Massive Zweifel an Dengue-Fieber Impfstoff-Wirkung

Fabian Peters

Dengue-Fieber Impfstoff offenbar nicht der gefeierte Durchbruch

15.09.2012

Nachdem im Fachmagazin „The Lancet“ eine Studie zu einem möglichen Impfstoff gegen das Dengue-Fieber veröffentlicht wurde, feiert der französische Pharmakonzern Sanofi Pasteur seine Entwicklung bereits als Durchbruch. Zahlreiche Medienberichte verweisen jedoch auf die Schwächen des Impfstoffs und auch die Studienautoren haben lediglich eine Wirksamkeit von bis zu 30 Prozent festgestellt. Hier soll offensichtlich durch die Fehlinterpretation der Studienergebnisse von Seiten des Konzerns der Verkauf ermöglicht werden.

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Das Dengue-Virus breitetet sich seit den 1970er Jahren weltweit im stärker aus. Die ursprünglich nur räumlich begrenzt auftretenden vier unterschiedlichen Dengue-Virustypen sind mittlerweile in weiten Teilen Südafrikas, Südostasiens, Indiens sowie Süd- und Mittelamerikas verbreitetet Auch im Süden der USA und dem Norden Australiens erkranken immer häufiger Menschen am Dengue-Fieber. Ursache der wachsenden Virusverbreitung ist der globale Reiseverkehr und der Klimawandel, der den tropischen Überträger-Mücken des Dengue-Virus die Erschließung größerer Lebensräume ermöglicht. Die Möglichkeiten der Behandlung und Prävention sind bislang äußerst begrenzt. Spezielle Medikamente gegen Dengue-Fieber oder ein Impfstoff existieren nicht. Zur Vorbeugung eignet sich lediglich ein effizienter Mückenschutz, mit Moskitonetzen, körperbedeckender Kleidung und Anti-Mücken-Mitteln. Sei Jahren arbeiten die großen Pharmafirmen wie GlaxoSmithKline, Inviragen, Merck oder Sanofi Pasteur an der Entwicklung eines Impfstoffs – bislang ohne Erfolg. Auch die von Sanofi Pasteur aktuell umjubelte Studie kommt letztendlich zu keinem anderen Ergebnis.

Bis zu 100 Millionen Dengue-Fieber Erkrankungen pro Jahr
Jährlich erkranken nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit bis zu 100 Millionen Menschen an Dengue-Fieber. In den vergangen zehn Jahren hat sich Anzahl der Erkrankungen laut WHO verdoppelt. Die Infektion erfolgt über Mückenstiche, wobei die Ägyptische und Asiatische Tigermücke als häufigste Überträger zu nennen sind. Nach maximal zwei Wochen Inkubationszeit äußert sich das Dengue-Fieber in Symptomen wie Fieber, Schüttelfrost, starken Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen. Nicht selten wird die Erkrankung auch von einem Juckender Hautausschlag (Exanthem) begleitet. Normalerweise gehen sie Symptome nach spätestens einer Woche wieder zurück. In seltenen Fällen nimmt das Dengue-Fieber jedoch einen deutlich schwereren Verlauf. Es droht ein Hämorrhagisches Fieber, mit inneren Blutungen, Bluterbrechen, Teerstuhl, zerebralen Krampfanfällen und Kreislaufzusammenbrüchen (Schock). Ein solcher Verlauf des Dengue-Fiebers kann auch zum Koma oder schlimmstenfalls zum Tod der Patienten führen.

Schwere Krankheitsverläufe bei einer Zweitinfektion
Das Risiko eines schweren Krankheitsverlauf ist bei einer Zweitinfektion mit dem Dengue-Virus besonders hoch. Denn der Organismus hat zwar Antikörper gegen den Virustyp entwickelt, an dem die Patienten bereits erkrankt waren, doch eine neuerlich Infektion geht in der Regel von einem der drei anderen Dengue-Virustypen aus. Die Immunabwehr beziehungsweise die Antikörper aus der ersten Infektion sind mit der veränderten Form des Virus überfordert. Es drohen fehlgeleitete Reaktionen und besonders schwere Krankheitsverläufe. Dieser Aspekt ist einerseits für Kinder, die von ihren Mütter weitergegebene Antikörper in sich tragen, besonders kritisch, erschwert jedoch auch die Suche nach einem geeigneten Impfstoff. Denn der Impfstoff müsste gegen alle bekannten Dengue-Virustypen gleichermaßen wirken, um keine besonders schweren Krankheitsverläufe zu provozieren. Ansonsten könnten Geimpfte stärker erkranken, als Menschen, die überhaupt keine Dengue-Antikörper aufweisen. Die von Sanofi Pasteur verbreitete, vermeintlich positive Nachricht, dass erstmals ein Serum entwickelt wurde, das vor drei von vier Dengue-Virustypen schützt, ist damit eigentlich ein Argument gegen den Impfstoff. Denn vor dem vierten Virustyp bot der Impfstoff keinerlei Schutz.

Zweifelhafte Wirksamkeit des Dengue-Fieber-Impfstoffs
Auch ist die Aussage zur Wirksamkeit des Impfstoff angesichts einer im Rahmen der aktuellen Studie festgestellten Schutzwirkung von maximal 30 Prozent mehr als gewagt. Andere Impfstoffe wurden bereits mit einer deutlich höheren Wirksamkeit vom Markt genommen, weil sie keinen ausreichenden Schutz boten. Um den Impfstoff von Sanofi Pasteur zu testen, hatten Forscher aus Thailand, Frankreich und den USA mehr als 4.000 freiwilligen thailändischen Schulkindern im Alter zwischen vier und elf Jahren das Serum oder ein Placebo injiziert und anschließend über zwei Jahre beobachtet, wie häufig die Probanden an Dengue-Fieber erkrankten. 2.669 Studienteilnehmer erhielten den Impfstoff, 1.333 dienten als Kontrollgruppe.

