Mädchen in Hamburg stirbt an EHEC-Infektion

Fabian Peters

Hamburger Grundschülerin an EHEC-Infektion verstorben

20.02.2012

Im vergangenen Jahr hat die EHEC-Epidemie den Menschen in Deutschland auf erschreckende Art vor Augen geführt hat, welch weitreichende Wirkung die Verunreinigung von Lebensmitteln mit Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) Bakterien haben kann. Seit die Ursache der EHEC-Infektionen ermittelt und die Ausbreitung gestoppt wurde, war es in den vergangenen Monaten jedoch recht ruhig geworden um die gefährlichen Darmbakterien.

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Nun sorgt der Todesfall eines kleinen Mädchens in Hamburg für erneute Beunruhigung. Das sechs Jahre alten Mädchens starb an den Folgen einer EHEC-Infektion. Ob die Auslöser der EHEC-Epidemie im vergangenen Jahr, die neuartigen besonders gefährlichen EHEC-Erreger (HUSEC 41) vom Serotyp O104:H4, auch für den Tod der Grundschülerin verantwortlich sind, steht bisher nicht fest. Doch die Sorge in der Bevölkerung wächst. Die Eltern sind alarmiert und achten aus Angst vor einer Rückkehr der Darmseuche derzeit wieder besonders genau auf mögliche EHEC-Symptome bei ihren Kindern.

Suche nach der Infektionsquelle
Die Sechsjährige aus dem Hamburger Stadtteil Blankenese war in der Nacht zum Sonntag an den Folgen einer EHEC-Infektion verstorben. Allerdings ist bisher unklar, welche Variante der Erreger die Erkrankung des Mädchens verursacht hat. Ob tatsächlich der besonders aggressive EHEC-Erreger HUSEC 41, der im vergangenen Jahr die Epidemie mit mehr als 4.000 Erkrankungen und über 50 Todesfällen ausgelöst hatte, hinter der Infektion des Mädchens steckt, lässt sich daher laut Aussage des Hamburger Gesundheitsamts bisher nicht bestätigen. Auch ist bislang nicht geklärt auf welchem Weg sich die Grundschülerin infiziert haben könnte, so die Mitteilung der Gesundheitsbehörde. Im Umfeld der Grundschülerin habe es keine weiteren Ansteckungen gegeben, erklärte ein Sprecher des Gesundheitsamts. Um den Erregern auf die Spur zu kommen, seien von den Lebensmitteln, die das Mädchen gegessen hatte, Proben genommen worden. „Wir hoffen, dass es im Laufe des Tages Ergebnisse gibt“, betonte der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde. Fest steht zur Zeit nur, dass die Folgen einer EHEC-Infektion den Tod des Mädchens verursacht haben. Die Sechsjährige litt offenbar an dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das bei besonders schweren Krankheitsverläufen von EHEC-Infektionen zu beobachten ist. Verursacht wird HUS durch die Toxine der EHEC-Erreger, welche die Blutgefäße zerstören und Gewebeeinblutungen verursachen können. Bei dem Erregerstamm HUSEC 41 litten im vergangenen Jahr besonders viele EHEC-Patienten auch an einem hämolytisch-urämischen Syndrom.

Rund 1.000 EHEC-Infektionen jährlich in Deutschland
Generell sind EHEC-Infektionen keine Seltenheit, da die Erreger sich im Darm von Wiederkäuern wie Schafen, Ziegen und Rindern relativ gut vermehren und langfristig halten können. Über die Ausscheidungen der Tiere gelangen die Erreger mitunter auch auf Lebensmittel wie rohes Gemüse oder frischen Salat. Besonders gefährdet sind zudem Sprossen, wie die Verbreitung der EHEC-Erreger durch Sprossen aus ägyptischen Bockshornkleesamen im Frühsommer des vergangenen Jahres zeigte. Jährlich erkranken in Deutschland auch ohne eine größere Epidemie rund 1.000 Menschen an einer EHEC-Infektion, wobei normalerweise lediglich etwa 60 von ihnen auch an HUS erkranken. Bei dem aggressiven EHEC-Erregerstamm, der die Infektionswelle im vergangenen Jahr ausgelöst hatte, erlitt jedoch ein deutlich größerer Anteil der EHEC-Patienten ein hämolytisch-urämisches Syndrom.

Gefährliches Toxin der EHEC-Erreger
Die EHEC-Erreger sind aufgrund von zwei besonderen Eigenschaften für den Menschen unter Umständen besonders gefährlich. Erstens können sich die Erreger im Darm festsetzen und vermehren, zweitens geben sie bei ihrem Absterben das sogenannte Shigan-Toxin frei, das die Zerstörung der Blutgefäße bewirkt. Das Toxin wird mit den roten Blutkörperchen transportiert und zerstört bei Erreichen der Nierengefäße die Endothelzellen (innere Wandschicht der Lymph- und Blutgefäße). Ist die Schutzbarriere der Endothelzellen zerstört, kann das Gift in die Zellen eindringen und so deren Absterben verursachen. Das Gift der EHEC-Erreger dockt an bestimmte Rezeptoren in den Zellen an, wodurch die Proteinsynthese blockiert wird, welche für das Überleben der Zellen erforderlich ist. Durch die Implementierung von Proteinen in den Zellen können die EHEC-Erreger jedoch nicht nur den Zelltod verursachen, sondern auch die Festsetzung der Bakterien im Darmgewebe erleichtern.

