Klimawandel fördert tödliche Schlafkrankheit

Sebastian

Der Klimawandel fördert tropische Schlafkrankheit

10.11.2011

Millionen von Menschen im südlichen Teil Afrikas sind durch eine verheerende Verbreitung der lebensgefährlichen Schlafkrankheit betroffen. Begünstigt durch den Klimawandel und den damit verbundenen Temperaturanstieg wird der Hauptüberträger der Krankheit in zahlreichen neuen Gebieten Südafrika eine neue Heimat finden. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig behandelt, kann sie zum Tode führen. Zu diesen alarmierenden Ergebnis gelangte ein Wissenschaftsteam des US-Zentrum für Seuchenbekämpfung (CDC) unter Verwendung von Daten zahlreicher Klimaforscher.

Mehr zum Thema:

Es existieren drei verschiedene Arten der Schlafkrankheit, die sich im Krankheits- und Beschwerdebild jeweils deutlich unterscheiden. So gibt es die Afrikanische Trypanosomiasis, die Europäische Schlafkrankheit (Hirnentzündung) sowie die neurologisch bedingte Narkolepsie. Bei allen Schlafkrankheiten treten unkontrollierbare oder anfallartige Schlafanfälle auf. Die tropische Form findet hauptsächlich im südlichen Teil der Sahara Verbreitung und wird hauptsächlich durch die Tsetsefliege übertragen. Laut Forschern des US-amerikanischen Zentrums für Seuchenbekämpfung (CDC) in Fort Collins (Colorado) könnten infolge des fortschreitenden Klimawandels bis zum Jahre 2090 etwa 77 Millionen Menschen in Afrika zusätzlich von der Infektionskrankheit bedroht sein. Ursächlich hierfür ist ein massiver Temperaturanstieg, der das Verbreitungsgebiet der Tsetsefliegen erheblich erweitert. Die Wissenschaftler sind durch eine computergenerierte Klimasimulation zu diesem besorgniserregenden Ergebnis gelangt.

Tropische Schlafkrankheit in Afrika
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) tritt die tropische Schlafkrankheit im Südteil der Wüste Sahara auf und betrifft derzeit 36 afrikanische Staaten. In den vergangenen Jahrzehnten konnte die Ausbreitung der Krankheit durch verschiedene Maßnahmen erfolgreich eingedämmt werden. Doch Bürgerkriege, eine mangelnde medizinische Versorgung, Flüchtlingswanderungen und fehlende Gegenmaßnahmen haben dazu geführt, dass nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO das Auftreten der Schlafkrankheit wieder zugenommen hat. Auch die WHO geht laut eigener Berechnungen davon aus, dass die Verbreitung weiterhin zunehmen wird.

Die Tsetsefliege überträgt die einzelligen Parasiten Trypanosoma brucei gambiense (überwiegend in West- und Zentralafrika) und Trypanosoma brucei rhodesiense (meist in Ostafrika) mittels eines schmerzvollen Stichs. Bei dieser Fliegenart können Männchen und Weibchen den Erreger übertragen, weil bei dieser Mückengattung beide Geschlechter stechen können. Nicht alle Tsetsefliegen sind Trypanosomen-Überträger, so dass ein Gestochener nicht automatisch erkranken muss. Je nach Region und Infektionsrisiko beträgt die durchschnittlich Wahrscheinlichkeit zu erkranken bei 1 zu 100. Laut WHO infizieren sich pro Jahr rund 70.000 Menschen. Etwa 60 Millionen Menschen leben in sogenannten risikobehafteten Gebieten. Alle Formen der Krankheit sind für den Menschen lebensbedrohend und ohne ausreichende Behandlung im Endstadium tödlich.

Überträger-Fliege findet neue Lebensräume
Das Forscherteam um Moore und Kollegen fasten im Fachmagazin „Interface“ der englischen Royal Society in einer Studie die bevorzugten Lebensbereiche und Lebensbedingungen der Fliege zusammen. Im besonderen ist über die Stechfliege bekannt, dass sie eine tropische Wärme zur Brut bevorzugt. Mit diesem Hintergrundwissen verglichen die Forscher die Daten verschiedener Klimaforscher, deren pessimistischsten Berechnungen eine Erderwärmung von 6,4 Grad Celsius bis 2100 vorhersagen. In die Auswertungen bezogen die Wissenschaftler auch die Proportionen der menschlichen Lebensräume südlich der Sahara mit ein. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass keine sehr großen Ausweitungen der potentiellen Lebensräume der Tsetsefliege stattfinden werden. Kommt es bedingt durch einen Anstieg des klimaschädlichen Kohlendioxids zu einem Temperaturanstieg zwischen 1,1 bis 5,4 Grad Celsius, könnte es der Stechmücke in manchen Teilen Ostafrikas allerdings zu warm werden. Andere Regionen Afrikas jedoch, in denen es der Mücke zuvor zu kalt war, könnten nun zum neuen Lebensraum werden. Die besten Bedingungen für eine Brut liegen vor, wenn in einem Gebiet eine jährliche feuchtwarme Durchschnittstemperatur von 20,7 bis 26,1 Grad herrscht. Demnach könnten im Zuge des klimatischen Wandels völlig neu und dichter besiedelte Gebiete betroffen sein. Zudem erwarten internationale Forscher bedingt durch den Klimawandel starke Flüchtlingsströme.

Schlafkrankheit verläuft in drei Stadien
In dem Verbreitungsgebieten der Tsetsefliege leben derzeit zwischen 60 und 70 Millionen Menschen. Nach einem Stich und einer Übertragung des Erregers treten in Folge schnell hohes Fieber, Schüttelfrost, Ödeme, Juckreiz, Lymphknotenschwellungen, Hautausschlag und Kopfschmerzen auf. Insgesamt verläuft die Krankheit in drei Stadien. Im zweiten Stadium kommen Beschwerden des Nervensystems wie Herzrhythmusstörungen (Herzstolpern), Verwirrtheit und Krampfanfälle hinzu. Besonderes Merkmal des Stadiums sind vor allem massive Schlafstörungen und Schlaflosigkeit. Im dritten finalen Krankheitszustand (4 bis 6 Monate nach der Infektion) verfallen die Patienten in einen regelrechten Dämmerzustand und die Symptomatik kann einer Morbus Parkinson ähneln. Der eindeutige Nachweis wird durch labortechnische Untersuchungen und immunologischen Methoden gewährleistet. Die Behandlung muss im Krankenhaus erfolgen, weil die eingesetzten Medikamente hoch toxisch sind. Trotz Therapie liegt die Sterberate bei 10 Prozent.

Die Schlafkrankheit ist nicht die einzige Krankheit, die durch einen Klimawandel befördert wird. Laut internationalen Forschungsarbeiten werden im Zuge der Temperaturerhöhungen Cholera, das Dengue-Fieber und Malaria ebenfalls weitere Ausbreitungsgebiete finden. Auch in Europa werden in naher Zukunft immer öfter eigentlich tropische Krankheiten auftreten. (sb)