Körpereigenes Antibiotika: Neue antibiotische Substanzen in der Nase entdeckt

Wissenschaftler haben einen bislang unbekannten antimikrobiellen Wirkstoff in der menschlichen Nase entdeckt. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)
Fabian Peters
Bakterien in der menschlichen Nase bilden mögliches Antibiotikum
Die zunehmenden Antibiotikaresistenzen weltweit sind ein massives Problem in der Medizin und die Suche nach Alternativen zu den herkömmlichen Arzneimitteln läuft auf Hochtouren. Nun haben Forscher der Universität Tübingen und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung in der menschlichen Nase einen neuen potenziellen Wirkstoff gegen multiresistente Erreger entdeckt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in dem renommierten Fachmagazin „Nature“.

„Im menschlichen Körper schlummert ein potenzieller Lebensretter“, so die Mitteilung der Universität Tübingen. Die Forscher entdeckten ein Bakterium aus der menschlichen Nase, das einen bislang unbekannten antibiotischen Wirkstoff gegen multiresistente Erreger erzeugt. Das Team um Professor Dr. Andreas Peschel vom Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin Tübingen (IMIT) an der Universität Tübingen konnte die chemische Strukturformel dieses neuen Antibiotikums „Lugdunin“ bestimmen, was Hoffnung auf eine synthetische Herstellung weckt.

Wissenschaftler haben einen bislang unbekannten antimikrobiellen Wirkstoff in der menschlichen Nase entdeckt. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)
Wissenschaftler haben einen bislang unbekannten antimikrobiellen Wirkstoff in der menschlichen Nase entdeckt. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Infektionen mit multiresistenten Keimen eine der häufigsten Todesursachen
Den Angaben der Forscher zufolge gehören „Infektionen durch antibiotikaresistente Bakterien – wie der auf der Haut siedelnde Erreger Staphylococcus aureus (MRSA) – zu den häufigsten Todesursachen weltweit.“ Den natürlichen Lebensraum dieser bedrohlichen Staphylokokken bildet die menschliche Nasenhöhle. Wissenschaftlern der Arbeitsgruppe von Dr. Bernhard Krismer und Professor Andreas Peschel vom Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin Tübingen (IMIT) war in ihren Untersuchungen aufgefallen, „dass Staphylococcus aureus nur selten zu finden ist, wenn das Bakterium Staphylococcus lugdunensis ebenfalls in der Nase lebt“, berichtet die Universität Tübingen.

Menschliche Mikroflora als Quelle antimikrobieller Wirkstoffe
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Staphylococcus lugdunensis einen bisher unbekannten antibiotischen Wirkstoff produziert, den sie „Lugdunin“ tauften. Der Wirkstoff sei in der Lage, selbst multiresistente Erreger zu bekämpfen, bei denen viele klassische Antibiotika mittlerweile wirkungslos sind, so die Mitteilung der Universität. Normalerweise würden Antibiotika nur von Bodenbakterien und Pilzen gebildet. „Dass auch die menschliche Mikroflora eine Quelle für antimikrobielle Wirkstoffe sein kann, ist eine neue Erkenntnis“, betont Professor Peschel.

Schutz vor resistenten Erregern kau möglich
Die Behandlung von Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern stellt Mediziner vor zunehmende Probleme. „Es gibt Schätzungen, dass in den kommenden Jahrzehnten mehr Menschen durch resistente Keime als an Krebs sterben werden“, erläutert Dr. Krismer in der Pressemitteilung der Universität. Durch die die unsachgemäße Nutzung von Antibiotika werde die bedenkliche Entwicklung noch verstärkt. Und viele der Erreger seien Teil der menschlichen Mikroflora auf Haut und Schleimhäuten, weshalb Menschen ihnen nicht aus dem Weg gehen können. So stellen sie für Patienten mit ernsten Grunderkrankungen und einem geschwächten Immunsystem ein hohes Risiko dar; erläutern die Experten. Bei ihnen haben die Erreger leichtes Spiel.

Hoffnung auf neue therapeutische Optionen
In künftigen Untersuchungen müsse nun geklärt werden, ob „Lugdunin“ als Wirkstoff tatsächlich therapeutische Anwendung finden kann, berichten die Forscher. Auch eine Besiedlung von Risikopatienten mit harmlosen „Lugdunin“-bildenden Bakterien sei denkbar, um so das Risiko von MRSA-Infektionen vorbeugend zu senken. Die Erkenntnisse der Tübinger Wissenschaftler eröffnen nun neue Möglichkeiten, um nachhaltige Strategien zur Infektionsvermeidung zu entwickeln und neuartige Antibiotika zu finden – auch im menschlichen Körper, so die Mitteilung der Universität Tübingen. Bei der Untersuchung der Struktur von „Lugdunin“ fanden die Wissenschaftler heraus, dass dieses aus einer bisher unbekannten Ringstruktur von Aminosäurebausteinen besteht und somit eine neue Stoffklasse begründet. (fp)

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