Kontroll-Ticks: Zwänge die den Alltag bestimmen

Alfred Domke

Zwangsstörung: Zwänge bestimmen den Alltag

Ist der Herd wirklich aus? Die Haustüre abgeschlossen? Menschen, die unter krankhaftem Kontrollzwang leiden, müssen solche Dinge ständig überprüfen. Ein normales Leben ist mit so einer Zwangsstörung unmöglich. Doch solche Zwänge sind gut therapierbar.

Betroffene sind sich der Sinnlosigkeit ihrer Gedanken bewusst
Zwangsgestörte gelten als Menschen mit übertriebenem Hang zur Kontrolle und komischen Marotten. Da sie meist Angst haben, ausgelacht zu werden, behalten sie ihr Problem in der Regel so lange wie möglich für sich und stehen allein schon deswegen unter enormem Druck. Menschen mit einer Zwangsstörung leiden an aufdringlichen und unkontrollierbar erscheinenden Zwangsgedanken, die sie meist dazu veranlassen, bestimmte Handlungen immer wieder auszuführen. Angelika Erhardt, Oberärztin der psychiatrischen Ambulanz am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München erklärt: „Sie kontrollieren vielleicht 20 oder 30 Mal, ob der Herd ausgestellt ist, weil sie Angst haben, sie könnten es doch vergessen haben und damit etwas Schlimmes verursachen.“ Obwohl sie sich der Unsinnigkeit und Sinnlosigkeit dieser Gedanken bewusst seien, gelinge es ihnen trotzdem nicht, diese zu unterbinden.

Zwei von 100 Menschen entwickeln eine krankhafte Zwangsstörung
Laut der Neurowissenschaftlerin entwickeln etwa zwei von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens eine Zwangsstörung im krankhaften Sinne. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können, sind unter anderem eine erbliche Veranlagung, vor allem aber auch einschneidende Lebensereignisse und negative Kindheitserfahrungen, etwa eine von Druck und hohen Leistungsanforderungen geprägte Erziehung. Unter den Zwangserkrankungen sind die Kontrollzwänge eine häufige Form. Doch auch Waschzwänge, Zählzwänge, Ordnungszwänge oder Krankheitsverläufe, die mehrere Zwänge einschließen, sind möglich. Laut verschiedenen Pressberichten gehörte auch Arne Schätzig (Name geändert) zu letzterem Kreis. Er entwickelte nach einer Phase mit Waschzwängen Kontrollzwänge, die dazu führten, dass er in einer bestimmten Phase bis zu einer Stunde täglich mit Kontrollgängen verbrachte und sich deshalb für sein zu spät kommen mit Ausreden behelfen musste. Er erläuterte einen Teil der damaligen Umstände: „Ich habe nicht mehr geglaubt, dass ich die Autotür zugemacht oder beim Handy das Internet deaktiviert habe und befürchtete, die Kosten könnten aus dem Ruder laufen.“ Phasenweise konnte er gar nicht mehr arbeiten oder am Familienleben teilnehmen.

Zwänge kann man heute sehr gut behandeln
Zwangserkrankungen führen unbehandelt oft in eine Abwärtsspirale mit immer stärker werdendem Leidensdruck. Prof. Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck, Fachklinik für psychische und psychosomatische Erkrankungen, in Prien am Chiemsee meinte: „Die wichtige Botschaft an die Betroffenen ist, dass man Zwänge heute sehr gut behandeln kann. Man ist ihnen nicht hilflos ausgesetzt.“ Am aussichtsreichsten sei eine speziell auf Zwangserkrankungen ausgerichtete Verhaltenstherapie, die eine Reizkonfrontation einschließt und bei der Betroffene erlernen, sich den zwangsauslösenden Reizen auszusetzen, ohne ihre Zwangsrituale auszuführen. Eine weitere Behandlungsoption stellen spezielle Psychopharmaka, sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, dar. Allerdings sind sie laut Voderholzer nur zweite Wahl: „Die Verhaltenstherapie ist die wirksamere Methode.“ Meist verschwinden die Zwänge zwar nicht ganz, aber sie lassen sich oft auf ein so geringes Maß reduzieren, dass sie den Alltag nicht mehr beeinträchtigen. Die Erfolgsaussichten sind umso besser, je früher die Behandlung beginnt.

Mangel an qualifizierten Therapeuten
Voderholzer zufolge dauere es jedoch im Schnitt sechs Jahre, bis die Diagnose überhaupt gestellt werde. Ein weiteres Problem sei der Mangel an für Zwangsstörungen qualifizierten Therapeuten und daher erhalten viele Zwangsgestörte keine oder eine nur unzureichende Behandlung. Außerdem sind die Terminkalender spezialisierter Kliniken und Praxen häufig auf lange Sicht voll. „Manche Patienten bekommen gesagt, sie sollen wegen eines Termins in einem Jahr noch mal anrufen“, so Antonia Peters, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen. Peters, die mit ihren Kollegen Betroffene unter anderem bei der Arztsuche unterstützt, betonte, dass Patienten unbedingt den Mut haben sollten, sich zu öffnen und möglichst schnell eine Behandlung angehen. Auch ein Experte des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte wies vor einigen Jahren auf die Wichtigkeit einer Behandlung hin. Demnach lassen sich die gesundheitlichen Folgen der Zwangsstörung, wie das ständige Zittern, übermäßiges Schwitzen, Herzrasen, innere Unruhe oder Herzstolpern, nur mit therapeutischen Maßnahmen verhindern. (ad)

Bild: Gerd Altmann, Pixelio