Lepra – Die Mittelalterkrankheit ist noch lange nicht überwunden

Dr. Utz Anhalt
Für Europäer ist Lepra eine Krankheit des „finsteren Mittelalters“ – genau so vergangen wie Pest und Ketzerverbrennung, Faustrecht und Kreuzzüge. Doch weltweit erkranken am Alptraum der Medizin im Mittelalter immer noch mehr als 200.000 Menschen pro Jahr. Darüber klärte der Welt-Lepratag auf – am 30. Januar 2017.

Verstümmelte Gliedmaßen?
Das klassische Bild vom Leprakranken ist ein Mensch, dem Finger wie Nase abfallen, und der gnadenlos entstellt dahin siecht.

Das Bakterium zersetzt die Haut und bildet Wucherungen. Es ensteht das so genannte Löwengesicht (Morphart/fotolia.com)

Bei Lepra sterben tatsächlich die Nerven ab, und das Blut verdickt sich. Ohne Schmerzempfinden verletzen sich die Erkrankten selbst ständig und merken nicht, wenn ihre Wunden sich infizieren. Schwärende Sepsis führt dann als Sekundärinfektion dazu, dass die Wundherde absterben.

In den betroffenen Ländern leben Leprakranke zudem in der Regel unter schlimmsten hygienischen Bedingungen, und dadurch haben Sekundärinfektionen ein leichtes Spiel.

Das Grauen kennt viele Formen
Lepra ist genau genommen nicht eine Krankheit, sondern bezeichnet ein Spektrum von Erkrankungen eines Komplexes, ausgelöst durch Varianten und Verwandte des Mycobacteriums leprae.

Die schlimmste Form ist die lepramatöse Lepra. Hier wanderen die Bakterien durch das Blut, in die Lymphbahnen, Schleimhäute und Nerven. Rote Leprome überwuchern die Haut und zersetzen sie.

Das „Löwengesicht“
Jetzt kommt es zum „Löwengesicht“, das ins populäre Bild der Lepra einfloss: Die Leprome bilden Verdickungen, Wölbungen, Knoten und Narben, Schuppen und Flechten überziehen die Haut, und Mitmenschen fühlten sich an das Gesicht einer Großkatze erinnert.

Geschwüre und Zerfall
In Muskeln, Gewebe und Sehnen bilden sich Geschwüre, die auch die inneren Organe schädigen. Das Immunsystem der Betroffenen wird immer schwächer. Die Kranken sterben aber nicht an der Lepra selbst, sondern, wie bei AIDS, an den Folgeerkrankungen.

WHO sieht den Sieg in Sicht
Die Weltgesundheitsorganisation glaubt, die Lepra global in den nächsten Jahrzehnten ausrotten zu können und zählt sie seit 2000 nicht mehr zu den allgemeinen Gesundheitsgefahren. Das hilft mehr als 100.000 erkrankten Indern, 27.000 Infizierten in Brasilien und vielen tausend im tropischen Afrika wenig.

Die Seuche lässt sich heilen
Doch Lepra lässt sich heilen. Drei Medikamente, Dapson, Clofazimin und Rifampicin bekämpfen das Bakterium nachhaltig, allerdings dauert die Behandlung oft mehrere Jahre und bedarf systematischer Überwachung durch Ärzte.
Die WHO konnte bisher 16 Millionen Erkrankte heilen. Bereits nach der ersten Einnahme der Antibiotika können die Betroffenen die Krankheit nicht mehr verbreiten.

Eine lange Inkubationszeit
Lepra hat eine lange Inkubationszeit. Zwischen vier und sechs Jahre können Betroffene das Bakterium in sich tragen und andere Menschen infizieren, bevor die Krankheit ausbricht.

Die Seuche gilt zu Recht als Krankheit der Armen, und die Infizierten in den Slums von Daressalam oder Delhi gehen meist erst dann zum Arzt, wenn die Lepra bereits fortgeschritten ist und Geschwüre ihre Haut bedecken; oder sie kommen wegen entzündeten Wunden, die sich als Sekundärinfektion bildeten.

Lepra als Marktvorteil
In Indien, dem Zentrum der Seuche heute, gilt Lepra sogar als perverser Marktvorteil im Geschäft des Bettelns. Wer offene Wunden zeigt oder wem Gliedmaßen fehlen, der hofft, mehr milde Gaben zu bekommen.
Das führt sogar dazu, dass Arme nicht nur Wunden oder fehlende Gliedmaßen vortäuschen, sondern sich sogar selbst verstümmeln, Finger oder Zehen amputieren.
Um die Lepra unter Kontrolle zu bekommen, sind diese Praktiken fatal. Denn diese nicht behandelten Erkrankten stecken Gesunde an.

Wie ansteckend ist Lepra?
Das Lepra-Bakterium ist nur schwach ansteckend. Durch Hautkontakt mit Leprakranken infiziert man sich in der Regel ebenso wenig wie durch die Atemluft. Wahrscheinlich ist eine Infektion nur, wenn jemand über längere Zeit mit Körperflüssigkeiten von Erkrankten in Berührung kommt.
Gefährdet sind Ärzte und Krankenschwestern, die nicht die bekannten Schutzmaßnahmen einhalten wie Mundschutz oder Handschuhe.
Der beste Selbstschutz in Lepragebieten ist, sich regelmäßig mit frischem Wasser die Hände zu waschen.

Aufklärung ist das Ziel
Neben dem Kampf gegen die Seuche selbst ist die Aufklärung über die Formen der Ansteckung ein wesentliches Ziel der WHO.

Sündenböcke
Bei kaum einer Krankheit wurden und werden die Betroffenen so dermaßen ihrer Menschenrechte beraubt wie bei der Lepra. Magisches Denken, Verschwörungswahn und Verschwörungstheorie machten sie Sündenböcken, die Pogromen zum Opfer fielen.

Stigmatisierung
Im Mittelalter mussten die „Aussätzigen“ in speziellen Häusern leben, besondere Kleidung tragen und sich mit mit Geräuschen ankündigen, damit die Gesunden reißaus nehmen konnten.
Ihre Ehen wurden aufgelöst, sie durften kein Testament machen oder vor Gericht auftreten. Starben sie, dann wurden sie nicht auf einem christlichen Friedhof beerdigt.

Unwissen und Ausgrenzung
Noch heute verzerren medizinische Mythen den Umgang mit den Kranken. Leprakranke werden in manchen afrikanischen Ländern ausgesetzt, aus den Dörfern verbannt, und in Indien sind sie der Inbegriff der Unberührbaren.
Wie bei AIDS-Kranken ist hier Aufklärung vonnöten: Niemand infiziert sich mit Lepra, weil er die Erkrankten in den Arm nimmt, und die Krankheit lässt sich heilen. (Dr. Utz Anhalt)