Krebsverdacht: Pflanzenschutzmittel Glyphosat bei fast allen Deutschen im Urin messbar

Das wahrscheinlich kresbauslösende Glyphosat ist heute nahezu in jedem Deutschen nachweisbar. (Bild: mg1708/fotolia.com)
Alfred Domke
Pflanzengift im Urin: Mehrheit der Deutschen mit Glyphosat belastet
Nachdem erst vor wenigen Tagen über Glyphosat im Bier berichtet wurde, weist nun eine Untersuchung Rückstände des Pflanzengifts im Urin fast aller Deutscher nach. Der Stoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die Funde für gesundheitlich unbedenklich.

Glyphosat im Urin der meisten Deutschen
Einer neuen Studie zufolge ist die Mehrheit der Deutschen mit dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat belastet. Dies geht aus einer Erhebung der Heinrich-Böll-Stiftung hervor. In der Untersuchung wurden rund 2.000 Urinproben ausgewertet. Wie die Stiftung berichtet, sind die Glyphosatrückstände im Urin bei 75 Prozent der Probanden mit mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter fünfmal so hoch wie der Grenzwert für Trinkwasser mit 0,1 Mikrogramm pro Liter. Insgesamt ließen sich bei 99,6 Prozent der rund 2.000 Probanden Rückstände nachweisen.

Das wahrscheinlich kresbauslösende Glyphosat ist heute nahezu in jedem Deutschen nachweisbar. (Bild: mg1708/fotolia.com)
Das wahrscheinlich kresbauslösende Glyphosat ist heute nahezu in jedem Deutschen nachweisbar. (Bild: mg1708/fotolia.com)

Pflanzengift als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft
Das Pflanzengift Glyphosat war erst im letzten Jahr von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach neuen Erkenntnissen der internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft worden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht in den neuen Funden allerdings keine Gefahr für die Gesundheit. Die vorgestellten Werte zum Glyphosatgehalt in Urin sind laut Einschätzung des BfR sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gesundheitlich unbedenklich. „Diese sehr geringen Gehalte sind nach unserer Einschätzung erwartbar, da Glyphosat ein zugelassener Pflanzenschutzmittelwirkstoff ist und folglich Rückstände mit der Nahrung aufgenommen und somit auch ausgeschieden werden können“, sagte BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel.

Weitere Untersuchungen nötig
Prof. Monika Krüger, die das Labor BioCheck-Holzhausen mitgegründet hatte, das die Untersuchungen durchführte, meinte jedoch: „Die nachgewiesenen Glyphosatkonzentrationen in den Urinen belegen eine erhebliche Belastung der Probanden. Zur gesundheitlichen Bedeutung dieser Ergebnisse müssen weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt werden, um Zusammenhänge zwischen der Belastung mit Glyphosat durch Lebensmittel, durch Trinkwasser, durch beruflichen Kontakt etc. und dem Gesundheitsstatus sowie bestimmten Erkrankungen in der Bevölkerung zu erkennen.“

Vegetarier und Bio-Esser weniger belastet
Den Angaben zufolge habe Männer deutlich mehr Rückstände im Urin als Frauen. Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt ließen sich die höchsten Belastungen bei Kindern von 0-9 und Kindern/Jugendlichen von 10-19 Jahren nachweisen, nach Berufsgruppen vor allem bei Landwirten. Fleischessende Studienteilnehmer, sogenannte Mischköstler, wiesen demnach höhere Belastungen als Vegetarier und Veganer auf. Menschen, die sich biologisch ernähren sind weniger belastet als Menschen, die auf konventionelles Essen setzen. Allerdings handelte es sich nach Angaben der Macher der Studie bei den Proben um sogenannte Einpunktbestimmungen und nicht etwa um Sammelurin über 24 Stunden hinweg. Außerdem sei die Datenbasis bei Kindern vergleichsweise gering gewesen.

Langjährige und intensive Ausbringung von Glyphosat
„Uns überraschen die Werte überhaupt nicht. Sie liegen in einer Größenordnung, die wir jüngst bei unserer eigenen Langzeitmessung im Urin von 400 Studierenden gefunden hatten“, erklärte die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa. Angesichts der langjährigen und intensiven Ausbringung des Mittels sei der Fund von Glyphosat im Urin kaum verwunderlich. „Wichtig ist, einzelne Pflanzenschutzmittel nicht isoliert zu betrachten oder sich auf einzelne Wirkstoffe einzuschießen. Es ist der intensive Einsatz der Mittel in ihrer Gesamtheit, der ökologisch nicht nachhaltig ist“, so Krautzberger.

EU will über weitere Zulassung entscheiden
Auf europäischer Ebene könnte demnächst über eine erneute Glyphosat-Zulassung entschieden werden. Zuletzt plädierte die EU-Kommission für eine Verlängerung bis 2031. In 27 Ländern der EU ist Glyphosat (noch) als Unkrautvernichtungsmittel zugelassen. Der Wirkstoff ist seit rund 40 Jahren auf dem Markt und steckt inzwischen in zahlreichen Pflanzenschutzmitteln. Laut dpa landen jedes Jahr rund 5.000 Tonnen Glyphosat auf deutschen Äckern, das sind etwa 15 Prozent der gesamten Pestizidmenge. (ad)

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