Krebstherapie verursacht Krebs?

Sebastian

Krebstherapie verursacht Krebs?

(18.08.2010) Therapien mit der Nutzung des „PUMA-Proteins“ zur gezielten Vernichtung fehlerhafter Zellen können das Auftreten weiterer Krebserkrankungen zu einem späteren Zeitpunkt begünstigen.

Forscher des Biozentrums an der Medizinischen Universität Innsbruck sind zu dem jetzt in der Fachzeitung „Genes & Development“ veröffentlichten Ergebnis gekommen, dass Krebstherapien, bei denen der aktivierte programmierte Zelltod mittels stimulierter, körpereigener Funktionen herbeigeführt wird, Ursache für spätere Krebserkrankungen sein können. So lässt sich anhand ihrer Studie erklären warum beispielsweise nach einer Leukämie gesundete Kinder oft 20 oder 30 Jahre später andere Krebserkrankungen entwickeln, betonte Andreas Villunger, Leiter der Sektion für Entwicklungsimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Bei rund 15 Prozent der Krebs-Neuerkrankungen handelt es sich mittlerweile um neue Tumortypen, die bei Krebsüberlebenden auftreten.“, was laut Villunger „mit der aggressiven Apoptose-induzierenden Therapie, also der gezielten Vernichtung von fehlerhaften Zellen, bei der ersten Krebserkrankung zusammenhängen“ könne.. Bei den betroffenen Therapien wird ein Prozess genutzt, der durch das Protein "p53" (auch "Wächter des Genoms") ausgelöst wird.

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Das Protein registriert Schäden in den Zellen und entsendet andere Proteine als Helfer, wobei letztere sich unterscheiden nach Proteinen, die beschädigten Zellen reparieren, am Wachstum hindern oder vernichten. Die angesprochenen Krebstherapien nutzen hierbei das zur Vernichtung von Zellen aktivierte „PUMA-Protein“, um die Krebszellen im Körper abzutöten. Die „Experimente mit leukämiekranken Mäusen zeigen“ jedoch, „dass genau dieses gesteuerte Zellsterben selbst die Entstehung einer Krebserkrankung fördern kann“, so Villunger.

Die Forscher eliminierten im Rahmenhrer Studie den durch „p53“ ausgelösten Schutzmechanismus und erwarteten eigentlich, „dass diese Zellen in vivo nun in höchstem Maße anfällig für Tumorbildungen sind, wenn sie schädlicher Strahlung ausgesetzt werden", so Villunger in „Genes & Development“. Doch im Gegensatz zu den Erwartungen der Wissenschaftler konnte unter Bestrahlung gerade bei jenen Lymphozyten ohne "PUMA"-Protein keine Tumorbildungen nachgewiesen werden. In der Kontrollgruppen mit intaktem "p53“-Schutzmechanismus waren nach mehrmaliger, Erbgut-schädigender Bestrahlung jedoch eindeutig Tumorbildungen zu erkennen. .

Villunger und sein Team kommen zu dem Ergebnis, dass die Tumorbildung nach einer Krebstherapie durch die Überarbeitung der Stammzellen des Knochenmarks ausgelöst wird. Bei der Bekämpfung von Krebs mit Hilfe von Strahlung (Strahlentherapie), nehmen die Zellen soviel Schaden, dass das "PUMA-Protein" aktiviert wird und die Zellen abtötet. Bei dem Verfahren sterben jedoch auch ca. 90 Prozent der betroffenen Blut- und Stammzellen ab. Anschließend müssen die wenigen überlebenden Stammzellen den entstandenen DNA-Schaden beheben und parallel dazu abgestorbenen Blutzellen erneuern. "Diese Doppelaufgabe setzt die Stammzellen unter großen Druck bei der Zellteilung, was erneut Zellschäden hervorrufen kann", so der Immunologe Villunger. Da bei den Stammzellen, ohne PUMA-Schutzmechanismus die Zellen nach Bestrahlung meistens überlebten und anschließend die Selbstheilung einsetzte, waren mehr Stammzellen im Einsatz und die einzelne Zelle stand nicht unter vergleichbaren Stress. Die Folge: fehlerfreie Zellteilung.

Als Konsequenz für die bestehenden, seit Jahren auch erfolgreich praktizierten Therapieformen, die schon unzähligen Menschen das Leben gerettet haben, sollte insbesondere mit der Bestrahlung von Patienten vorsichtig bzw. maßvoll umgegangen werden. Ansonsten ist zu befürchten, dass mit der Behandlung einer aktuellen Erkrankung der Grundstein für spätere Tumorbildungen gelegt wird. (sb)