Lebensgefährliche Lieferengpässe bei wichtigem Krebsmedikament

Sebastian
Patienten-Behandlung gefährdet: Lieferengpass bei wichtigem Krebsmedikament
In Deutschland kommt es derzeit zu Lieferengpässen bei dem wichtigen Krebsmedikament Melphalan. Dadurch wird die Behandlung von Patienten gefährdet. Großhändler würden teilweise mehr als das 25-fache des normalen Preises verlangen. Gesundheitsexperten fordern gesetzliche Regelungen, um solche Situationen in Zukunft zu verhindern.

Lieferengpässe könne zu vermeidbaren Todesfällen führen
Lieferengpässe bei dem wichtigen Krebsmedikament Melphalan gefährden derzeit die Versorgung von Patienten in Deutschland. Das Mittel kommt unter anderem gegen das Multiple Myelom (Plasmozytom), eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks, zum Einsatz. Laut Medizinern wird es zur Vorbereitung einer Stammzelltransplantation benötigt, mit der sich Krebs oft für lange aufhalten lässt. Wie der Ravensburger Krebsspezialist Günther Wiedemann gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sagte, könne der aktuelle Mangel zu vermeidbaren Todesfällen führen. Mitunter lebensrettende Eingriffe müssen laut der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) derzeit auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Krebsmedikamente könnten nicht ausreichend gelagert sein. Bild: grafikplusfoto - fotolia
Krebsmedikamente könnten nicht ausreichend gelagert sein. Bild: grafikplusfoto – fotolia

Händler verlangen teils den 25-fachen Preis
Das Bundesgesundheitsministerium teilte nun unter Berufung auf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit, dass Melphalan Ärzten und Patienten bald wieder zur Verfügung stehen werde. Das Ministerium habe Kontakt zum Hersteller gesucht. Eine Ministeriumssprecherin sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass erste Lieferungen in der nächsten Woche möglich seien. Bei Melphalan, das aus den 1950er Jahren stammt, ist der Patentschutz abgelaufen. Laut dem „Spiegel“-Bericht kostet ein Behandlungszyklus weniger als 2.000 Euro. Die Herstellung lohne sich daher kaum. Den Angaben zufolge verlangen die wenigen Großhändler, die noch Vorräte haben, wegen des Lieferengpasses teilweise mehr als das 25-fache des normalen Preises. Im vergangenen Jahr waren bundesweit rund 350.000 definierte Tagesdosen benötigt worden.

Verfügbarkeit von Arzneimitteln sicherstellen
Außer bei Melphalan könne es künftig aber auch bei vielen anderen Medikamenten zu Lieferengpässen kommen, sobald der Patentschutz abgelaufen ist. Die AkdÄ forderte zusammen mit dem Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) in einer Mitteilung, dass der Gesetzgeber Maßnahmen entwickeln müsse, um die Verfügbarkeit von Arzneimitteln sicherzustellen. Die beiden Organisationen beklagten, dass sie bereits in der Vergangenheit wiederholt auf die Problematik hingewiesen haben. „Das Beispiel Melphalan zeigt erneut, dass es ohne weitere rechtliche Regelungen nicht möglich ist, solche Engpässe in der Arzneimittelversorgung zukünftig zu vermeiden.“

Abgelaufener Patentschutz und geringe Vorräte
Von der Deutschen Stiftung Patientenschutz wurde ein Runder Tisch mit Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums, des BfArM und der Pharmaindustrie gefordert, um solche Engpässe in Zukunft frühzeitig auszuschließen. „Sonst laufen wir auch künftig immer nur hinterher“, sagte der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Doch nicht nur der abgelaufene Patentschutz kann dazu führen, dass Arzneimittel – vorübergehend – nicht verfügbar sind. Als die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) im vorletzten Jahr über Lieferengpässe von Arzneimitteln in Kliniken berichtete, hatten die Pharmahersteller die zeitnahe Herstellung in Asien und geringe Vorräte als Grund für die Engpässe angegeben. Auch damals wurde an die Politik appelliert, zu handeln. (ad)