Legionellen-Infektionswelle: Ursache nicht geklärt

Alfred Domke

Ursache für Legionellen-Epidemie noch immer ungeklärt

29.12.2013

Bei der bislang größten deutschen Legionellen-Infektionswelle im Spätsommer diesen Jahres starben zwei Menschen und über 160 erkrankten. Die Ursache für die Massenerkrankung im sauerländischen Warstein ist noch immer nicht geklärt.

Bislang größte Legionellen-Infektionswelle in Deutschland
Im August und September diesen Jahres starben zwei Menschen im sauerländischen Warstein an einer durch Legionellen ausgelösten Lungenentzündung, mehr als 160 Personen hatten sich mit den Bakterien infiziert. Nun, mehr als ein Vierteljahr nach der bislang größten Legionellen-Erkrankungswelle in Deutschland, ist die Ursache dafür noch immer nicht geklärt. Zwar wurden die Bakterien, die gefährlich werden können, wenn sie in winzigen Wassertröpfchen eingeatmet werden, in Kläranlagen, in einem Fluss und in einer Industrie-Kühlanlage nachgewiesen. Doch wissen die Experten noch immer nicht, wo die Legionellen erstmals auftauchten. Sie wissen jedoch, wie sich die Krankheit verbreitet hatte.

Ärzte hatten schnell den richtigen Verdacht
Die Ärzte des städtischen Krankenhauses hatten damals glücklicherweise schnell den richtigen Verdacht und deshalb auch die richtigen Medikamente verabreicht. Dadurch seien im Vergleich zu anderen Legionellen-Ausbrüchen verhältnismäßig wenig Menschen gestorben. Die Industrie-Kühlanlage stand schnell in Verdacht, die Krankheitserreger zu verbreiten und wurde abgeschaltet. Doch danach dauerte es wegen der Inkubationszeit noch zwei Wochen, bis die Neuerkrankungen abflauten. Derzeit scheint lediglich klar zu sein, dass niemand vorsätzlich oder fahrlässig für das Entstehen und die Verbreitung der Krankheitserreger verantwortlich ist. Bei ihren Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Arnsberg bislang keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann.

Immer Legionellen im Wasser
In unserem Wasser sind immer Legionellen. Dies ist nicht weiter problematisch, solange die Bakterien nicht geeignete Bedingungen, wie etwa warme Temperaturen, vorfinden, um sich zu vermehren. In Deutschland gibt es verschiedene Vorschriften, um Legionellenbefall zu verhindern. Die Bakterien können sich beim Einatmen wie bei einer Grippe in den Schleimhäuten festsetzen und in die Lunge geraten. Betroffene können unter anderem Fieber, Husten, Kopfschmerzen, Atemnot oder eine Lungenentzündung bekommen. Allerdings bestehe keine Gefahr einer Legionellose, wenn man mit Legionellen verseuchtes Wasser trinkt.

Image der Stadt nachhaltig geschädigt
Auch wenn die Erkrankungswelle sogar eine Reisewarnung für Warstein zur Folge hatte, blieben die Einwohner gelassen. Doch mittlerweile würden sie nichts mehr davon hören wollen, so Warsteins Bürgermeister Manfred Gödde. Der Stadt hätten die Legionellen imagemäßig nachhaltig geschadet. „Man wird noch immer überall bedauert“, so Gödde. Allerdings profitiere er nun auch davon: „Wenn ich irgendwo ein Anliegen habe, stehen die Türen offen. Alle wollen helfen, dass wir wieder nach vorn kommen.“ Der wirtschaftliche Schaden sei enorm, der Bürgermeister schätzt ihn auf einen zweistelligen Millionenbetrag, durch Ausfälle in verschiedenen Bereichen wie Geschäften, Tourismus oder Industrie. Man könne den Verlust aber nicht genau ausrechnen. „Man weiß ja nicht, wie viele paar Schuhe ein Laden verkauft hätte oder wie viele Würstchen am Imbiss über die Theke gegangen wären“, so Gödde.

Deutliche Einbußen
Im September war die internationale Montgolfiade, Europas größtes Ballonfahrerfest mit mehr als 100.000 erwarteten Besuchern vorsorglich abgesagt worden. Auch bei der Warsteiner Brauerei gab es deutliche Einbußen. So sei der Verkauf deutlich zurückgegangen, nachdem auch im Klärbecken der Brauerei Legionellen nachgewiesen worden waren. Das Geschäft habe sich mittlerweile wieder erholt, doch das Unternehmen gab keine weiteren Angaben zum aktuellen Geschäft oder zu Einbußen bekannt. Wie die Brauerei mitteilte, gehe das Unternehmen davon aus, dass die Bakterien nicht in der eigenen Kläranlage entstanden sind, sondern dass das Unternehmen selbst eines der vielen Opfer wurde.

Verbesserte Vorschriften für Kühlanlagen
Experten hätten durch die Krankheitswelle in Warstein wichtige Erkenntnisse gewonnen, auch wenn noch nicht klar ist, wo die gefährlichen Bakterien ihre erste Brutstätte hatten. „Wir hatten bisher die Kläranlagen nicht so sehr im Blick“, so der Wasser-Experte Martin Exner vom Bonner Hygiene-Institut. Zudem seien nun endlich deutlich verbesserte Vorschriften für die Wartung und Registrierung von industriellen Rückkühl-Anlagen auf dem Weg. „Diese Anlagen sind zumindest bei der Verbreitung der Bakterien beteiligt“, erklärte Exner. Nach dem Legionellen-Ausbruch in Warstein waren auch in anderen Kläranlagen erhöhte Werte gemessen worden. Die teilweise explosionsartige Vermehrung der Bakterien könnte Exner zufolge mit den Temperaturen und organischen Rückständen im Abwasser zu tun gehabt haben. „Das scheinen Faktoren zu sein, die das begünstigen. Das muss man im Auge behalten“, so der Experte.

Expertenkommission im kommenden Jahr
Das Umweltministerium in Düsseldorf will im kommenden Jahr eine Expertenkommission einberufen, die sich noch einmal mit dem Legionellen-Ausbruch in Warstein befassen soll. Dann sollen auch ähnliche Vorfälle in Deutschland und Europa aufgearbeitet werden, um solche Krankheitswellen künftig besser verhindern zu können. Exner, der schon seit Jahren bessere Vorschriften angemahnt habe, begrüße die Anstrengung: „Aber bis zum Erkennen eines gesundheitlichen Problems und der kompletten Aufarbeitung und einer gesetzlichen Regelung vergehen erfahrungsgemäß immer mindestens 20 Jahre.“ (ad)

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