Medizin: Mit neuem Gesicht erwacht: Gesichtstransplantation nach Selbstmordversuch geglückt

Alfred Domke
Transplantation: Mann erhält nach Selbstmordversuch neues Gesicht
Vor rund zehn Jahren litt der US-Amerikaner Andy Sandness so stark unter Depressionen, dass er versuchte, sich umzubringen. Er schoss sich mit einer Waffe in den Kopf und überlebte; sein Gesicht war seitdem jedoch entstellt. Vor wenigen Monaten wurde ihm das Gesicht eines toten Spenders transplantiert. Nun konnte der mittlerweile 31-Jährige erstmals das Ergebnis sehen.

Transplantationsmedizin machte große Fortschritte
Die Transplantationsmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit enorme Fortschritte gemacht. So ist etwa Medizinern in den USA die sensationelle Transplantation einer Schädeldecke gelungen. In Südafrika ist die erste erfolgreiche Penis-Transplantation durchgeführt worden. Mittlerweile ist sogar eine Kopftransplantation geplant. Gesichtstransplantationen werden bereits seit 2005 durchgeführt. Von dieser Erfahrung profitierte nun auch ein US-Amerikaner, dessen Gesicht nach einem Suizidversuch entstellt war.

Mediziner in den USA haben einem Mann, der sich bei einem Selbstmordversuch Nase und Kiefer wegschoss, ein neues Gesicht transplantiert. Der Patient ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. (Bild: Herrndorff/fotolia.com)

Selbstmordversuch scheiterte
Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 2006, als der damals schwer depressive 21-jährige Andy Sandness beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen, berichtet die Nachrichtenagentur AP. Er schoss sich in den Kopf – und überlebte. Sein Gesicht war jedoch zum großen Teil zerstört.

Nun hat der inzwischen 31-Jährige eine Gesichtstransplantation hinter sich, die erste, die in der renommierten Mayo Clinic in Rochester im US-Staat Minnesota vorgenommen wurde. Dafür hat er Nase, Wangen, Mund, Kiefer, Kinn und sogar die Zähne von seinem Spender erhalten.

Er kann zwar noch nicht deutlich sprechen, doch als er sein neues Gesicht erstmals sah, schrieb er auf einen Notizblock: „Weit über meinen Erwartungen“.

Der Chirurg Samir Mardini antwortete: „Du weißt nicht, wie glücklich uns das macht.“

Patient ohne Nase und Kiefer
Sandness wusste bei seinem versuchten Suizid sofort, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Laut AP flehte er die Beamten bereits beim Eintreffen in seiner Wohnung im US-Staat Wyoming an: „Bitte, bitte lassen Sie mich nicht sterben!“

Den Angaben zufolge wurde er in zwei Krankenhäusern behandelt, bevor er in die Mayo-Klinik verlegt wurde, wo er auf den plastischen Chirurgen Mardini traf, einen Spezialisten für die Rekonstruktion von Gesichtern.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur hatte der Patient keine Nase und keinen Kiefer mehr, sein Mund war zertrümmert, nur noch zwei Zähne waren erhalten. In der Klinik wurden sein Ober- und Unterkiefer mit Knochen, Muskeln und Haut von der Hüfte und einem Bein wieder aufgebaut . Die Gesichtsknochen wurden mit Titanplatten und Schrauben verbunden.

Mund war für einen Löffel zu klein
Rund viereinhalb Monate später – nach etwa acht Operationen – kehrte Sandness in seinen Heimatort Newcastle zurück und fing wieder an zu arbeiten. Ein „normales“ Leben führte er jedoch nicht. Er mied den Augenkontakt mit Kindern, um sie nicht zu erschrecken, er hatte fast kein Sozialleben und zog sich häufig komplett zurück.

Der junge Mann musste sein Essen immer in kleine Häppchen zerteilen, weil sein Mund für einen Löffel zu klein war. Und die Nasenprothese, die er trug fiel ständig herunter.

„Man akzeptiert es nie ganz“, sagte Sandness. „Irgendwann fragt man sich, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt.“

In den darauffolgenden Jahren kam er regelmäßig zu Untersuchungen in die Mayo-Klinik, wo ihm 2012 schließlich mitgeteilt wurde, dass das Krankenhaus ein Programm für Gesichtstransplantationen starten wolle.

Mardini teilte ihm damals mit, er könne ein idealer Patient sein, sollte sich die Sache aber gründlich überlegen, da weltweit erst etwa zwei Dutzend Gesichtstransplantationen vorgenommen wurden.

Erste erfolgreiche Gesichtstransplantation
Die erste erfolgreiche Gesichtstransplantation war 2005 durchgeführt worden, im vergangenen Jahr ist die französische Patientin verstorben. Für Aufsehen sorgte auch eine 27-Stunden-OP in Barcelona, bei der ein 45-Jähriger ein neues Gesicht bekam.

Und erst vor wenigen Monaten wurde im New York University (NYU) Langone Medical Center (USA) eine erfolgreiche Gesichtstransplantation bei einem Feuerwehrmann durchgeführt, der bei einem Einsatz schwerste Verbrennungen erlitten hatte.

Der behandelnde Chirurg Eduardo D. Rodriguez hatte damals in einer Mitteilung erklärt, die Ärzte seien über die Genesung des Patienten erstaunt, „alle unsere Erwartungen wurden übertroffen“.

Witwe des Spenders war zunächst skeptisch
Sandness entschied sich für die OP. „Wenn man so aussieht, wie ich aussah, und wenn man so funktioniert, wie ich funktionierte, stürzt man sich auf jeden Hoffnungsschimmer, der sich bietet“, sagte er laut AP. „Und das war die Operation, die mir wieder ein normales Leben ermöglichen würde.“

Bevor er in das neue Programm aufgenommen wurde, musste sich Sandness jedoch einer strengen Evaluation durch Psychiater und Sozialarbeiter unterziehen, bei der es natürlich auch um seinen früheren Selbstmordversuch ging.

Die Experten hielten ihn für geeignet und bereits fünf Monate nach seiner Aufnahme in die Warteliste für Organspenden wurde Sandness im Juni vergangenen Jahres benachrichtigt, dass ein Spender für ihn gefunden wurde.

Dabei handelte es sich um einen jungen Mann, der sich selbst erschossen hatte. Dessen 19-jährige Witwe gab auf Wunsch des Verstorbenen dessen Herz, Lunge, Leber, Nieren und Gesicht zur Organspende frei. Die Entscheidung für die Spende des Gesichts fiel ihr jedoch schwer: „Zuerst war ich skeptisch. Ich wollte nicht herumlaufen und plötzlich sein Gesicht sehen“, so die junge Frau.

Die Ärzte versicherten ihr aber, dass der Empfänger noch seine eigenen Augen und Stirn hatte und daher niemals genauso aussehen werde wie der Verstorbene.

56-stündiger Operationsmarathon
Mit Hilfe der Spende hat das Team der Mayo-Klinik im vergangenen Sommer das Gesicht von Sandness in einem 56-stündigen Operationsmarathon unterhalb der Augen komplett neu aufgebaut.

Wie es heißt, ist der junge Mann heute besonders glücklich darüber, wieder eine Nase und einen Mund zu haben. Den Angaben zufolge kann er wieder Steak und Pizza essen. Auch seine Anonymität bereitet ihm Freude.

Sandness erklärte, dass er beim Besuch eines Hockeyspiels kürzlich „nur ein weiteres Gesicht in der Menge“ gewesen sei. Die bloße Erinnerung daran bringt ihn zum Lächeln. (ad)