Marmorhand-Illusion: Getäuschte Körperwahrnehmung

Alfred Domke

Hand fühlt sich durch simplen Trick wie Marmor an

16.03.2014

Neurowissenschaftler haben in einem einfachen Experiment gezeigt, dass sich der menschliche Körper leicht täuschen lässt, wenn es um das Gefühl des eigenes Fleisches geht. Mit Hilfe eines Hammers und von Geräuschen wurde bei Versuchsteilnehmern die Illusion einer Marmorhand hervorgerufen.

Getäuschte Körperwahrnehmung
Eigentlich wissen alle, dass der menschliche Körper aus Fleisch und Knochen besteht. Doch Forscher zeigten nun, dass diese Körperwahrnehmung nicht selbstverständlich ist. Dafür stellten sie eine Körperillusion vor, die zeigt, wie Menschen ihre Annahmen darüber ändern, aus welchem Material ihre Hand besteht. Die Neurowissenschaftler um Irene Senna von der Universität Mailand–Bicocca, mittlerweile an der Universität Bielefeld tätig, baten für ihr Experiment freiwillige Versuchspersonen, ihre Hände vor sich auf dem Tisch zu platzieren. Den beteiligten jungen Erwachsenen wurde dann mit einem kleinen Hammer auf die rechte Hand geklopft. Allerdings hörten sie dabei nicht das natürliche Geräusch, wie der Hammer auf die Haut trifft, sondern das Geräusch eines Hammers der auf Marmor prallt, denn dieses wurde ihnen bei jedem Klopfen über einen Kopfhörer vorgespielt.

Hand der Teilnehmer fühlt sich innerhalb von Minuten hart und kalt an
Nach Angaben der Teilnehmenden fühlte sich die rechte Hand innerhalb von Minuten steifer, schwerer, härter, kälter, unempfindlicher und unnatürlicher an. Wenn die Hammergeräusche nicht synchron mit den Berührungen erfolgten oder wenn stattdessen reine Töne zu hören waren, blieb dieser Effekt aus. Dies berichteten die Forscher im Fachblatt „PLOS ONE“. Die Wissenschaftler untersuchten außerdem, ob sich dieser subjektive Eindruck auch objektiv messen lässt, indem sie den Hautwiderstand mit Elektroden registrierten. Dieser änderte sich wie erwartet in Abhängigkeit der Illusion. „Unser Gehirn prüft fortwährend Sinneswahrnehmungen über unsere Umwelt und unseren Körper. Wie das Experiment zeigt, geht das soweit, dass das Gehirn auch permanent kontrolliert, aus welchem Material der Körper besteht – auch wenn das unnötig erscheint, denn schließlich ändert sich das Material normalerweise nicht“, so Senna.

Entgegen allen Vorerfahrungen
Der Neurowissenschaftlerin zufolge liegt der Grund dafür darin, dass das Gehirn parallel Informationen aus verschiedenen Sinnesorganen zusammenführt, um die Eigenschaften seiner Umgebung und seines Körpers einzuschätzen. Wenn das Klopfen des Hammers (visueller Reiz) mit dem Geräusch eines auf Stein schlagenden Hammers (akustischer Reiz) kombiniert wird, passt das Gehirn die Wahrnehmung so an, dass beide Informationen miteinander harmonieren. Auch wenn das allen Vorerfahrungen widerspricht, entsteht so der Eindruck, die Hand bestünde aus Stein. Bezeichnet wird diese Verschmelzung von Informationen aus unterschiedlichen Sinnesorganen als „multisensorische Integration.“ Senna erklärte: „Unsere neu entdeckte Körperillusion – die Marmorhand-Illusion – beweist, dass das wahrgenommene Material unseres Körpers durch multisensorische Integration verändert werden kann.“

Menschen nehmen Prothesen als Teil ihres Körpers wahr
Gezeigt habe sich auch, dass das Gehirn offenbar nicht nur das eigene Fleisch prüfe, sondern es könne diesem auch Eigenschaften von nicht-biologischem Material wie Marmor oder Metall zuschreiben. „Diese überraschende Flexibilität unserer Wahrnehmung kann eventuell helfen, zu verstehen, warum Menschen, deren Körperteile durch Prothesen ersetzt wurden, diese trotz ihres künstlichen Materials als Teil ihres Körpers wahrnehmen“, so die Neurowissenschaftlerin. (ad)

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