Lebendige Arznei: Neue Immuntherapie gegen Blutkrebs

Bei der Behandlung von Blutkrebs spielen Strahlen-beziehungsweise Chemotherapie eine wichtige Rolle. Doch man kann auch ein "lebendes Medikament" gegen Leukämie einsetzen. Ein neuer Therapieansatz nutzt Abwehrzellen des Immunsystems gegen den Krebs. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)
Alfred Domke
Neuer Therapieansatz nutzt Abwehrzellen gegen Blutkrebs
Zur Behandlung von Blutkrebs wird häufig auf eine Chemo- oder Strahlentherapie gesetzt. Gesundheitsexperten zufolge kann man aber auch ein „lebendes Medikament“ gegen Leukämie einsetzen. Mediziner berichten über einen neuen Therapieansatz, der Zellen des Immunsystems zur Behandlung von Blutkrebs nutzt.

Behandlung ist von der Form der Leukämie abhängig
Dem Krebsinformationsdienst zufolge erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 11.500 Menschen an Leukämie. Weltweit sollen es über 900.000 sein. Häufig wird Blutkrebs nur durch eine Zufallsdiagnose entdeckt. Die Behandlung der Erkrankung ist von der Form der Leukämie abhängig.

Neben einer Stammzell- beziehungsweise Knochenmarktransplantation spielen hier Chemotherapie und Strahlentherapie eine wichtige Rolle. Es wird aber weiterhin an Therapiemöglichkeiten für die unterschiedlichen Formen geforscht. So berichteten Wissenschaftler aus Kanada, dass künftig eine neue Behandlung von Blutkrebs dank Avocados möglich sein könnte. Die Forscher hatten ein Lipid der Avocado-Frucht isoliert und dessen Einsatzmöglichkeiten bei der Behandlung des besonders aggressiven Blutkrebs AML (akute myeloische Leukämie) getestet und erfolgversprechende Ergebnisse erzielt. In einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa wird nun über neuartige Immuntherapien berichtet, die als Hoffnungsträger für Patienten gelten, deren Krebserkrankung auf klassische Behandlungen nicht anspricht.

Bei der Behandlung von Blutkrebs spielen Strahlen- beziehungsweise Chemotherapie eine wichtige Rolle. Doch man kann auch ein "lebendes Medikament" gegen Leukämie einsetzen. Ein neuer Therapieansatz nutzt Abwehrzellen des Immunsystems gegen den Krebs. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)
Bei der Behandlung von Blutkrebs spielen Strahlen- beziehungsweise Chemotherapie eine wichtige Rolle. Doch man kann auch ein „lebendes Medikament“ gegen Leukämie einsetzen. Ein neuer Therapieansatz nutzt Abwehrzellen des Immunsystems gegen den Krebs. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

T-Zelltherapie wird derzeit in den USA erprobt
Wie es heißt, wird dabei das Immunsystem des Patienten gegen den Krebs ausgerichtet. Den Angaben zufolge verzeichnen die kostspieligen Verfahren einige eindrucksvolle Erfolge. Allerdings kann nicht allen Patienten geholfen werden. Zudem kann bislang nicht sicher vorhergesagt werden, wem eine Immuntherapie wirklich hilft.

Die neue Behandlungsform, die sogenannte T-Zelltherapie, wird gerade in den USA an Patienten erprobt. Auch in Großbritannien kamen die T-Helferzellen schon in der Praxis zum Einsatz. So berichteten Ärzte vom Londoner Great Ormond Street Hospital (GOSH) im vergangenen Herbst über ein kleines Mädchen, das erstmals mit einer speziellen Zelltherapie geheilt wurde, die zuvor noch nie angewandt wurde.

Zellen sollen Blutkrebs binnen weniger Tage zerstören
Wie es in der dpa-Meldung heißt, werden bei der Immuntherapie T-Zellen des eigenen Immunsystems genutzt, um bei Patienten mit fortgeschrittener Leukämie bösartige Zellen gezielt anzugreifen. „Man weiß seit einigen Jahren, dass die Therapie mit T-Zellen extrem effizient sein kann“, erklärte Dirk Busch, Immunologe an der Technischen Universität München und Leiter einer Forschungsgruppe für die Entwicklung von Zelltherapeutika.

Laut dem Mediziner handele es sich um ein „lebendes Medikament“. Die T-Zellen sollen demnach den Blutkrebs aufspüren und binnen weniger Tage vollständig zerstören. Allerdings entwickeln Krebszellen Abwehrstrategien, die es den T-Zellen schwer machen, sie erfolgreich anzugreifen. Eine dieser Strategien besteht laut der Agenturmeldung darin, sich für die T-Zellen unsichtbar zu machen. Genau hier setzt die T-Zelltherapie an: Die aus dem Blut des Patienten entnommenen Zellen werden im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Blutkrebszellen erkennen und direkt angreifen.

Hilfe für Patienten, „für die es keine Hoffnung mehr gab“
„Wir statten die T-Zellen mit einer Waffe aus, die gegen Oberflächenmerkmale auf Krebszellen gerichtet ist“, sagte Patrick Schmidt, Krebsforscher am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, der auch an solchen Therapien arbeitet. Die Immunzellen erhalten hierfür ein antikörperähnliches Eiweißmolekül, das an die Krebszellen bindet. Im Anschluss daran werden die Zellen im Labor vermehrt und in die Blutbahn des Patienten zurückgebracht. Dort können sie den Blutkrebs gezielt angreifen. Wie es heißt, hilft die Therapie den meisten Patienten in Studien.

Busch zufolge gelten einige als geheilt. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie aus den USA lassen sich bei 27 von 29 Leukämiepatienten nach der Behandlung mit Chemo- und Zelltherapie keine Krebszellen mehr im Knochenmark nachweisen. „Das sind fantastische Ergebnisse“, meinte Busch, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um sogenannte austherapierte Patienten handelt, für die es keine Hoffnung mehr gab“.

Lebensbedrohende Organschäden können Patienten zum Verhängnis werden
Allerdings ist der Eingriff in das Immunsystem mit Risiken verbunden. So können sich die Immunzellen gegen den eigenen Körper richten und große Mengen entzündungsauslösender Botenstoffe freisetzen. Dem geschwächten Patienten können hohes Fieber und lebensbedrohliche Organschäden zum Verhängnis werden. Wie Busch erläuterte, höre die Immunreaktion aber meist von selbst auf oder könne gut behandelt werden. Außerdem müssen sich die Patienten lebenslang Antikörper spritzen, um sich vor Infektionskrankheiten zu schützen. Dies deshalb, da die T-Zellen sowohl die krankhaft veränderten als auch die gesunden B-Zellen zerstören, die ebenfalls ein wichtiger Teil des Abwehrsystems sind. Ganz allgemein steckt die T-Zelltherapie aber noch in den Kinderschuhen. „In Deutschland sind erste klinische Prüfungen genehmigt worden“, erklärte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, (PEI) Klaus Cichutek. Die Einrichtung ist für die Genehmigung von Prüfungen mit biomedizinischen Arzneimitteln zuständig. Deren Zulassungsexpertin Martina Schüßler-Lenz geht davon aus, dass Anfang 2017 der erste Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur eingeht. (ad)

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