Kinderärzte: Kindervorsorge heute unzureichend

Sebastian

Kinderärzte fordern bessere Vorsorgeuntersuchungen

18.06.2011

Deutschlands Kinderärzte fordern eine Reform der Vorsorgeuntersuchungen. Die Probleme der Kinder seien heute andere, als noch vor gut 40 Jahren. Die derzeitigen Vorsorgeprogramme seien nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte „nicht mehr zeitgemäß“.

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Kinder sind heute einer fettreichen und stark zuckerhaltigen Ernährungsweise ausgesetzt. Ein überaus überhöhter medialer Konsum bedingt zudem immer öfter massive Verhaltensauffälligkeiten. Der Verband der Deutschen Kinderärzte warnt daher in einem Appell vor den Folgen dieser (Fehl-) Entwicklungen. Wenn heutzutage Kinder und Jugendliche zum Arzt gehen, sind die Problemlagen anders, als noch vor vierzig Jahren. Daher müssten Vorsorgeprogramme dringend angepasst und reformiert werden, so die Mahnung der Kinderfachärzte.

Krankheitsfrüherkennungsprogramm ist mehr als 40 Jahre alt
Die damalige Aufnahme des Krankheitsfrüherkennungsprogramms für Kinder in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen im Jahre 1971 revolutionierte die gesundheitliche Entwicklung der Kinder. Deutschland war zu jener Zeit Vorreiter der Kindervorsorge. Viele Länder orientierten sich anschließend an der Schaffung regelmäßig statt findender Untersuchungstermine, den sog. U-Untersuchungen und entwickelten ebenfalls wertgleiche Programme. Ziel der Vorsorgeuntersuchungen war es, Fehlentwicklungen oder Störungen rechtzeitig zu erkennen, um diese möglichst frühzeitig zu behandeln. Dadurch konnten bei hunderttausenden Kindern chronische Krankheiten und Fehlstellungen verhindert werden. Im Hauptaugenmerk lag das Erkennen von Stoffwechselerkrankungen, Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligen, Erkrankungen des Nervensystems, der Sinnesorgane wie Augen, Ohren und Nase sowie das rechtzeitige Aufspüren und Behandeln von Fehlentwicklungen der Zähne. Es ging demnach vor allem um Gesundheitschecks und zeitnahen Kinderschutzimpfungen.

Kinderärzte fordern Reform der Kindervorsorge
Seit dem sind gut 40 Jahre vergangen. Die Gesellschaft und damit auch das Aufwachsen der Kinder hat sich seit dem fundamental verändert. Daher fordern die Ärzte eine Reform der Vorsorgeuntersuchungen vom Säuglings- bis ins Jugendalter. „Wir müssen weg von dem alten Konzept der Früherkennung, also dem frühestmöglichen Erkennen bereits vorhandener Erkrankungen (so genannte sekundäre Prävention), hin zum Konzept der Verhinderung von Krankheitsentstehung, also zur primären Prävention“. Denn die Vorsorgeprogramme sind mehr zeitgemäß, sagte der Vorsitzende des Berufsverbands der Kinderärzte, Dr. Wolfram Hartmann, am Freitag in Berlin.

