Massiver Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren

Astrid Goldmayer

Massiver Antibiotikaeinsatz bei der Nutztierhaltung in Niedersachsen

30.11.2011

Seit Jahren steht der Antibiotikaeinsatz bei der Tierhaltung massiv in der Kritik. Die unsachgemäße, großzügige Verwendung der Antibiotika bei der Aufzucht von Rindern, Schweinen und Geflügel birge erhebliche Risiken, so der Vorwurf von Umweltschutzverbänden, Medizinern, Verbraucher- und Tierschutzorganisationen.

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Das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung legte jetzt einen Bericht zum Antibiotikaeinsatz bei Nutztieren vor, in dem Daten zur Häufigkeit und Dauer der Behandlung sowie der Art des eingesetzten Wirkstoffs ausgewertet wurden. Laut Ministerium ließe das Ergebnis jedoch keine Schlussfolgerungen über den Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Häufigkeit des Arzneimitteleinsatzes zu. Ebenso wenig könne von der Häufigkeit der Antibiotikabehandlung auf deren illegalen Einsatz geschlossen werden.

Mastkalbbetriebe setzen am häufigsten Antibiotika ein
Die Auswertung der vom Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung gesammelten Daten lieferte folgendes Ergebnis: In 83 Prozent der untersuchten Hühnermastbetriebe und in 93 Prozent der Putenaufzucht- und -mastbetriebe wurden antimikrobiell wirksame Stoffe eingesetzt. Bei Mastschweinen sind in 77 Prozent und bei Mast-Jungrindern (Fressern) in 80 Prozent der untersuchten Betriebe Antibiotika verabreicht worden. Bei Betrieben mit Mastkalbbeständen setzen 100 Prozent Antibiotika ein. Laut Ministerium variiert die Menge der eingesetzten Antibiotika nicht nur von Betrieb zu Betrieb, sondern auch von Mastdurchgang zu Mastdurchgang innerhalb eines Betriebs.

Da die Ergebnisse keinen Zusammenhang zwischen der Größe eines Betriebs und der Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes zuließen, sollen zukünftig individuelle Betriebsdaten bezüglich der Therapiehäufigkeit gesammelt werden, so der niedersächsische Agrarminister Gert Lindemann (CDU). Möglicherweise könne dann auch dem illegalen Einsatz der Medikament entgegengewirkt werden, wobei die Auswertung der bereits erhobenen Daten keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes und deren illegaler Verwendung, beispielsweise zur Wachstumssteigerung der Tiere, zuließe.

Minimierungsstrategie zum Antibiotikaeinsatz
Diese und weitere Erkenntnisse sollen nun die Grundlage für eine Minimierungsstrategie zum Antibiotikaeinsatz bilden. Minister Lindemann plant dafür zukünftig, die Therapiehäufigkeit betriebsindividuell zu erfassen. Anhand dessen könnte ein Vergleich des Medikamenteneinsatzes gezogen werden, der den verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz durch Tierhalter und betriebsbetreuende Tierärzte positiv beeinflusst. Dabei sollen Betriebe, die keine oder nur wenig Antibiotika verwenden und ein effektives Tierhaltungsmanagement einsetzen, als Vorbild für andere Betriebe fungieren. Die Minimierungsstrategie beinhaltet auch die sachliche Auswertung der Untersuchungsergebnisse. Minister Lindemann erklärte: „Zu schnell werden gelegentlich nicht zutreffende Schlüsse aus Erhebungen gezogen.“

Antibiotikaeinsatz alarmierend
Weniger zurückhaltend äußerte sich der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen) zum Antibiotikaeinsatz in der Geflügelmast: „Jahrelang ist von der Geflügelwirtschaft und der Bundesregierung aus Union und FDP immer wieder versichert worden, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme sei. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Einsatz ist die Regel und gängige Praxis.“ Remmel weiter: „Der Einsatz von Antibiotika hat ein Ausmaß erreicht, der alarmierend ist.“ Remmel bezieht sich auf eine kürzlich erschienen Untersuchung des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen über den Antibiotikaeinsatz in der Geflügelbranche. Der Untersuchung zufolge, wurden 96,4 Prozent der untersuchten Tiere Antibiotika verabreicht. Weniger als 4 Prozent der Masthähnchen erhielten keine Antibiotika.

Antibiotika zur Wachstumssteigerung eingesetzt
Mastbetrieben wird häufig unterstellt, dass sie Antibiotika nicht nur zur Krankheitsbekämpfung sondern auch zur Wachstumsförderung und somit zur Verkürzung der Mastdauer einsetzen. Der Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung ist seit 2006 jedoch EU-weit verboten. NDR Info berichtet auf seiner Internetseite, dass Masthähnchen dennoch in einem konventionellen Betrieb – wo die Hähnchen durchschnittlich 35 Tage bis zur Schlachtung leben – bis zu acht verschiedene Antibiotika erhalten. Bei Masthähnchen, die nur in geringem Maß mit Antibiotika behandelt werden, verlängert sich die Aufzuchtphase bis zur Schlachtung durchschnittlich auf 45 Tage, so NDR Info weiter. Laut der NRW-Studie wurden die Antibiotika in 53 Prozent der untersuchten Fälle nur ein bis zwei Tag lang verabreicht. Da bis zum Absterben der Krankheitserreger ein Antibiotikum fünf bis sechs Tage lang verabreicht werden muss, können durch die verkürzte Einnahme Resistenzen mit gravierenden Folgen entstehen. Eine derartig kurze Verabreichungsdauer ist aus diesem Grund unzulässig. Minister Remmel hatte die Studie in Auftrag gegeben, um endlich belastbare Zahlen zum Antibiotikaeinsatz in der Geflügelbranche zu erhalten.

Geflügellobby ist gegen Datenerfassung
In Deutschland werden seit diesem Jahr Daten zur Medikamentenlieferung nach Postleitzahlen in einer bundeseinheitlichen Datei (DIMDI) gespeichert. Die Geflügelbranche ist davon jedoch ausgenommen. Es wurden datenschutzrechtliche Bedenken geäußert. Diese Ausnahme wird von Tierärzten, Grünen-Politikern und Datenschützern stark kritisiert. Minister Remmel kündigte gegenüber NDR Info an, diese Bundesratsinitiative zu prüfen, um die Regelung rückgängig zu machen. (ag)