Mediziner identifizieren 44 genetische Ursachen für Depressionen

Alfred Domke
44 Genorte im Zusammenhang mit schweren Depressionen identifiziert
Gesundheitsexperten zufolge ist der Zusammenhang von genetischen Faktoren und Depressionen mittlerweile unbestritten. Ein internationales Forscherteam hat nun 44 Genorte identifiziert, die mit schweren Depressionen in Zusammenhang stehen. Experten zufolge tragen wir alle die Anlagen für die psychische Erkrankung in uns.


Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen
Einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist die Anzahl der Menschen mit Depressionen weltweit deutlich gestiegen ist. Auch in Deutschland und der EU leiden immer mehr Menschen an der psychischen Krankheit. Laut der Deutschen Depressionshilfe erkranken hierzulande jedes Jahr über fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen, unipolaren Depression. Einem internationalen Forscherteam ist es nun gelungen, 44 Genorte zu identifizieren, die mit schweren Depressionen im Zusammenhang stehen.

Der Zusammenhang von genetischen Faktoren und Depressionen ist schon länger bekannt. Forscher haben nun 44 Genorte identifiziert, die mit schweren Depressionen im Zusammenhang stehen. 30 davon wurden erstmals beschrieben. (Bild: sompong_tom/fotolia.com)

Zusammenhang von genetischen Faktoren und Depressionen
Gesundheitsexperten zufolge haben Depressionen in den meisten Fällen mehr als ein einzige Ursache.

Begünstigt werden kann die psychische Störung unter anderem durch Stress, belastende Lebensereignisse oder Erkrankungen wie Schilddrüsenkrankheiten oder Parkinson.

Zudem ist lange bekannt, dass die Gene bei der Entstehung der psychischen Krankheit eine wichtige Rolle spielen.

„Der Zusammenhang von genetischen Faktoren und Depressionen ist mittlerweile unbestritten“, erklärt Prof. Dr. Manuel Mattheisen in einer Mitteilung des Uniklinikums Würzburg.

Der Leiter der Arbeitsgruppe für Psychiatrische Genetik und Epigenetik an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums Würzburg fährt fort:

„Da die Erkrankung klinisch und genetisch sehr komplex ist, müssen für jeden weiteren Wissensgewinn möglichst vielen Personen untersucht werden. Voraussetzung dafür sind neben nationalen Bemühungen die Zusammenarbeit in großen, internationalen Forschungskonsortien.“

30 der 44 identifizierten Genorte wurden erstmals beschrieben
Ein solches Konsortium unter Beteiligung von Prof. Dr. Manuel Mattheisen untersuchte nun die Gene von fast 500.000 Menschen – 135.000 Patienten mit Depressionen und mehr als 344.000 Kontroll-Personen.

Die Ergebnisse der Studie wurden vor kurzem in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht.

„Es gelang uns, 44 Genorte zu identifizieren, die mit schweren Depressionen im Zusammenhang stehen“, berichtet Prof. Mattheisen, einer der Erstautoren der Studie.

Mit Genort wird die genaue Lage eines bestimmten Gens oder eines genetischen Markers auf einem Chromosom bezeichnet. Von den identifizierten Genorten wurden 30 erstmals beschrieben, während 14 schon in früheren Studien entdeckt worden waren.

Den Analysen zufolge tragen alle Menschen weltweit zumindest einige der 44 identifizierten genetischen Risikofaktoren in sich.

Die Tür zu den biologischen Ursachen aufstoßen
Die neuen Erkenntnisse sind die direkte Folge einer globalen Anstrengung von über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im internationalen Psychiatric Genomics Consortium (PGC) zusammenarbeiten.

„Menschen, die eine höhere Zahl an genetischen Risikofaktoren in sich vereinen, tragen auch ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken“, so Dr. Naomi Wray von der University of Queensland in Australien, die zusammen mit Dr. Patrick F. Sullivan, Direktor des Zentrums für Psychiatrische Genomik an der University of North Carolina School of Medicine (USA), und einem Team von weiteren Autoren die Studie leitete.

„Wir wissen, dass viele weitere (Umwelt-) Faktoren eine Rolle spielen, aber die Identifikation dieser genetischen Zusammenhänge kann die Tür zu den biologischen Ursachen aufstoßen“, sagt die Expertin.

„Mit weiteren zukünftigen Forschungsbemühungen sollten wir in der Lage sein, Instrumente zu entwickeln, die für die Behandlung von schweren Depressionen wichtig sind“, meint Dr. Sullivan.

„Im Bereich der Pharmakogenetik eröffnen die publizierten Befunde in der Zukunft neue Möglichkeiten, das Ansprechen von Therapien mit Antidepressiva vorherzusagen“, ergänzt Prof. Mattheisen. (ad)