Verhaltensauffälligen und Übergewicht
Die Krankheiten der Kinder im Jahre 2011 unterscheiden sich zum Teil gravierend von den Kindern vor 40 Jahren. Jugendmediziner sprechen daher von „neuen Krankheiten“ der jungen Patienten. Laut einer wissenschaftlichen Studie leiden rund 14 Prozent aller Kinder an Übergewicht. Sechs Prozent zeigten bereits in jungen Jahren eine krankhafte Adipositas. Die schwerste Folgeerkrankung ist Diabetes Typ II. Bei der Einführung des Programms war damals noch nicht daran zu denken, dass bereits kleine Kinder an einer „altersbedingten Zuckerkrankheit“ leiden könnten. Ebenfalls noch unvorstellbar waren psychische Leiden wie Depressionen. Nach Angaben von Kinder- und Jugendpsychiatrien leiden bereits bis zu 7 Prozent der Kinder an depressiven Episoden. Zeigen sich Eltern nicht sehr engagiert und orientieren sich Kinder eher an medialen Vorbildern aus dem Internet oder Fernsehen, können Episoden sogar zu manifestierten Verhaltensstörungen führen. Weitere sieben Prozent zeigen ein gestörtes Sozialverhalten, entwickeln soziale Phobien, leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten oder zeigen Aufmerksamkeitsdefizite. Kommen die Kinder aus sozial benachteiligten Familien, werden oft motorische Schwierigkeiten sowie Störungen des Sprechens und der Sprache beobachtet.

Immerhin 90 Prozent der Eltern gehen mit ihren Kindern regelmäßig zu den Untersuchungen. Allerdings reichten „die 20 Minuten-Beratungen beim Kinderarzt“ bei den heutigen Indikatoren nicht mehr aus. „Wir sehen mit großer Sorge die zunehmende Zahl von Kindern mit Entwicklungsdefiziten vor allem der Sprache, der Kognition, des Sozialverhaltens, aber auch der Motorik, die mit diesen Handicaps zu einem großen Teil bereits in der Schule scheitern.“ sagte Dr. Dr. Hartmann. Demnach sollten auch Ärzte den Eltern das gemeinsame Lesen eines Buches mit ihren Kindern näher bringen und erklären. Kindertagesstätten und Schulen sollten zudem zu Partner der Kinderärzte werden, um vorliegende Schieflagen möglichst zu kompensieren. „Eine gute Kita ist für die Sprachentwicklung eines Kindes besser als ein Logopäde“, sagt der Sprecher des Verbandes Dr. Fegeler. Ist ein Jugendzentrum pädagogisch gut betreut, spart das sogar so manchen Therapeuten.

Versorgungslücken im Grundschulalter
Als nicht akzeptabel sieht der Berufsverband die Versorgungslücke in der Grundschulzeit. Denn längst nicht alle gesetzlichen Krankenkassen sind bereits die Untersuchungen (U10 und U11) zu finanzieren. Bei den U-Checks geht es vor allem um Rechtschreib-, Lese- und Rechenschwächen. Auch die Sozialkompetenz und der Medienkonsum stehen bei Vorsorgeuntersuchungen im Fokus der Ärzte. Obwohl gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien betroffen sind, gelten diese als besonders unterversorgt. „Im Alter zwischen 6 und 10 Jahren haben Patienten bisher noch keinen gesetzlichen Anspruch auf solche Untersuchungen“. Nur Kinder privatversicherter Eltern haben eine Anspruch auf eine jährliche Vorsorgeuntersuchung zwischen 2 und 14 Lebensjahren. Das ist eine Zwei-Klassen-Medizin, gegen die der Verband bereits seit Jahrzehnten vorgeht.

„Große Sorge bereitet auch die große Zahl übergewichtiger Kinder mit Stoffwechselentgleisungen, die früh unter Herz- und Gefäßerkrankungen oder Diabetes mellitus leiden werden.“ mahnt Dr. Hartmann. Eine primäre Präventivvorsorge könnte lebensverlängernd wirken und obendrein Kosten im Gesundheitssystem sparen, weil spätere Langzeittherapien wegfallen. Daher fordere der Verband das bereits konzipierte Vorsorgekonzept umzusetzen, auch wenn es aufwendiger und teurer ist, als das bisherige. Doch perspektivisch spart es Kosten. Eine steigende Impfmüdigkeit konnten die Ärzte ebenfalls feststellen. Im laufenden Jahr seien bereits zwei Kinder an Masern gestorben. Von daher spreche man sich für eine generelle Impfpflicht aus. In Deutschland gilt in Sachen Impfungen eine Freiwilligkeit. (sb)