Kosten für Heil- und Hilfsmittel enorm gestiegen

Heilpraxisnet

Kosten der gesetzlichen Krankenkassen für Heil- und Hilfsmittel weiter gestiegen. Immer mehr Kinder von Rückenschmerzen betroffen.

Die gesetzlichen Krankenkassen müssen immer mehr finanzielle Mittel für sogenannte Heil-und Hilfsmittel ausgeben. Im letzten Jahr sind Kosten rasant angestiegen, das ergeht aus einer heute veröffentlichten Studie.

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Heil- und Hilfsmittel sind laut einer Studie im vergangenen Jahr weiter angestiegen. Insgesamt gaben die Kassen etwa 175,6 Milliarden Euro für Gesundheitsleistungen aus. Wie aus dem Barmer GEK Bericht zu Heil- und Hilfsmitteln hervorgeht, wurden zehn Milliarden Euro im Jahr 2009 für Krankengymnastik, Logo- und/oder Ergotherapien sowie technischen Hilfen wie Hörgeräte und Rollstühle augegeben. Allein bei der Kasse Barmer GEK stiegen im letzten Jahr die Kosten für Hilfsmittel um rund 8,4 Prozent auf 670,70 Millionen Euro. Die Kosten für Heilmittel stiegen um 4,3 Prozentpunkte auf 618,4 Millionen Euro.

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Immer mehr Kinder von Rückenschmerzen betroffen
Weiter hieß es in dem Barmer Bericht, dass immer Kinder aufgrund von Rückenschmerzen, Beschwerden der Füße sowie Bewegungsstörungen schon in der frühen Kindheit Therapien benötigen und zum Teil sogar schon starke Schmerzmittel erhalten. Etwa 4,7 Prozent der Kinder bis 13 Jhre bekamen bereits eine Physiotherapie. Die häufigste Ursache für Behandlungen bei Kindern waren Rückenschmerzen mit rund 47 Prozent. 29 Prozent bekamen aufgrund der Rückenbeschwerden eine Physiotherapie. Jedes zweite Kind mit dieser Diagnose bekam bereits starke Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht ganz neu. Laut einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) sind immer mehr Kinder von Rückenschmerzen betroffen. Die Anzahl der Beschwerden im Kindesalter hat in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen. Die gesundheitlichen Probleme beginnen zumeist bereits im Einschulalter und treten besonders häufig im Alter von 11 bis 14 Jahre auf. Schon mit einfachen Übungen bei Rückenschmerzen können Eltern und Kinder Beschwerden lindern und vorbeugen. Zudem empfielt sich eine ausgewogene und gesunde Ernährung mit reichlich Bewegung. Der Barmer Report wurde von Wissenschaftlern des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt.

Eltern und Erzieher für die Entwicklung mit verantwortlich
Angesichts dieser steigenden Ausgaben und Erkrankungen müssen diese Zahlen „stutzig“ machen, erklärte der Barmer GEK Vize-Chef Rolf-Ulrich Schlenker. Hier sind die Eltern mit für diese Entwicklung verantwortlich. „Hier drängt sich die Frage auf, inwieweit die Gründe auch im sozialen Umfeld und in erzieherischen Defiziten zu suchen sind.“ so Schlenker. Denn Kinder würden sich heutzutage immer weniger bewegen: "Bewegungsförderung aber ist eine Aufgabe, bei der vor allem Eltern und Erzieher zuerst gefragt sind", argumentierte Schlenker. Während der Anstieg bei Schulkindern und Jugendlichen noch aufgrund von Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung einigermaßen erklärbar ist, sind unspezifische Rückenschmerzdiagnosen und Krankengymnastik-Verordnungen bei Kindern im Kartengarten "höchst fragwürdig", wie Schlenker kritisierte.

Tendenzen der Überversorgung
„Tendenzen der Überversorgung“ könnten weitere Gründe für die steigenden Ausgaben sein. Anzeichen dafür gebe es zum Beispiel bei den Schuheinlagen für Kinder. Im Jahr 2007 hat der Anteil der verordneten Schuheinlagen bei Kindern unter 13 Jahren bei der Barmer Kasse mit mindestens einer Einlagen-Verschreibung bei 4,9 Prozent gelegen. Doch laut Bericht wurde bei nur rund einem Prozent der jungen Patienten tatsächlich ein „Plattfuß“ diagnostiziert. Aufgrund der Kostensteigerungen und der immer weiter zunehmenden Anzahl der Beschäftigten in diesem Bereich, forderte der Studienautor Gerd Glaeske mehr Transparenz bei den Hilfsmitteln. Der Nutzen und die Wirksamkeit der Hilfsmittel bleibe trotz zunehmender Bedeutung zumeist ungeprüft. Hier gebe es Nachholbedarf.

Mehr Ausgaben für Palliativmedizin gefordert
Glaeske sieht allerdings auch Potenzial für Mehrausgaben. Es gebe einen Nachholbedarf bei der physiotherapeutischen Versorgung von unheilbar kranken Patienten mit einem Tumor. Während zu Beginn des Lebens Physiotherapie sehr schnell und voreilig installiert werden, wird sie bei älteren, sehr kranken Patienten nur sparsam eingesetzt. "Am Anfang des Lebens wird Physiotherapie häufig zu schnell eingesetzt, am Ende eines Lebens wird sie dagegen zu sparsam verwendet", so der Studienautor. Gerade vor dem Tod könne die sehr belastende Situation der Betroffenen durch Heilmittel gelindert werden. Eine ausreichende Palliativmedizin sei unerlässlich. (sb, 05.10.2010)