EHEC-Infektion meist nach maximal zehn Tagen überstanden
Zwar löst das EHEC-Gift im menschlichen Körper eine ganze Reihe von gefährlichen Prozessen aus, doch ein gesunder Organismus kann die Belastungen in der Regel durchaus verkraften. So verläuft die Infektion bei 80 bis 90 Prozent der Betroffenen mit Symptomen wie krampfartigen Bauchschmerzen, starkem Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, die nach drei bis vier Tage Inkubationszeit auftreten. Nach zehn Tagen ist die EHEC-Infektion bei Personen mit intakter Immunabwehr meist überstanden. Doch obwohl die Betroffenen keine Symptome mehr aufweisen, können sie noch über mehrere Wochen EHEC-Erreger übertragen. Wie der Mikrobiologe von der Universitätsklinik Heidelberg, Klaus Heeg, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Focus“ erklärte, liegt dies „daran, dass das Bakterium an sich nicht krank macht, sondern die Toxine – und die werden mit der Zeit inaktiv.“ Trotzdem seien die EHEC-Erreger im Organismus weiter vorhanden, auch wenn der Körper diese unter Kontrolle gebracht hat und die akute Infektion überstanden ist.

Schwerwiegendere Folgen einer EHEC-Infektion
Allerdings ist die EHEC-Infektion für zehn bis zwanzig Prozent der Patienten nach dieser ersten Leidensphase noch nicht vorbei. Rund eine Woche nach den ersten Symptomen entwickelt sich bei ihnen eine sogenannte enterohämorrhagischen Colitis (EHEC-bedingte Darmentzündung) und schlimmstenfalls das hämolytisch-urämische Syndrom. Typisches Merkmal der Darmentzündung ist ein stark wässriger Durchfall mit Blut im Stuhl. Da sich die EHEC-Erreger vermehrt im Darmgewebe ausgebreitet haben, kann der Organismus diese nicht mehr in Schwach halten und die Toxine zeigen ihre fatale Wirkung. So erleiden rund 50 Prozent der Betroffenen im weiteren Krankheitsverlauf das hämolytisch-urämische Syndrom. Die typischen Merkmale des HUS sind vermehrte Endothelschädigungen, die innere Blutungen insbesondere im Bereich der Nierenarterien zur Folge haben. Hierdurch erleiden viele Patienten eine sogenannte Blutarmut (Anämie), die ihrerseits eine mangelhaften Sauerstoffversorgung des ganzen Körpers bedingt. Diese Unterversorgung mit Sauerstoff kann sich durch zahlreiche Symptome wie beispielsweise einen massiven Leistungsabfall, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen, Ohrensausen (Tinnitus), Übelkeit, Konzentrationsprobleme, Schlaflosigkeit und Sehstörungen äußern. Bei schwerwiegendem Verlauf können die Nierenschädigungen im Zuge des hämolytisch-urämischen Syndroms auch ein akutes Nierenversagen bedingen, dass für die Betroffenen lebensbedrohlich ist. So überleben rund zwei Prozent der HUS-Patienten die Erkrankung nicht.

Akutes Nierenversagen aufgrund des hämolytisch-urämischen Syndroms
Das akute Nierenversagen im Zuge des HUS zählt zu den schwerwiegendsten Folgen einer EHEC-Infektion. Das Nierenversagen verursacht Regulationsprobleme im Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt, die eine Störungen bei der Ausscheidung harnpflichtiger Substanzen zur Folge haben können. Da die Endprodukten des Eiweißstoffwechsels und anderen harnpflichtige Substanzen im Organismus verbleiben, drohen lebensgefährliche Harnvergiftungen beziehungsweise Urämien (harnpflichtige Substanzen im Blut). Diese Vergiftungen des Körpers können im schlimmsten Fall ein Multiorganversagen verursachen, welches unter Umständen den Tod der Patienten zur Folge hat. Zudem kann HUS eine dauerhafte Schädigungen der Nieren bedingen. Für manche Patienten ist eine Nierentransplantation die letzte Hoffnung oder sie sind Zeit Lebens auf eine Dialyse (Blutreinigungen) angewiesen.

EHEC-Therapie beschränkt auf Behandlung der Symptome
Die Behandlung einer EHEC-Infektion beschränkt sich in den meisten Fällen auf einen Behandlung der Symptome. Die direkte Bekämpfung der EHEC-Bakterien mit Hilfe von Antibiotika kommt nicht in Frage, da die Erreger bei ihrer Zerstörung das Shigan-Toxin freigeben und sich die Beschwerden der Patienten bis hin zu lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen verstärken können. So bleibt bei den schweren EHEC-Infektionen nur die Verabreichung von Infusionen zum Ausgleich des Flüssigkeits- und Salzverlusts, sowie die Blutreinigung um Krankheitsauslöser und Giftstoffe aus dem Organismus zu entfernen. Für die HUS-Patienten mit fortgeschrittener Nierenstörung ist die Dialyse Pflicht, da sie die einzige Option bietet , das Auftreten harnpflichtiger Substanzen im Blut zu reduzieren. (fp)