Kinderärzte kritisieren Arzneimittelreport

Nina Reese

Kinder- und Jugendärzte weisen Kritik des Arzneimittelreports zurück

13.06.2013

Nach der Veröffentlichung des aktuellen Arzneimittelreport 2013 durch die Barmer GEK am vergangenen Dienstag meldet sich nun der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) mit heftiger Kritik zu Wort. Der Grund: Die Auswertungen der Krankenkasse hatten ergeben, dass deutschen Kindern und Jugendlichen immer häufiger Psychopharmaka verordnet werden würden, obwohl laut dem Versorgungsforscher und Autor des Arzneimittelreports Prof. Gerd Glaeske keine medizinische Notwendigkeit dafür bestünde.

Kein Anhaltspunkt dafür, dass Kinder zu viele „Psychopillen“ nehmen
Deutsche Kinder nehmen zu viele „Psychopillen“ – so lautete die Kritik des Arzneimittelreports 2013, der am Dienstag von der Barmer GEK veröffentlicht wurde. Doch diese Aussage wollen Kinder- und Jugendärzte nicht auf sich sitzen lassen, stattdessen meldet sich nun der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) zu Wort und weist die Aussage der Barmer klar zurück: So gäbe es laut dem bvkj-Präsident Wolfram Hartmann „[…] keinen Anhaltspunkt dafür, dass Kinder- und Jugendärzte vermehrt Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen verordnen. Im Gegenteil: wenn man die Zahlen des Arzneimittelreports der Barmer GEK differenziert und im Zusammenhang mit den Daten zur ärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen betrachtet, sind die Verordnungen sogar rückläufig“, so die aktuelle Pressemitteilung auf der Website des Verbandes.

Zahlen insbesondere bei Kleinkindern rückläufig
Diese Situation würde laut Wolfram Hartmann insbesondere Kleinkinder bis zu vier Jahren betreffen, denn hier sei zum einen die ohnehin nur geringe Zahl von Verschreibungen seit Jahren rückläufig, zum anderen würden die Pillen so wie so nur in bestimmten Fällen eingesetzt werden: „Wenn diese Medikamente in dieser Altersgruppe verordnet werden, dann im Wesentlichen als Mittel (z.B. Diazepam) zur Unterbrechung von Krampfanfällen bzw. Fieberkrämpfen.“

Andere Ärzte für steigende Verordnungszahlen bei älteren Kindern verantwortlich
Für die steigenden Verordnungszahlen bei älteren Kindern und Jugendlichen – insbesondere bei den 10- bis 14jährigen – seien dem Verband nach hingegen in erster Linie andere Arztgruppen verantwortlich, denn Kinder- und Jugendärzte würden „entsprechend den bestehenden Leitlinien allenfalls sogenannte Psychostimulanzien zur unterstützenden Behandlung bei ADHS“ verordnen, so die Mitteilung des bvkj, darüber hinaus habe es aber auch hier „[…] bei Kindern und Jugendlichen im letzten Jahr keine auffälligen Steigerungen gegeben“, so der bvkj weiter.

Immer mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten
Der Vorwurf einer "schnellen, undifferenzierten Verordnung von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen" sei laut dem Verband eindeutig zurückzuweisen, denn „aufgrund unserer langen Facharztweiterbildung sind wir in der Lage, eventuelle Verhaltensauffälligkeiten differenziert zu diagnostizieren und entsprechende Therapien einzuleiten, die in den meisten Fällen nicht medikamentös sind“, so der bvkj-Präsident Wolfram Hartmann in seiner Mitteilung. Dennoch würde der Verband seit Jahren immer wieder publik machen, „dass wir immer mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten (sogenannte neue Morbiditäten) in unseren Praxen sehen und vielfach außerhalb des Gesundheitswesens nicht die sozial-pädagogischen Strukturen vorfinden, um diesen Kindern und ihren Familien wirksam zu helfen“, so der Einwand des Präsidenten. (nr)

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Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de