen, erläuterte die Expertin. Die Keuchhusten-Forschung kommt mit der Meldepflicht nun weiter voran. „Wir hatten noch nie so viele Daten.“ (ad)

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