Langer Leidensweg bei chronischen Schmerzen

Astrid Goldmayer

Langer Leidensweg bei chronischen Schmerzen – Diagnose häufig erst nach zwei Jahren

18.10.2012

Laut einer Befragung der Universität Leipzig leitet rund ein Drittel der Deutschen unter chronischen Schmerzen. Betroffene haben häufig einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie eine Diagnose und eine adäquate Therapie erhalten. Denn derzeit gibt es nur 2.000 bis 3.500 Ärzte in Deutschland, die eine Schmerzsprechstunde anbieten. Hinzu kommen rund 150 regionale Schmerzzentren, die auf chronische Schmerzen spezialisiert sind. Experten sehen deshalb große Defizite in der flächendeckenden Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland.

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Keine flächendeckende Versorgung für Patienten mit chronischen Schmerzen in Deutschland
Rund ein Drittel der Deutschen leidet nach eigenen Angaben an chronischen Schmerzen wie Migräne oder Rückenschmerzen. Das ergab eine Befragung der Universität Leipzig, bei der 5,4 Prozent der Befragten angaben, durch die Schmerzen körperlich und sozial beeinträchtigt zu sein. 2,3 Prozent der Befragten berichteten zudem von seelischen Beschwerden aufgrund der chronischen Schmerzen.

„Im Moment braucht ein chronischer Schmerzpatient zwei Jahre, bis er zu richtigen Diagnose kommt", erklärte Professor Wolfgang Koppert, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Bis der Betroffene eine angemessene Therapie erhalte, würden weitere zwei Jahre vergehen, ergänzte Koppert. Experten bemängeln bereits seit einiger Zeit, dass die flächendeckende Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland nicht ausreichend gewährleistet sei. Zu den derzeit nur 2.000 bis 3.500 Ärzten in Deutschland, die eine Schmerzsprechstunde anbieten, kommen lediglich rund 150 regionale Schmerzzentren. Ein bescheidendes Angebot, das für Betroffene viel zu lange lange Wartezeiten nach sich zieht.

Wie der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. Gerhard Müller-Schwefe, berichtete, absolvieren Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden, häufig eine regelrechte Odyssee, bevor sie in ein Schmerzzentrum kommen. Betroffene konsultieren zuvor durchschnittlich elf verschiedene Ärzte. Dabei liegt der Krankheitsbeginn liegt in vielen Fällen bereits Jahre zurück. Einer der Gründe liege in der "mangelhaften Ausbildung der Ärzte im Bereich der Schmerzmedizin". Nur wenige seien für die Behandlung chronischer Schmerzen ausreichend geschult.

Ausbildungsdefizite von Ärzten und Psychologen beim Thema chronische Schmerzen
Müller-Schwefe setzt sich deshalb für eine verpflichtende Aufnahme der Schmerzmedizin in die Approbationsordnung ein. Zudem müsse die Schmerzmedizin als eigenes Fachgebiet anerkannt werden, das auch die Krankenkassen in ihren Leistungskatalogen entsprechend abbilden. Chronische Schmerzen seien immerhin in den Morbi-RSA aufgenommen worden, so dass die Ärzte die Diagnosen von Schmerzpatienten jetzt genau verschlüsseln müssten. Nur dann seien Verhandlungen über eine entsprechende Vergütung möglich.

Professor Rolf-Detlef Treede, designierter Präsident der Internationalen Schmerzgesellschaft IASP, bemängelte, dass das Thema chronische Schmerzen auch in der Ausbildung von Psychologen kaum eine Rolle spiele. „Ein Schmerzpatient braucht aber häufig auch einen Psychologen", erklärte Treeede. Zudem gebe es in Deutschland keinen Aktionsplan gegen den Schmerz wie beispielsweise in Ländern wie Portugal oder Frankreich.

Deutscher Schmerzkongress steht unter dem Motto „Schmerz bewegt“
Mediziner bezeichnen einen Schmerz als chronisch, wenn dieser mindestens sechs Wochen bis drei Monate auftritt. Eine feststehende Definition gibt es jedoch bislang nicht. Laut Professor Hans-Raimund Casser vom DRK Schmerz-Zentrum Mainz „müsste die Definition aber sein, ob der Schmerz im Mittelpunkt steht und das eigene Leben dominiert". Koppert berichtete, dass der Übergang vom symptomatischen Schmerz zur chronischen Schmerzkrankheit häufig zu spät diagnostiziert wird.

Beim diesjährigen Deutschen Schmerzkongresses in Mannheim diskutieren derzeit mehr als 2.000 Mediziner verschiedener Fachgebiete, Psychologen, Pflegende, und Physiotherapeuten unter dem Motto „Schmerz bewegt“ über Schmerzdiagnostik und -therapie. Dabei nehmen die neusten Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Schmerzmedizin genauso einen Schwerpunkt ein wie die Nachwuchsförderung. (ag)