Medikamenten-Engpässe in deutschen Kliniken

Fabian Peters

Pharmahersteller räumen Lieferengpässe ein

21.12.2012

Nachdem Medienberichte auf Lieferengpässe von Arzneimitteln in den Kliniken deutschlandweit aufmerksam gemacht haben, räumten nun auch die Arzneimittelhersteller in einem Brief an die Politik ein, dass Schwierigkeiten bei der Medikamenten-Versorgung bestehen. Dieses Eingeständnis verknüpften die Pharmaunternehmen mit einigen indirekten Forderungen an die Politik. So stehen sie beispielsweise der derzeit diskutierten Verpflichtung zur Erhöhung der vorzuhaltenden Lagerbestände wichtiger Arzneimittel ablehnend gegenüber.

In der Tat bestehen laut Angaben der Arzneimittelhersteller Schwierigkeiten bei der Belieferung der Krankenhäuser mit einzelnen Medikamenten, wobei jedoch nicht jeder Lieferengpass zu Versorgungslücken führe. In einem Schreiben an die Gesundheitspolitiker auf Bundes- und Landesebene haben die Pharmaunternehmen ihre Situation dargelegt und die aktuellen Probleme unter anderem mit der unerwartet hohen Nachfrage nach Arzneimitteln, Qualitätsproblemen in der Produktion und eingeschränkten Produktionskapazitäten begründet. Auch bestehe ein „zunehmender Kostendruck im Arzneimittelbereich, der die Hersteller zur Nutzung aller Möglichkeiten der Effizienzsteigerung bei der Herstellung“ zwinge, zitiert die „Frankfurter Rundschau“ aus dem Brief der Arzneimittelhersteller. Das Bundesgesundheitsministerium hat mittlerweile Gespräche mit Apothekern und Ärzten aufgenommen, um die Ursachen der Arzneimittel-Lieferengpässe zu klären.

Kliniken müssen auf Alternativmedikamente ausweichen
In einer aktuellen Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft wurde bei 100 berücksichtigten Kliniken durchschnittlich für 25 Arzneimittel pro Monat ein Lieferengpass festgestellt. Dies betraf vor allem Krebsmedikamente und Antibiotika. Bei bis zu sechs Prozent der Arzneimittel in den Kliniken waren entsprechende Lieferengpässe zu verzeichnen. In den meisten Fällen konnten die Mediziner zwar auf Alternativmedikamente zurückgreifen, doch diese gewährleisten nicht immer die gleiche Behandlungsqualität, berichten die Studienautoren. So habe in zwanzig Prozent der Fälle das Alternativmedikament qualitativ nicht der ursprünglich vorgesehenen Arznei entsprochen. Sie enthielten unterschiedliche Wirkstoffe, was unter Umständen die Sicherheit der Therapie gefährde. Auch sei mit den Lieferengpässen ein erhöhter Organisationsaufwand verbunden. Zudem könnten plötzlich auftretende Versorgungsengpässe zu erheblichen Kostensteigerungen führen, da kurzfristig Ersatz beschafft werden müsse.

Massive Kritik an den Argumenten der Pharmaherstellern
Angesichts der Untersuchung der Deutschen Krankenhausgesellschaft, blieb auch den Pharmaherstellern keine andere Option, als die Lieferengpässe bei den Arzneimitteln einzuräumen. Mit den vorgebrachten Begründungen haben die Unternehmen jedoch die Schuld von sich gewiesen und externe Ursachen, wie die unerwartet hohen Nachfrage oder den zunehmenden Kostendruck verantwortlich gemacht. Die Unternehmen seien gezwungen alle Möglichkeiten der Effizienzsteigerung bei der Herstellung zu nutzen, was zur Konzentration auf wenige Hersteller und zur Verlagerung der Produktion an preisgünstige Standorten außerhalb der Europäischen Union geführt habe. Der renommierte Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen übte gegenüber dem „Bayrischen Rundfunk“ massive Kritik der Argumentation der Pharmahersteller. Insbesondere die Verlagerung der Produktion ins Ausland bewertete der Experte kritisch. „Die kostengünstigen Hersteller sind weit weg, das Just-in-Time-Prinzip funktioniert aber oft nicht, wenn die Herstellerbetriebe in China oder Indien sitzen“, so Prof. Glaeske. Seiner Ansicht nach sollte man „eigentlich davon ausgehen, dass ein Pharmaunternehmen nur mit Herstellungsbetrieben zusammenarbeitet, die auch zuverlässig liefern können.“ Auch seien die nun aufgedeckten Lieferengpässe kein neues Problem. Seit Jahren hätten die Kliniken regelmäßig mit Engpässen bei einzelnen Arzneien zu kämpfen.

Lieferengpässe in den Krankenhäusern nicht hinnehmbar
Angesichts der Engpässe bei der Arzneimittel-Lieferung wurde aus Reihen der Politik auch die Forderung nach einer gesetzlichen Vorgabe für die Arzneimittelhersteller laut, die letztere dazu verpflichten soll "einen größeren Vorrat der Medikamente vorzuhalten". Eine Forderung, die bei der Pharmalobby auf massiven Widerstand trifft. Sollte die Vorratshaltung verpflichtend vorgeschrieben werden, wäre dies für die Hersteller mit erhöhten Kosten verbunden. So würden die Hersteller möglicherweise auf die Zulassung wenig rentabler Arzneimittel komplett verzichten, was die Qualität der Versorgung weiter verschlechtern würde, warnt die Pharmaindustrie. Allerdings erscheint die Forderung der Politik durchaus verständlich, denn anders als bei gewöhnlichen Produkten sind Lieferengpässe bei Arzneimitteln im Sinne der Patienten-Gesundheit nicht hinnehmbar. Können beispielsweise zu Weihnachten die gewünschten Schuhe nicht geliefert werden, ist dies kein größeres Problem. Fehlt das benötigte Krebsmedikament in einem Krankenhaus, hat dies unter Umständen fatale Folgen. Hier muss schnellstmöglich eine Lösung gefunden werden, um entsprechende Lieferengpässe künftig zu vermeiden. (fp)

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