Leistungsdruck: Jedes 4. Kind psychisch belastet

Sebastian

Studie: Jedes vierte Kind in Deutschland psychisch belastet. Jedes zweite Kind hat bereits Therapieerfahrungen.

(14.08.2010) Psychische Leiden und seelische Belastungen nehmen in Deutschland auch bei Kindern kontinuierlich zu. Laut einer einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) leiden bereits ein Viertel der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre unter Symptomen wie Angst, Bauchschmerzen, Depressionen, innere Unruhe und Stress. Der Grund: Ein steigender Leistungsdruck ist nicht nur in der Arbeitswelt zu beobachten, sondern mittlerweile auch in den Schulen. Denn Mitte der 90er Jahre lag der Anteil der psychisch auffälligen Kinder noch bei unter 20 Prozent. Das bestätigte auch der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Michael Schulte-Markwort gegenüber dem "Hamburger Abendblatt".

Eltern verlangen von ihren Kindern immer mehr Leistungen ab, obwohl viele Eltern ebenfalls dem gestiegenen gesellschaftlichen Leistungsdruck unterliegen. So sagte Prof. Michael Schulte-Markwort: „Kinder sind heute unglaublich diszipliniert und leistungsbereit“. Aber: „Im Prinzip ist das ja etwas Gutes – aber nicht, wenn sie nicht mehr merken, dass sie sich überfordern, oder wenn ihre Eltern überhöhte Anforderungen stellen.“

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Auch Kinder und Jugendliche können bereits einem „Burn-out-Syndrom“ unterliegen, der Psychiater Schulte-Markwort verwende bereits diese Krankheits-Begriff, obwohl dieser bei Kindern noch wissenschaftlich untersucht werden müsste. Er sei hierbei in Fachkreisen schon "mutiger" geworden, denn der wachsende Leistungsdruck mache auch vor den Schulen nicht halt.

Die Aussagen des Psychiaters werden auch durch eine neuerliche Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bestätigt, wonach sogenannte psychosomatische Erscheinungsformen bei jungen Menschen deutlich zugenommen haben. Immer mehr Kinder klagen bereits über Kopfschmerzen, Schwindel, Ängsten, ADHS und Bauchschmerzen. Sehr Erschreckend: Bereist 4 Prozent der gerade erst Eingeschulten leiden unter Kopfschmerzen. In der vierten Klasse seien es bereits 10 Prozent der Schüler und Schülerinnen. Diese Zahlen sind sehr relevant und sollten zu einem Umdenken bewegen. Denn diese Zahlen zeigen auch, dass diese Symptome keine einmaligen Phänomene sind, sondern Alltagserkrankungen bereits von vielen Kindern. Und zeigen auch auf, dass der Weg zur manifestierten psychischen Störung nicht mehr weit ist. Denn die Beschwerden sind oftmals eine "Eingangssymptomatik" die in einer psychischen Auffälligkeit bei Kindern münden. "Wenn man das nicht behandelt, bilden sich psychische Symptome oder Störungen aus", so der Professor.

Die Ursachen für den Anstieg der psychischen und psychosomatischen Indikatoren sind schnell ausgemacht. Immer mehr mediale Reizüberflutung zu Hause, in der Freizeit und in der Schule begleiten die Kinder zunehmend. Zum anderen sind die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an die Kinder gestiegen. Das überträgt sich auch auf die Eltern, die häufig selbst einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Dieser Druck wird dann an die Kinder weiter gegeben. Aus den Kindern soll schließlich "einmal etwas werden". "Das ist Ausdruck der veränderten Umweltbedingungen, unter denen Kinder heute groß werden." Eltern, Ärzte und Pädagogen seien bei solchen Symptomen aber auch aufmerksamer geworden, betonte der Forscher: "Früher wurde das eher bagatellisiert und für unwichtig erklärt."

Die Daten wurden durch die Hamburger Wissenschaftler aus mehreren Studien zusammen gesucht und ausgewertet. Darunter zwei UKE-Studien, zwei Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO und eine Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS. An der zuletzt genannten Studie haben allein fast 18.000 Kinder teilgenommen.

Hinzukommend leiden immer mehr Kinder auch unter Bewegungsmangel und Rückenschmerzen. Das ergab eine Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK). Die gesundheitlichen Probleme beginnen zumeist schon im Einschulalter und treten besonders häufig im Alter von 11 bis 14 Jahre auf. Der Anteil der Kinder mit leichten bis mittelschweren Kreuzschmerzen liegt bereits bei 44 Prozent. (sb)