Kleine Schmerzmittel-Packungen empfohlen

Sebastian

Nur noch kleine Schmerzmittel-Verpackungen

27.06.2012

Seit längerer Zeit kritisieren Mediziner und Gesundheitsexperten die massiven Nebenwirkungen von Schmerzmitteln. Vor allem bei einer Überdosierung können folgenschwere Begleiterscheinungen auftreten. Um den übermäßigen Konsum von Schmerzarzneien einzudämmen, sollen frei verkäufliche Arzneien wie Paracetamol oder Aspirin nur noch in kleinen Verpackungen von den Apotheken verkauft werden. Das zumindest empfehlen die Sachverständigen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Kritiker des Entwurfs sagen, das bringe nur wenig. Schließlich können Patienten einfach in die nächste Apotheke gehen und eine weitere Packung erwerben. Sie plädieren stattdessen für eine generelle Verordnungspflicht.

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Millionenfach konsumieren Schmerzpatienten in Deutschland Schmerzmittel ohne ärztliche Verordnung. Treten Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen auf, nehmen viele Menschen eine Pille gegen die Schmerzen ein. In der Werbung wird den Konsumenten durch die Pharmaindustrie vermittelt, das Arzneimittel „schalte den Schmerz schnell ab“ und damit sei das gesundheitliche Problem erledigt.

Nur noch kleine Packungen
Nach neusten Untersuchungen nehmen rund 3,8 Millionen Deutsche regelmäßig nicht-rezeptpflichtige Schmerzmittel bei Beschwerden aller Art ein. Viele Menschen wissen um die Gefahren nicht, weshalb hohe Dosierungen nicht selten sind. Bereits kleine Mengen der Wirkstoffe können zu schweren Schäden der Leber führen und nicht wenige Menschen sind bereits an den Schmerzarzneimitteln verstorben. Der Expertenausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt angesichts des geradezu inflationären Gebrauchs von schmerzstillenden Mitteln künftig nur noch kleine Medikamentenverpackungen zum Verkauf zu zulassen. Demnach sollen Mittel wie Paracetamol, Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen nur noch in kleiner Größe ohne ärztliches Attest in Apotheken vertrieben werden. Die Idee, die dahinter steckt: Die Packungen sollen nur noch für Schmerztherapien von bis zu vier Tagen reichen. Eben jene Zeitspanne wird von Medizinern mit einem verhältnismäßigen Risiko bewertet. Auch der am Häufigsten verwendete Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) soll hiervon betroffen sein.

Jedes Jahr müssen nach Angaben des Instituts rund 3.300 Patienten aufgrund von Überdosierungen oder missbräuchlichem Verzehr notfallmedizinisch in einer Klinik behandelt werden. Die meisten der Betroffenen hatten die Schmerzmittel über einen längeren Zeitraum ohne ärztliche Verordnung konsumiert.

Schwere Nebenwirkungen durch Schmerzmittel
Der Arzneimittelexperte Professor Dr. Kay Brune von der Universität Erlangen geht einen Schritt weiter. Er erklärte unlängst, dass das Schmerzmittel Paracetamol noch nicht einmal per Rezept an Patienten weitergegeben werden dürfte, obwohl das Mittel seit den 70er Jahren auf der Liste der unentbehrlichen Arzneiend er Weltgesundheitsorganisation WHO steht. Denn ab einer Dosierung von 10 Gramm Wirkstoff täglich können nicht-reversible Schäden der Leberzellen folgen. Es könne sogar ein akutes Versagen der Leber enstehen. Das betrifft vor allem Menschen, die an einer Alkoholabhängigkeit oder einer geringen Ausscheidung des Wirkstoffes leiden. Dann reichen schon wenige Gramm aus, um einen Leberschaden davonzutragen. Allein in Großbritannien werden jedes Jahr rund 30.000 Menschen aufgrund einer Arzneimittelvergiftung in einer Klinik verbracht. Jedes Jahr würden dort rund 150 Menschen der Vergiftung erliegen, so der Experte.

Der Heilpraktiker Tobias Meise berichtet in diesem Zusammenhang, dass "die Naturheilkunde zahlreiche Schmerzbehandlungen ohne Nebenwirkungen bietet, die bereits in ihrer Wirksamkeit klinisch bestätigt wurden". Dennoch greifen nur die wenigsten Menschen auf Alternativbehandlungen zurück. "Eine Pille ist eben schnell eingenommen", sagt Meise. Dabei enthalte zum Beispiel Weidenrinde einen schmerzstillenden Wirkstoff, der ASS sehr ähnlich ist.

Generelle Verordnungspflicht gefordert
Auch das Giftinformationszentrum in Erfurt warnt vor dem Gebrauch von Schmerzmitteln. Daher sollte eine „generelle Rezeptpflicht für Schmerzmedikamente eingeführt werden“, wie ein Sprecher unlängst forderte. Das Zentrum berichtet von täglichen Anfragen aufgrund von Überdosierungen durch Patienten. Eine Verordnungspflicht könnte das Problem eindämmen, so die Hoffnung. Zahlreiche Mediziner fordern daher weitergehende Schritte. Eine bloße Einschränkung der Packungsgröße reiche nicht aus, so der Tenor vieler Experten. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte in einer Anfrage die Vorschläge des Bundesinstituts. Nun wolle das Ministerium „prüfen inwieweit diese umsetzbar sind“. Eine Entscheidung über Maßnahmen wolle das Gesundheitsministerium zeitnah fällen. (sb)