Kinderlebensmittel oft viel zu süß und fettig

Fabian Peters

Foodwatch-Marktcheck: Hersteller verleiten Kinder zum Junkfood

13.03.2012

Ein Großteil der Lebensmittel für Kinder ist zu zucker- und fetthaltig. Die speziellen Kinderlebensmittel entsprechen keineswegs den Ansprüchen an eine ausgewogene Ernährung, so das Ergebnis eines Marktchecks der Verbraucherorganisation Foodwatch. Mehr als 1.500 Produkte haben die Experten genauer unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass „das Angebot an speziellen Kinderlebensmitteln ernährungsphysiologisch genau dem Gegenteil dessen“ entspricht, „was Ernährungsexperten für eine ausgewogene Ernährung von Kindern empfehlen.“

Mehr zum Thema:

Laut Foodwatch kommen die Hersteller ihrer Verantwortung nicht nach, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung der Kinder zu leisten, sondern fördern die „Fehlernährung“. Die extra für Kinder hergestellten Produkte sind laut Ergebnis des durchgeführten Marktchecks fast alle zu fettig, zu süß oder enthalten zu viele künstliche Aromen. Auch würden die Kindern mit aufwendigen Werbekampagnen gelockt, um sie so „so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood (zu) programmieren“, betonte Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Nach Ansicht der Expertin gibt es hierfür auch „einen logischen Grund: Mit Obst und Gemüse lässt sich nur wenig Profit machen – mit Junkfood und Softdrinks schon mehr.“

Über 1.500 Kinderlebensmittel untersucht
Foodwatch hat in dem aktuellen Marktcheck 1.514 Produkte, die sich in ihrer Aufmachung, wie zum Beispiel durch Verwendung von Comic-Motiven, entsprechende Beigaben von Comic-Figuren oder Spielzeug, das Angebot von Online-Spielen oder Hilfestellungen für Schulreferate, explizit an Kinder wenden, untersucht. Von April 2011 bis Januar 2012 prüften die Verbraucherschützer die Kinderlebensmittel und stellten dabei fest, dass zwar etliche Hersteller behaupteten, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung der Kindern leisten zu wollen, de facto jedoch das Gegenteil der Fall sei. Bezogen auf die Empfehlungen des „aid Infodienst Ernährungsdienst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e.V.“ für eine ausgewogene Ernährung, genüge die untersuchten Produkte nicht den Ansprüchen, berichtet Foodwatch. Das aid-Modell untergliedert die Lebensmittel in eine klassische Lebensmittelpyramide mit drei Ebenen, wobei Öle, Fette, „süße und fettige Snacks“ der „roten“ Kategorie an der Spitze der Pyramiden zugeschrieben werden. Sie sollten laut aid Infodienst nur „sparsam“ verzehrt werden. Die „gelbe“ Mitte der Pyramide bilden Milchprodukte und Fleisch, bei den ein „mäßiger“ Verzehr vorgesehen ist. „Reichlich“ zu verzehren sind indes Lebensmittel aus der „grünen“ Basiskategorie der Lebensmittelpyramide, wie Obst, Gemüse, Getreideprodukte, Wasser und ungesüßter Tee.

