Kritik an „heiler Welt“ deutscher Arztserien

Alfred Domke

Mediziner üben Kritik an heilen deutschen Arztserien

29.03.2014

In deutschen Artserien wird zu viel „heile Welt“ gezeigt. Auf einem Kongress äußerten sich Chirurgen kritisch gegenüber deutscher Formate. Serien im US-Fernsehen seien viel näher an der Realität. Auch Medienwissenschaftler üben Kritik und wünschen sich mehr Medizin- und Gesundheitsaufklärung im Fernsehen.

Schauspieler findet Serien-Operationen eher langweilig
Waren es früher „Die Schwarzwaldklinik“ oder „Der Landarzt“, so sind es heute „In aller Freundschaft“ oder „Sachsenklinik“: Arztserien erfreuen sich in Deutschland großer Beliebtheit. Schauspieler wie Thomas Rühmann finden Operationen in der „Sachsenklinik“ hingegen eher langweilig. „Ich kriege da keinen chirurgischen Flash im OP“, sagte Rühmann laut dpa. Man sehe dabei ohnehin nur die Augen. Die ARD-Fernsehserie „In aller Freundschaft“, in der der Schauspieler den Chefarzt Roland Heilmann spielt, schalten rund sechs Millionen Zuschauer ein. In dieser heilen Fernsehwelt gehe häufig alles gut.

US-Arztserie rettete Leben
Am Freitag fragten sich nun Mediziner und Medienwissenschaftler auf dem Berliner Chirurgenkongress, ob sich aus Arztserien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht doch mehr in Sachen Gesundheit und Bildung machen lässt. Mit Formaten wie „Dr. House“ funktioniere dies in den USA bereits wunderbar. Der Marburger Uni-Mediziner Jürgen Schäfer, der bekannt dafür ist, seit sechs Jahren „Dr. House“ in Seminaren für seine Studenten zu nutzen, findet die US-Serie, in der es um seltene Erkrankungen geht, ausgezeichnet recherchiert. Und zwar so gut, dass er sich bei dem schweren Leiden eines Patienten nach dem Einsatz einer Hüftprothese an eine Folge erinnert fühlte. Damals machten Schlagzeilen wie „Fernsehserie Dr. House rettete Leben“ die Runde. Der Patient war 2012 mit einer Reihe unerklärlicher Symptome in die Klinik eingeliefert worden. Der 55-Jährige zeigte eine Herzschwäche, war fast taub und fast blind, hatte zudem Fieber unbekannter Ursache, eine Schilddrüsenunterfunktion sowie eine durch Rückfluss von Magensäure bedingte Speiseröhrenentzündung. Außerdem litt er an einer Lymphknotenschwellung. Bei der Suche nach den Ursachen erinnerten sich die Mediziner an eine „Dr. House“-Folge und kamen durch diese Hilfe auf die richtige Diagnose: Kobaltvergiftung. Schäfer dazu: „Gutes Entertainment kann Leben retten.“

Potenzial bei Gesundheitsaufklärung wird verschenkt
Es gibt einen Grund dafür, dass Gesundheitsaufklärung in US-amerikanischen Fiction-TV-Formaten so gut funktioniert. Wie Schäfer berichtete, biete die nationale Gesundheitsbehörde Drehbuchschreibern medizinische Beratung an. „So etwas würde ich mir in Deutschland auch wünschen. Wir verschenken da viel Potenzial bei der Gesundheitsaufklärung.“ Auch Marion Esch, Medienwissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin, beschäftigt sich schon seit längerem mit den Inhalten deutscher Arztserien. Sie kritisierte: „Es gibt bei uns kein ausdrückliches Verständnis dafür, dass Fernsehunterhaltung bilden soll.“ Das Hightech-Land Deutschland mit seinen Forschungserfolgen in Medizin und Naturwissenschaften, Technologie und Informatik würde sich im „Süßstoff“ der Produktionen kaum widerspiegeln.

Professorin kritisiert Frauenbild in deutschen Arztserien
Und das, obwohl TV-Serien durchaus Einfluss auf Berufswünsche hätten. So habe etwa die US-Produktion „CSI“ mit ihrem Schwerpunkt auf Beweis- und Spurensicherung, in allen Ländern, in denen sie ausgestrahlt wird, für mehr Studienanfänger im Fach Forensik gesorgt. Ein weiterer Punkt, der Professorin Esch stört, ist das Frauenbild in deutschen Arztserien. So sei ein weiblicher Chefarzt kaum vorstellbar. „Und wenn eine Frau richtig Karriere macht, ist sie schnell eine Rabenmutter.“ Wie Esch berichtete, hassten ihre Studentinnen diese Stereotype. Auch dies sei in US-Serien völlig anders.

Krankheit sieht in der Realität ganz anders aus
Auch wennEdmund Neugebauer, Experte für chirurgische Forschung an der Uni Witten/Herdecke, nichts gegen deutsche Arztserien hat, so sieht er doch Möglichkeiten für mehr. „Wenn Folgen zeigten, wie sich selbstbewusste und mündige Patienten im Krankenhaus verhalten, wäre das toll“, so Neugebauer. „Ich berate das Fernsehen da gern.“ Es sei noch immer so, dass viele Ärzte zu wenig erklärten und Patienten zu wenig fragten. Daher wären neue Vorbilder im TV gut. Der Produzent von „In aller Freundschaft“, Sven Miehe, sieht deutsche Arztserien in einer extremen Heile-Welt-Tradition angesiedelt. In der Realität sieht Krankheit oft ganz anders aus. Doch er fürchte einen Verlust an Zuschauern, falls es zu einem Wandel kommen sollte. Dem hält jedoch Medienwissenschaftlerin Esch einen Blick auf die Zukunft dagegen. Jüngere würden ohnehin die US-Serien auf den privaten Sendern schauen und Senioren bevorzugten die deutschen Formate auf ARD und ZDF.

Zuschauer wollen gut schlafen können
Thomas Rühmann, der seit nunmehr 16 Jahren den TV-Chirurgen spielt, sieht seine „Sachsenklinik“ zwar weichgezeichnet, hat aber kein Problem damit. Denn schließlich wollten die Zuschauer danach gut schlafen können. Beispielsweise habe es Vorwürfe gehagelt, dass das Fernsehen die Leute verrückt machen würde, als es eine Folge über Vogelgrippe gab. Für den Schauspieler spielt Medizin auch nicht die größte Rolle in der Serie. Er habe sich zwar im Uniklinikum zur Vorbereitung eine Operation angesehen, doch er möge bei der Serie mehr die unterhaltenden Konflikte. (ad)

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