45 Kinder erkranken trotz einer Schutzimpfung
Insgesamt 134 Kinder erkrankten laut Angaben der Studienautoren um Prof. Arunee Sabchareon vom Institut für Pädiatrie an der Mahidol Universität Bangkok und Dr. Derek Wallace, für Sanofi Pasteur in Singapur tätig, während der Studienlaufzeit am Dengue-Fieber. Vier Studienteilnehmer erlitten eine gefährliche Zweitinfektion. 45 Erkrankungen entfielen auf die Impfstoff-Gruppe. Hieraus ergibt sich den Forschern zufolge ein Wirkungsgrad von bis zu 30 Prozent. Der Impfstoff wurde gut toleriert und zeigte keine gravierenden Nebenwirkungen, so Wallace und Kollegen weiter. „Diese Daten zeigen zum ersten Mal, dass ein sicherer Impfstoff gegen Dengue-Fieber möglich ist“, schreiben Wissenschaftler in dem aktuellen Artikel.

Kritik an den Erfolgsmeldungen des Pharmakonzerns
Der Leiter der Diagnostik von viralen Erkrankungen am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Dr. med. Jonas Schmidt-Chanasit, äußerte sich gegenüber „ZEIT Online“ äußerst skeptisch, angesichts der aktuellen Erfolgsmeldungen des Pharmakonzerns Sanofi Pasteur. „In Wirklichkeit gab es zwischen den geimpften Kindern und der Kontrollgruppe keinen signifikanten Unterschied“, bemängelte Schmidt-Chanasit. Andere Impfstoffe seien bei einer Wirksamkeit von 40 bis 60 Prozent vom Markt genommen worden, da die Schutzwirkung nicht dem geltenden Anspruch gerecht wurde. Außerdem bliebe selbst bei einer höheren Wirkung gegen alle vier Dengue-Virustypen ein Restrisiko bestehen, da weitere Virusvarianten auftreten können. Erst seit Kurzem werde „genauer erforscht, welche Dengue-Viren unter Affen im Umlauf sind“, erläuterte Schmidt-Chanasit. Auch diese könnten durch Mücken auf Menschen übertragen werden, was bei den Geimpften den riskanten Effekt einer Zweitinfektion mit extremen Abwehrreaktionen des Organismus auslösen könnte.

Mückenschutz die beste Dengue-Fieber-Prävention
Den Studienautoren ging es nicht nur um den Nachweis der Wirksamkeit des Dengue-Fieber-Impfstoffs, sonder auch um die Sicherheit der Vakzine. So bewerten sie es als einen wesentlichen Erfolg, dass der Impfstoff gut toleriert wurde und bei keinem geimpften Kind der Effekt einer gefährlichen Zweitinfektion zu beobachten war. In der Impfstoff-Gruppe zeigten sich laut Aussage der Forscher keine schwereren Krankheitsverläufe oder vermehrten Klinikaufenthalte. Der Impfstoff soll nun in einer großen Phase-3-Studie an 30.000 Freiwilligen in Südamerika und Asien erprobt werden, um weitere Daten zu gewinnen. Dabei müsste auch das langfristige Risiko von Nebenwirkungen noch genauer unter die Lupe genommen werden, da ein zweijähriger Versuchszeitraum kaum Aussagen zu den Langzeitfolgen des Impfstoff ermöglicht, so die Position der Kritiker. Dr. Schmidt-Chanasit, der auf die schnelle Diagnose von Dengue-Fieber als Reisekrankheit spezialisiert ist und das Übertragungsrisiko durch einheimische Mückenarten erforscht, erklärte, dass weiterhin der Mückenschutz die beste Vorbeugung gegen das Dengue-Fieber bleibe. Hier seien auch die derzeit in Australien betriebenen Forschungen, zur Bekämpfung der Überträger-Mücken mit eingeschleusten Bakterien „ein sehr wichtiger Ansatz, ohne den man Dengue nicht eindämmen kann“, erläuterte der Experte gegenüber „ZEIT Online“.

Verbreitung des Dengue-Fiebers in Deutschland
Zwar sind Erkrankungen an Dengue-Fieber in Deutschland derzeit noch eine Ausnahme, doch die Anzahl der Infektionen ist in den vergangenen zehn Jahren auch hierzulande deutlich gestiegen. Das Robert-Koch-Institut in Berlin berichtet von knapp 400 Erkrankungen im Jahr 2010. Im Jahr 2001 lag die Zahl noch bei 60 Infektionen. Meist wird das Dengue-Fieber noch als Reisekrankheit mitgebracht, doch auch die Überträger-Mücken haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt in Deutschland ausgebreitet. Solange die Dengue-Viren in der Bevölkerung noch nicht verbreitet sind, können sie von den Mücken auch nicht übertragen werden. Allerdings gab Dr. Schmidt-Chanasit zu bedenken, dass die Erreger, sobald sie sich einmal in der Mücken-Population festgesetzt haben, über die Eier an den Nachwuchs weitergegeben werden. Demnach ist in den kommenden Jahren vermutlich mit einem weiteren Anstieg der Dengue-Fieber-Infektionen zu rechnen. Für die Pharmakonzerne winkt hier ein lohnendes Geschäft, so dass voreilige Erfolgsmeldungen auch vor diesem Hintergrund bewertet werden müssen. (fp)