Lesen stört immer beim Hören: Schuld sind begrenzten Hirnkapazitäten

Sebastian
„Taubheit durch Unaufmerksamkeit“ weit verbreitet
Viele Menschen kennen das Problem, man sitzt im Zug und liest in der Zeitung. Plötzlich fällt uns auf, dass wir bereits durch unseren Zielbahnhof gefahren sind und unsere Ausstiegsmöglichkeit verpasst haben. Häufig überlegen Betroffene nach so einem Vorfall, wie es überhaupt möglich gewesen sein kann, dass wir die Durchsage des Zugbegleiters nicht gehört haben. Dieser sagt ja bekanntlich immer jeden einzelnen Bahnhof an, aber warum haben wir es dann nicht mitbekommen?
So etwas sei nicht wirklich außergewöhnlich, stellten britische Forscher nun in einer Studie fest. Schuld an dem Problem, ist laut den Medizinern, unser menschliches Gehirn. Dieses hat nur eine begrenzte Kapazität und ist nicht in der Lage, beide Sinne gleichzeitig zu verarbeiten. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichten die britischen Wissenschaftler in dem Fachjournal „Journal of Neuroscience“.

Lesen stört das Hören. Bild: Eugenio Marongiu - fotolia
Lesen stört das Hören. Bild: Eugenio Marongiu – fotolia

Wenn wir zwei Sinne gleichzeitig nutzen, wie beispielsweise das Sehen und Hören, ist es möglich, dass diese Sinne die gleichen neuronalen Ressourcen nutzen. Wenn dann das Lesen viele Ressourcen benötigt, wird der andere betroffene Sinn, in diesem Fall das Hören, unterdrückt und eventuell nicht ausgewertet.

Magnetenzephalografie: Scans bringen neue Ergebnisse
Die Wissenschaftler vom „University College London“ haben nun zu diesem Thema ein Studie durchgeführt. Zu diesem Zweck wurden Versuchspersonen gebeten, verschiedene Aufgabenstellungen an einem Bildschirm zu lösen. Die Probanden sollten bestimmte Buchstaben identifizieren. Diese waren in eine andere Gruppe von Buchstaben gemischt worden. Die Testperson musste nun die richtigen Buchstaben heraussuchen. Manche der Versuche seien ziemlich leicht gewesen, es gab aber auch Aufgaben, die schwerer waren und viel mehr Konzentration benötigten, erklärten die Wissenschaftler in der Studie. Wenn die Probanden ihr Aufgaben durchführten, spielten die Mediziner den Testpersonen Töne vor. Während der gesamten Zeitspanne der Versuche, scannte das Forscherteam um Katharine Molloy die Hirnaktivität per Magnetenzephalografie.

Visuelle Reize können Geräusche in neuronaler Verarbeitungskette unterdrücken
Durch die Auswertung der Versuche sei klar geworden, dass die Probanden das Geräusch nicht einfach nur ignorierten. Die Testpersonen seien gar nicht erst in der Lage gewesen, die Geräusche zu hören, erläuterte die Forscherin Maria Chait. Wenn sich Menschen sehr stark auf visuelle Reize konzentrieren, werden gleichzeitig auftretende Geräusche frühzeitig in der neuronalen Verarbeitungskette unterdrückt. Dies sei auch klar zu erkennen, weil in solchen Momenten die zuständigen Gehirnbereiche nur noch eine verminderte Aktivität aufweisen würden, fügten die Wissenschaftler hinzu. Wenn kurz danach eine Hirnaktivität auftrat, zeigte diese normalerweise eine Wahrnehmung von Sinnesreizen an. Probanden, die sich sehr stark konzentrierten; hatten eine deutlich verminderte Wahrnehmung. Durch diese Ergebnisse wurde klar, das Geräusch ist niemals im Bewusstsein der Testperson angekommen.

„Taubheit durch Unaufmerksamkeit“ besonders gefährlich im Straßenverkehr

Sogenannte „Taubheit durch Unaufmerksamkeit“, sei eine Erfahrung, die jeder Mensch schon im Alltag erlebt habe. Nun sei aber auch klar, warum das Phänomen auftrete, sagte Nilli Lavie die Co-Autorin der Studie. Die Ergebnisse können jetzt endlich aufklären, warum wir beispielsweise im Bus die Ansage zu unserer Haltestelle nicht hören, wenn wir ein Buch lesen oder zu stark auf unser Telefon konzentriert sind. Diese Unaufmerksamkeit kann aber auch ernsthafte Auswirkungen haben. Wenn zum Beispiel Chirurgen bei einer Operation akustische Warnungen von Überwachungsgeräten verpassen, hat so etwas schlimme Folgen. Ähnliche Probleme können auch bei Menschen auftreten, die sich als Fahrer zu stark auf verwirrende Anweisungen des Navigationsgerätes konzentrieren. In solchen Fällen passiert es oft, dass wichtige Verkehrsgeräusche überhaupt nicht bemerkt und verarbeitet werden.

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Probanden übersehen Gorilla in älterer Studie
Schon früher hatten Studien gezeigt, dass Menschen bei Überlastung des Gehirns manche Sinnesreize nicht verarbeiten können. Ist unser Gehirn überfordert, funktioniert es nicht mehr zuverlässig, die Verarbeitung der Reize unserer Sinne ist dann stark eingeschränkt. Ein sehr bekanntes Beispiel für die sogenannte „Unaufmerksamkeitsblindheit“ ist die „Gorilla-in-unserer-Mitte“-Studie. In dieser Untersuchung hatten Wissenschaftler von der Harvard-Universität, im Jahr 1999 bewiesen, dass Probanden sogar einen Menschen im Kostüm eines Gorillas übersehen können, wenn sie abgelenkt sind und sich stark auf andere Dinge konzentrieren. (as)