Kita-Essen keine ausgewogene Ernährung

Heilpraxisnet

Bertelsmann Stiftung bemängelt Defizite bei der Kita-Verpflegung – Träger wehren sich

06.06.2014

Nachdem die Bertelsmann Stiftung in einer Studie zur Kita-Verpflegung festgestellt hat, dass Kita-Kinder vielfach keine ausgewogene Ernährung bekommen, haben sich zahlreiche Einrichtungen und kommunale Träger empört zu Wort gemeldet. Das angebotene Essen sei ausgezeichnet und ausgewogen, ist es von vielen Seiten zu hören. Doch wird in der Studie der Bertelsmann Stiftung keinesfalls behauptet, dass alle Kindertagesstätten eine unzureichende Verpflegung anbieten. Ein Drittel der Kitas erfüllte die anerkannten Standards – zwei Drittel erfüllten diese jedoch nicht.

Den Angaben der Bertelsmann-Stiftung zufolge essen immer mehr Kinder in der Kita zu Mittag, weshalb hier dringend Qualitätsstandards erforderlich seien, die eine gesunde, ausgewogene Ernährung gewährleisten. „Wir brauchen bundesweit verbindliche Qualitätsstandards für die Kita-Verpflegung. Hierzu bedarf es eines Bundes-Kitagesetzes“, so die Forderung von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Dräger ergänzte, dass eine „gute Ernährung wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und Bildung von Kindern“ sei und hier der Kita eine zentrale Rolle zukomme. Die Empörung auf Seiten der Einrichtungen ist zwar durchaus verständlich – insbesondere, wenn sie zu denjenigen gehören, die tatsächlich gutes Essen anbieten – im Interesse der Kinder sollten die Ergebnisse der Bertelsmann-Stiftung jedoch als Anlass zur kritischen Überprüfung der Verpflegung genommen werden.

Verpflegung in rund 1.100 Kitas ausgewertet
In der aktuellen Studie wurden laut Mitteilung der Bertelsmann Stiftung „erstmals repräsentativ Qualität und Kosten des Mittagessens in Kitas untersucht.“ Hier werde der Status quo der Kita-Verpflegung in Deutschland erstmalig umfänglich dargestellt. Knapp 1.100 Kitas aus allen Bundesländern hatte die Bertelsmann Stiftung zu ihrem Verpflegungsangebot befragt. Zudem seien mit Hilfe von Modellkalkulationen die Kosten für ein Mittagessen ermittelt worden, das den „Qualitätsstandard für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) entspricht. Insgesamt habe die Mittagsverpflegung in den meisten deutschen Kitas gemessen am wissenschaftlich begründeten Qualitätsstandard der DGE schlecht abgeschnitten, berichtet die Stiftung.

Zu viel Fleisch, zu wenig Obst Salat, Rohkost und Fisch
Den Ergebnissen der Bertelsmann Stiftung zufolge reichten lediglich zwölf Prozent der Kitas den Kindern genügend Obst und nur 19 Prozent boten ausreichend häufig Salat oder Rohkost an. Des Weiteren stand Fisch ebenfalls zu selten auf dem Speiseplan. Während Obst, Salat, Rohkost und Fisch in den Kitas vielfach Mangelware waren, hat die aktuelle Studie jedoch gezeigt, dass Fleisch bei drei Viertel der Kitas zu häufig angeboten wird. Hier seien auch die Caterer oftmals noch zu wenig auf kindgerechte Verpflegung ausgerichtet, berichtet die Bertelsmann Stiftung. In zwei von drei Kitas deutschlandweit werde das Mittagessen angeliefert, doch „nur jeder zehnte Caterer, der eine Kita beliefert, bietet speziell an den Bedarfen von Kindern ausgerichtete Mittagessen an.“ Darüber hinaus seien die Kitas selbst häufig nicht hinreichend für die Verpflegung ausgestattet. Oftmals ähnele die Kita-Küche der eines Privathaushalts und „nicht einmal jede dritte Kita verfügt über einen Speiseraum“, so die Mitteilung der Bertelsmann Stiftung. Lediglich ein Drittel der Kitas beschäftige hauswirtschaftliches Fachpersonal.

Qualitätsstandards für die Kita-Verpflegung gefordert
Die Bertelsmann Stiftung sieht in den fehlenden bundeseinheitlichen Qualitätsstandards und der bislang nicht verbindlichen Finanzierung der Kita-Verpflegung eine maßgebliche Ursache für die festgestellten Defizite. Da „die Finanzierung der hauswirtschaftlichen Personal-, Küchen- und Raumausstattung sowie der Betriebskosten und auch der Lebensmittelkosten in den meisten Bundesländern nicht verbindlich und einheitlich geregelt“ ist, unterscheide sich das einkommensunabhängige Essensgeld der Eltern für Mittagsverpflegung erheblich. Die Spanne reiche von 75 Cent bis zu sechs Euro pro Mahlzeit. Durchschnittlich würden die Eltern den Kitas zudem 2,40 Euro für ein Mittagessen ihrer Kinder zahlen. So hänge die Qualität des Mittagessens der Kinder von den Entscheidungen und Zuschüssen der jeweiligen Träger oder der Kommune ab, weil „eine gesunde und ausgewogene Mittagsverpflegung, die den DGE-Standard erfüllt, mindestens vier Euro“ kostet, berichtet die Bertelsmann Stiftung.

Fehlende verbindlich Finanzierung der Kita-Verpflegung
Soll jedes Kind, das in seiner Kita isst, täglich ein gesundes Mittagessen erhalten, müssten laut Angaben der Bertelsmann Stiftung „jährlich 1,8 Milliarden Euro bundesweit aufgewendet werden“, was 750 Millionen Euro mehr wären, als Eltern heute ausgeben. Neben den bundeseinheitliche Qualitätsstandards seien daher verbindliche Finanzierungsmodelle zur Kita-Verpflegung erforderlich, auch weil „inzwischen bundesweit mehr als 1,8 Millionen Kinder über Mittag in ihrer Kita bleiben und dort verpflegt werden.“ Jörg Dräger betonte, dass sich „Bund, Länder, Kommunen, Träger und Eltern verbindlich über die Finanzierung einer ausgewogenen Mittagsmahlzeit verständigen müssen, damit jedes Kind in der Kita gesund verpflegt werden kann.“

Chance den Trend zur ungesunden Ernährung durchbrechen
Die Kita-Verpflegung spielt laut Mitteilung der Bertelsmann Stiftung auch vor dem Hintergrund eine besondere Rolle, dass „aktuelle bundesweite Querschnittsstudien auf ein grundsätzlich bedenkliches Essverhalten von Kindern und Jugendlichen und die Folgen schlechter Ernährung hinweisen.“ So habe zum Beispiel der Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Instituts (RKI) gezeigt, dass bereits neun Prozent der Drei- bis Sechsjährigen übergewichtig und knapp drei Prozent sogar adipös sind. „Die Mehrheit aller Kita-Kinder isst inzwischen in ihrer Kita. Politik sollte diese Chance nutzen und gesundes Aufwachsen für alle Kinder sicherstellen“, so Dräger weiter. Mit der Aufstellung von Qualitätsstandards wäre zudem für die Kitas, die sich aktuell empören und ihr ausgezeichnetes Essen loben, ersichtlich, ob sie tatsächlich eine gesunde ausgewogene Verpflegung der Kinder gewährleisten. (fp)

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