Mediale Altersbilder verzerren Blick aufs Alter

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Studie: Mediale Altersbilder verzerren Blick aufs Alter

14.11.2011

"Das Altern ist keine Bedrohung für die Gesellschaft, wie immer wieder behauptet wird, sondern ein gestaltbarer Prozess", erklärte der Präsident des Sozial- und Wohlfahrtsverbandes Volkssolidarität, Prof. Dr. Gunnar Winkler, am Montag in Berlin. Auf einer Pressekonferenz stellte er die im Auftrag der Volkssolidarität vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V. (SFZ) erarbeitete Studie "Älter werden und Altsein – Vorstellungen der Bürgerinnen und Bürger" vor. Der Prozess des Alterns müsse im Interesse der Bürger aller Generationen gestaltet werden und dürfe nicht einseitig marktwirtschaftlichen und finanziellen Erfordernissen untergeordnet werden.

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Die Studie der Volkssolidarität orientiere sich am 6. Altenbericht der Bundesregierung "Altersbilder in der Gesellschaft", sagte Winkler (Foto links – rechts im Bild Dr. Reinhard Liebscher vom SFZ). Das Material beruht auf der seit 1990 jährlich im Auftrag der Volkssolidarität Bundesverband e.V. vom SFZ durchgeführten empirischen Erhebung "Leben in den neuen Bundesländern". 2011 wurden insgesamt 2.212 Bürger ab dem 18. Lebensjahr in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost sowie in Nordrhein-Westfalen (NRW) befragt.

"Unser Verband hat sich bereits 1990 in seinem ersten "Altenreport" nicht nur gegen einseitige Altersbilder gewandt", betonte Winkler. "Wir haben uns bereits seinerzeit dagegen gewandt, die Altenarbeit auf Betreuung und Pflege zu reduzieren." Doch immer noch werde das Bild der Bürger vom Altern mehr von ihrer Angst vor eigener Pflegebedürftigkeit bestimmt als von den offiziellen Erklärungen zum Alter als aktive Lebensphase. Einfluss habe darauf vor allem, "was und wie Medien über Altern und Alter berichten: Es wird weniger über das aktive Altern informiert als über Alterung und Pflege." Das Ergebnis sei: "Drohende Pflegebedürftigkeit rückt an die Spitze gesellschaftlicher und individueller Ängste vor dem Älterwerden. 63 Prozent aller ab 18-Jährigen in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost ebenso wie 67 Prozent in NRW befürchten vor allem, im Alter pflegebedürftig zu werden."

Die Studie zeigt laut Winkler auch, "dass die Beziehungen der Generationen insgesamt eher als negativ belastet bewertet werden". Danach sehen nur zwölf Prozent der befragten ostdeutschen und neun Prozent der Befragten in NRW ein solidarisches Miteinander der Generationen. "Rund ein Drittel in Ost wie West gehen von einer Zunahme des Generationenkonfliktes aus und die Hälfte von einer teilweisen Zunahme." Der Verbandspräsident sieht das vor allem als "Verteilungskonflikt". "Generell stimmen Jüngere eher einem zunehmenden Konflikt zu." Fast die Hälfte der Befragten sei der Meinung, dass die Jüngeren auf Kosten der Älteren gefördert werden. Sie gingen davon, dass die Älteren auf Kosten der nachrückenden Generationen leben. Daraus ergibt sich laut Winkler die Frage, "wann verantwortungsbewusste Politiker nicht nur Altenberichten zustimmen, sondern den Abbau sich erhöhender Staatsschulden nicht den Älteren zuweisen und Einschnitte in deren Lebensverhältnisse verlangen, sondern die wirklich Schuldigen benennen und daraus erforderliche Umverteilungen ins Auge fassen."

Die Vorstellungen der Bürger zum eigenen Altern seien kaum ausgeprägt, stellte der Verbandspräsident anhand der Studie fest. Das gelte besonders für die 50- bis 65-Jährigen. "Das eigentliche Problem besteht darin, dass rund 40 Prozent der Befragten eher wenig bzw. keine Vorstellungen zu ihrem Lebensabend haben." Das gelte insbesondere für die unteren Einkommensgruppen und die geringer Qualifizierten. "Damit wird ein Problem der Zukunft noch deutlicher", betonte Winkler. Eine absolut und anteilig zunehmende Gruppe von Menschen, für welche ihre gewonnene freie Zeit vielfach mit dem Verlust an Lebensqualität – allein schon aufgrund geringer bzw. fehlender sozialer Einbindung – verbunden ist." Beachtenswert sei zudem, "dass bürgerschaftliches und politisches Engagement die letzten Rangplätze einnehmen. Sie haben einen geringen Stellenwert für das Leben im Alter." 47 Prozent im Osten und 43 Prozent in NRW gingen davon aus, dass für sie ein politisches Engagement im Alter nicht in Frage kommt oder kein Interesse dafür vorhanden ist.

Die Volkssolidarität wolle ihre Angebote für einen aktiven Übergang ins Alter ausbauen, kündigte Verbandsgeschäftsführer Horst Riethausen auf der Pressekonferenz an. Er machte ebenso wie der Verbandspräsident darauf aufmerksam, dass die Volkssolidarität weiterhin ein "konstruktiver und verlässlicher Partner für Gesellschaft und Politik" sei, wenn es darum gehe, Antworten auf soziale Fragen wie das Altern, aber auch andere, zu finden. (pm)