Großteil der Kinderlebensmittel für eine gesunde Ernährung ungeeignet
Dem Foodwatch-Marktcheck zufolge fallen fast drei Viertel der 1.514 getesteten Kinderprodukte (1.109 Artikel, 73,3 Prozent) in Bezug auf die Vorgaben des aid Infodienstes in die „rote“ Kategorie. Eigentlich sollten Kinder am Tag nicht mehr als eine Hand voll von den entsprechenden Lebensmittel verzehren, doch die Realität sieht oftmals deutlich anders aus. Lediglich sechs Prozent (92 Artikel) der untersuchten Produkte fielen laut Foodwatch in die Kategorie „gelb“, wobei dies in erster Linie gezuckerte Milchprodukte waren und nur 12,4 Prozent (188 Artikel) der Kinderlebensmittel konnten der „grünen“ Kategorie zugeschrieben werden. Dies waren vor allem Lebensmittel aus verarbeitetem Obst wie Apfelmus oder Trockenobst, aber auch Nudeln, Tomatensauce, Fruchtsäfte und Fruchtsaftschorlen. Unter Berücksichtigung der Produkte, die zwischen zwei Kategorien einzustufen waren, ergab sich ein Anteil von 79 Prozent aller untersuchten Lebensmittel die zumindest teilweise der Kategorie „rot“ zugeordnet werden müssen, erklärte Foodwatch. Der Verbraucherschutzorganisation zufolge ist es demnach „praktisch unmöglich, aus dem Angebot, das die Industrie als Kinderprodukte vermarktet, eine ausgewogene Ernährung zusammenzustellen.“ Hier bilden auch die Bioprodukte keine wirkliche Ausnahme, denn 58 Prozent aller getesteten Biowaren gehören laut Foodwatch ebenfalls in die „rote“ Kategorie und lediglich 29 Prozent waren dem „grünen“ Bereich zuzuordnen.

Lebensmittelindustrie stellt die Kinderernährung auf den Kopf
Insgesamt stelle die Lebensmittelindustrie die „Kinderernährung auf den Kopf“ und biete im Überschuss Produkte an, von denen eigentlich nur geringe Mengen konsumiert werden sollten, wären Kinderlebensmittel, die nach aid-Kriterien für einen „reichlichen“ Verzehr geeignet sind, Mangelware bleiben. Foodwatch kritisierte, dass „die Hersteller ihrer Verantwortung nicht nachkommen, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung zu leisten.“ Stattdessen würde „ihr Angebot an Kinder der grassierenden Fehlernährung Vorschub“ leisten, so der Vorwurf der Verbrauchschützer. Die Unternehmen hätten aus betriebswirtschaftlichen Gründen ein erhebliches Interesse daran, möglichst viele unausgewogene Produkte zu verkaufen, bemängelten die Experten. Denn die „Gewinnmarge bei Obst und Gemüse liege unter fünf Prozent, Süßwaren, Softdrinks und Snacks brächten hingegen Umsatzrenditen von 15 Prozent und mehr“, erklärte Foodwatch. Ein besonderer Dorn im Auge sind den Verbraucherschützern die Werbestrategien der Lebensmittelhersteller. Hier sei auch der Staat in der Verantwortung, um zum Beispiel Werbung in Schulen und Kindergärten auf jeden Fall zu unterbinden.

Kritik an Werbekampagnen zur Vermarktung ungesunder Snacks
Letztendlich bedarf es jedoch eines Umdenkens bei den Unternehmen. Wenn sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen schon nicht auf den Verkauf von Junkfood und ungesunden Snacks verzichten wollen, sollten die Werbestrategien jedoch ein wenig zurückhaltender sein. Denn hier werden bei den Kindern Grundlagen in der Ernährung geschaffen, die sich auf Dauer auch zu einem gesellschaftlichen Problem entwickeln können. So ist Übergewicht schon heute in Deutschland relativ weit verbreitet und auch die Heranwachsenden sind immer häufiger betroffen. Damit verbunden sind zahlreiche gesundheitliche Gefährdungen, wie beispielsweise ein erhöhtes Diabetes-Risiko, eine erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gefäßleiden oder vermehrte Beschwerden im Bewegungsapparat (Rückenschmerzen, Hüftgelenksarthrose). Hier besteht ein erhebliches gesamtgesellschaftliches Interesse, das Auftreten derartiger Erkrankungen durch einen gesunde Ernährung zu minimieren. Die Lebensmittelhersteller sind daher nach Ansicht der Verbraucherschutzorganisation dazu aufgefordert, ihren Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung der Bevölkerung zu leisten. (fp)