Magersucht, Binge Eating oder Bulimie: Verbote helfen nicht

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Fabian Peters
Per Gesetz gegen die Essstörungen? Drastischer Anstieg der Essstörungen
Essstörungen wie Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) haben sich in den vergangen Jahren zu einem relativ verbreiteten Beschwerdebild entwickelt, was vielfach in Zusammenhang mit dem „Schlankheitswahn“ der Modeindustrie gebracht wurde. Frankreich hat daher zuletzt per Gesetz magersüchtige Models auf den Laufsteg untersagt. „Doch Magersucht oder Bulimie lassen sich nicht per Gesetz verbieten“, betont Thomas Nawrath, Landespressesprecher der Barmer GEK in Sachsen-Anhalt.

In Sachsen-Anhalt sind die Fallzahlen bei den Essstörungen laut Mitteilung der Barmer GEK in den vergangenen fünf Jahren um 10,3 Prozent gestiegen. Dabei seien – entgegen dem Klischee – nicht nur junge Frauen betroffen, sondern auch bei den über 50-Jährigen werde immer häufiger eine Essstörung diagnostiziert. Hier hilft ein Gesetzt gegen magersüchtige Modells auf dem Laufsteg nach Einschätzung des Sprechers der Barmer GEK in Sachsen-Anhalt wenig. Vielmehr sei die Prävention der Essstörungen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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Das Körpergefühl und die Selbstwahrnehmung sind bei einer Esstörung oft deutlich beeinträchtigt. (Bild: RioPatuca Images/fotolia.com)

Bundesweiter Anstieg der Fallzahlen
Wurden in Sachsen-Anhalt im Jahr 2009 noch 768 Versicherte wegen Anorexie, Bulimie, Binge Eating (Psychogene Esssucht) oder anderen Essstörungen ärztlich behandelt, waren dies im Jahr 2014 bereits 847 Versicherte, so die Mitteilung der Barmer GEK. Auch in anderen Bundesländern sei ein entsprechender Trend feststellbar. Beispielsweise hatte Thüringen einen Anstieg der Fallzahlen um 16,6 Prozent zwischen 2009 und 2014 zu verzeichnen und in Sachsen stiegen die Fallzahlen sogar um 19,7 Prozent. Deutschlandweit war laut Mitteilung der Barmer GEK ein Anstieg um 14,5 Prozent im Zeitraum von 2009 bis 2014 festzustellen. Für Sachsen-Anhalt ergab die Auswertung des Weiteren, dass die Essstörungen nicht nur bei jungen Frauen ein relativ verbreitetes Problem darstellen, sondern auch bei den 30- bis 40-Jährigen sehr häufig diagnostiziert werden. In dieser Altersgruppe habe sich ein Anstieg der Diagnosen von Magersucht, Bulimie oder Binge Eating um 41,4 Prozent in den vergangenen fünf Jahren ergeben.

Über 50-jährige Frauen im häufiger betroffen
Die größte Zunahme der diagnostizierten Essstörungen seit 2009 ergab sich laut Mitteilung der Barmer GEK in der Altersgruppe der 51- bis 60-Jährigen mit 76,8 Prozent. Und auch bei den über 60-Jährigen sei ein besonders drastischer Anstieg der Diagnosen (plus 62,2 Prozent) festzustellen. Oft seien hier „schwere Lebenskrisen, der veränderte Körper nach einer Geburt, jahrelange Diäten oder die Angst vor dem Älterwerden“ Ursachen für die Probleme, berichtet der Sprecher der Barmer GEK Sachsen-Anhalt. „ In einer jungendfixierten Gesellschaft wächst mit dem Alter die Angst vor dem Verlust von Erfolg und Annerkennung“, so Nawrath weiter. Der Beschluss des französischen Parlaments aus der vergangenen Woche, per Gesetzt die magersüchtigen Modells auf den Laufstegen zu verbieten, ist hier keine Lösung. „Wer Essstörungen hat, braucht professionelle Hilfe und kein Gesetz“, betont der Sprecher der Barmer GEK.

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Essstörungen im frühen Kindesalter rückläufig
Essstörungen sind eine ernstzunehmende Erkrankung, die unter Umständen zwar durch ein falsches Körpergefühl bedingt werden könne, das auf die schlechte Vorbildwirkung der Modeindustrie zurückgehe. „Doch die Ursachen für Magersucht und andere Essstörungen liegen in der Regel ganz woanders“, erläutert Nawrath. Hier seien zum Beispiel Schwierigkeiten in der Familie, nicht verarbeitete Trauer oder Leistungsdruck, der auch auf den eigenen Körper übertragen wird, als häufige Ursachen zu nennen. In der Auswertung der Barmer GEK hat sich laut Mitteilung der Krankenkasse allerdings auch eine durchaus positive Entwicklung abgezeichnet. So seien die Diagnosen von Essstörungen im frühen Kindesalter erfreulicherweise bundesweit wie auch in Sachsen-Anhalt merklich zurückgegangen, berichtet Nawrath. An dieser Stelle konnte der bisherige Trend umgekehrt werden.

Prävention beginnt bereits in der Kita
Um einen weiteren Anstieg der Essstörungen zu verhindern, bedarf es nach Einschätzung der Barmer GEK einer verbesserten gesundheitlichen Vorsorge und Prävention. „Hier ist das vor wenigen Wochen verabschiedete Präventionsgesetz zu begrüßen – doch an wichtigen Punkten greift es zu kurz, wenn es nur die Gesetzlichen Kranken-und Pflegekassen in die Pflicht nimmt“, berichtet der Sprecher der Barmer GEK Sachsen-Anhalt. In jedem Fall müssten Kinder so früh wie möglich lernen und erleben, wie sie sich richtig ernähren und bewegen können, um fit zu bleiben. Dies beginne bereits in den Kindertageseinrichtungen und sollte auch in der Schule fortgesetzt werden. Informationen und Hintergründe zu Magersucht, Bulimie und Binge Eating stellt die Barmer GEK in der Broschüre „Essstörungen erkennen und handeln. Ratgeber für Angehörige“ bereit. „Eltern, Freunde, Mediziner und Krankenkassen müssen an einem Strang ziehen, um den Betroffenen zu helfen“, so der Landespressesprecher der Barmer GEK. (fp)