Massive Zunahme der Blutvergiftungen

Fabian Peters

Blutvergiftungen nehmen in Zukunft deutlich zu

08.09.2011

Blutvergiftungen nehmen deutschlandweit deutlich zu. Die Deutsche Sepsis-Gesellschaft sieht hierin eines der großen medizinischen Probleme der Zukunft, denn in einer zunehmend älteren Gesellschaft wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren vermutlich noch deutlich verstärken.

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Die Zahl der Blutvergiftungen wird in Zukunft deutlich steigen, so die Warnung der Deutschen Sepsis-Gesellschaft (DSG) beim Auftakt des fünften internationalen Sepsis-Kongress in Weimar. Schon heute sind jährlich bis zu 150.000 Blutvergiftungen deutschlandweit zu verzeichnen, wobei ein Großteil der Erkrankungen während eines Krankenhausaufenthalt entsteht, erklärten die DSG-Experten. Die massive Zunahme der Blutvergiftungen ist nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Sepsis-Gesellschaft, Tobias Welte, besonders bedenklich, da die Sterblichkeit der Sepsis-Patienten bei 30 bis 50 Prozent liegt.

Ursachen für ein vermehrtes Auftreten von Blutvergiftungen
Nach Ansicht des DSG-Vorsitzenden könnten Blutvergiftungen in Zukunft im Zuge des demografischen Wandels zu einem der größten medizinischen Probleme werden, denn „die Menschen werden eben nicht gesund älter“. Tobias Welte zufolge leiden ältere Menschen zum Beispiel vermehrt unter chronischen Erkrankungen, die das Risiko einer Sepsis deutlich erhöhen. Außerdem habe der weit verbreitetet Einsatz von Plastikmaterialien wie Kathetern und Beatmungsschläuchen ein erhöhtes Infektionsrisiko und damit eine Zunahme der Blutvergiftungen zur Folge, erläuterte Welte. Auch würden immer mehr ältere, ohnehin anfälligere Personen operiert, wodurch die Zahl der Blutvergiftung zusätzlich steigt, so die Aussage des Experten. Zu guter Letzt können Schwerverletzte heute deutlich länger am Leben gehalten werden, als noch vor einigen Jahren und unterliegen dabei in der Regel ebenfalls einem deutlich erhöhten Infektions- und Sepsis-Risiko, erklärten die DSG-Fachleute ihre Schlussfolgerung einer massiven Zunahmen bei den Blutvergiftungen. Zusätzlich begünstigt werde das Auftreten der Blutvergiftungen durch die kontinuierlich sinkende Zahl der Pflegekräfte, ergänzte der DSG-Generalsekretär, Frank Brunkhorst.

Blutvergiftungen als Folge bakterieller Infektionen
Blutvergiftungen treten laut Aussage der Deutschen Sepsis-Gesellschaft in der Regel in Folge von bakteriellen Infektionen auf, wobei die Bakterien sich bereits in kleinsten Wunden ansiedeln können und sich bei mangelnder Leistungsfähigkeit der Immunabwehr relativ schnell vermehren. Entzündungen der Wunde sind die unmittelbare Folge. Wird keine medizinische Behandlung eingeleitet, können sich die Bakterien und ihre Toxine (Giftstoffe) über die Blutbahn ausbreiten und so auch andere Organe befallen. Durch diese Ausbreitung im Organismus wird die Sauerstoffversorgung der Organe stark beeinträchtigt und es droht ein Multiorganversagen, bei dem lebenswichtige Funktion von Organen wie beispielsweise Niere, Lunge oder Leber nicht länger aufrecht erhalten werden können. Erfolgt keine medizinische Behandlung, droht den Betroffenen innerhalb weniger Stunden der Tod.

Daher ist laut Aussage der DSG für eine erfolgreiche Sepsis-Therapie vor allem schnelles Handeln entscheidend. Ein frühzeitige Diagnose und eine umgehend eingeleitete Sepsis-Therapie, können die Überlebenschancen der Betroffenen erheblich verbessern, betonte der Vorsitzende der Global Sepsis Alliance und Direktor der Jenaer Klinik für Intensivmedizin, Konrad Reinhart. Dem Experten zufolge steigt die Sterblichkeit der Sepsis-Patienten mit jeder Stunde Verzögerung um sieben Prozent. So liegen die Überlebensaussichten in der ersten Stunde nach dem Auftreten der Sepsis-Symptome noch bei rund 80 Prozent, einen Tag später hingegen lediglich bei zehn Prozent, erklärte Reinhart. Umso wichtiger ist daher die Entwicklung besserer Diagnostik-Verfahren, betonte der Vorsitzende der Global Sepsis Alliance.

Atemnot, Herzrasen und Fieber als Anzeichen einer Blutvergiftung
Insgesamt ist das Krankheitsbild einer Blutvergiftung äußerst unspezifisch, wodurch die Diagnose deutlich erschwert wird, erklärte der DSG-Vorsitzende, Tobias Welte. Eindeutig nachweisen lasse sich eine Sepsis mit Hilfe eines Bluttests, doch wenn dieser angeordnet wird, ist die Krankheit oftmals bereits deutlich fortgeschritten. Im Vorfeld zeigen die Betroffenen laut Aussage der DSG häufig grippeähnliche Symptome und Fieber. Auch eine beschleunigte Atmung, erhöhte Herzschlagfrequenzen und ein niedriger Blutdruck können Anzeichen einer Sepsis sein. „Wer zusätzlich unter Bewusstseinsveränderungen wie Halluzinationen oder Verwirrtheit leidet, Atemnot und Herzrasen (Tachykardie) bekommt, hat wahrscheinlich eine Blutvergiftung“, erklärte Konrad Reinhart. In solchen Fällen ist umgehend ein Arzt aufzusuchen und bei Bestätigung des Verdachts eine Überweisung auf die Intensivstation einzuleiten, warnen die Experten. Die im Volksmund als eindeutiges Symptom einer Blutvergiftung geltende rote Linie, die von der Wunde in Richtung Herz wandert, ist hingegen nicht immer ein zuverlässiges Zeichen. Denn die rote Linie „deutet lediglich darauf hin, dass sich in den Lymphbahnen eine Entzündung ausbreitet“, erläuterte der DSG-Generalsekretär Brunkhorst.

Blutvergiftungen durch Krankenhausaufenthalt?
Besonders kritisch beurteilt die DSG die Anzahl der Blutvergiftungen, die während eines Krankenhausaufenthalts entstehen. Sowohl auf den Intensiv- als auch auf den Normalstationen unterliegen die Patienten einem deutlich erhöhten Blutvergiftungsrisiko, betonte der DSG-Generalsekretär. Rund zwei Drittel aller Blutvergiftungen gehen auf eine Krankenhausbehandlung zurück, so Brunkhorst weiter. Dabei seien rund 20 Prozent der Blutvergiftungen in den Kliniken „potenziell vermeidbar“, erläuterte der Experte. Dem DSG-Generalsekretär zufolge könnte neben dem Einhalten der Hygienevorschriften – insbesondere der Handdesinfektion – auch eine verbesserte Schulung des Personals langfristig eine deutliche Reduzierung der Blutvergiftungen bewirken. Die derzeitige Personalknappheit bei den Pflegekräften trägt nach Ansicht des DSG-Generalsekretärs indes dazu bei, das weiterhin mit steigenden Fallzahlen zu rechnen ist. Der Vorsitzende der Deutschen Sepsis-Gesellschaft ergänzte, dass – sollten keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden – Blutvergiftung sich im Zuge der alternden Gesellschaft zu einem „der Mega-Probleme der Zukunft“ entwickeln könnten. (fp)