Mehr als jeder dritte Deutsche wird dement

Fabian Peters

Pflegereport 2010: Mehr als jeder dritte Deutsche wird dement: Demenz-Erkrankungen werden in Zukunft deutlich zunehmen.

30.11.2010

Mehr als jeder dritte Deutsche leidet im Verlauf seines Lebens an Demenz – Tendenz stark steigend. Im Zuge des demografischen Wandels und dem damit verbundenen Altern der Bevölkerung ist die Zahl der Demenz-Erkrankungen in den letzten Jahren stark gestiegen, mit erheblichen Konsequenzen für die Kranken- und Pflegeversicherungen.

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Demenz-Erkrankungen nehmen bei Männer und Frauen zu
Aus dem Pflegereport 2010 der Barmer-GEK geht hervor, dass 58 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens damit rechnen müsse, altersverwirrt und pflegebedürftig zu werden. Mit den Anstieg der Demenz-Erkrankungen sind für die Kranken- und Pflegekassen erhebliche Kostensteigerungen verbunden, die nach den Zahlen des Pflegereports drohen das Gesundheitssystem an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu bringen. Im Rahmen des Pflegereports 2010 hat das Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen im Auftrag der Barmer GEK die Daten von 2009 verstorbenen Versicherten über 60 Jahre analysiert. Dabei kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass in der Vergangenheit 29 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen bereits zum Zeitpunkt ihres Todes dement waren.

Die allgemeine Pflegebedürftigkeit sei in den letzten Jahren auch aufgrund der wachsenden Zahl älterer Menschen massiv angestiegen, so das Fazit des Pflegereports. Denn je höher das Alter, desto größer die Wahrscheinlichkeit, verwirrt, vergesslich, gebrechlich und pflegebedürftig zu werden, erklärten die Wissenschaftler der Universität Bremen. So habe sich zum Beispiel unter den verstorbenen männlichen GEK-Versicherten der Anteil derjenigen, die vor ihrem Tod Pflegeleistungen bezogen, von rund 40 Prozent im Jahr 2001 auf 47 Prozent im Jahr 2009 erhöht. Auch bei den Frauen wurden im selben Zeitraum rund sieben Prozent häufiger Pflegeleistungen in Anspruch genommen, was einem Anstieg von 60 auf 67 Prozent entspricht. Insgesamt ist heute mehr als jeder Zweite im Verlauf seines Lebens auf Pflegeleistungen angewiesen, so die Aussage des Pflegereports.

Bis 2060 wird sich die Zahl der Demenzkranken verdoppeln
Nach den Angaben der Wissenschaftler im Pflegereport 2010 leiden derzeit rund 1,2 Millionen deutschlandweit an Demenz, wobei die Zahl der Erkrankungen nach Einschätzung der Fachleute in den nächsten Jahren noch erheblich steigen wird. So gehen die Forscher der Universität Bremen davon aus, das im Jahr 2030 bereits 1,8 Millionen Demenzkranke in Deutschland leben und die Zahl bis 2060 auf 2,5 Millionen ansteigen wird. Dabei ergeben sich die Zahlen nach Aussage der Wissenschaftler direkt aus dem demografischen Wandel bzw. der Tatsache, dass immer mehr Menschen eine höheres Lebensalter erreichen. Mit der prognostizierten Entwicklung, wird der Anteil der Demenzkranken an der Gesamtbevölkerung sich innerhalb der nächsten 50 Jahre mehr als verdoppeln – von aktuell 1,5 Prozent auf 3,8 Prozent im Jahr 2060, so die Aussage des Pflegereports. „Das geht uns wirklich alle an“, betonte der Studienautor Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Denn die mit der steigenden Anzahl von Demenz-Erkrankungen verbundenen Kosten werden das Gesundheitssystem vor eine erhebliche Belastungsprobe stellen.

Zwei Drittel der Demenzkranken seien pflegebedürftig und die Pflegekosten liegen bei Demenzkranken jährlich um 10.000 Euro höher als bei Nicht-Dementen, erklärte Heinz Rothgang. So könnten die Kosten in den nächsten 50 Jahren den Prognosen des Pflegereports zufolge in zweistelligem Milliardenbereich steigen. Auch Rolf-Ulrich Schlenker, Vorstandsvize der Barmer GEK zeigte sich angesichts der Ergebnisse des Pflegereports 2010 alarmiert: „Die Zahlen zeichnen ein ungemütliches Szenario.“

Kritik an der geplanten Pflegereform
Der Studienautor Heinz Rothgang erläuterte, dass auf Basis der aktuellen Studienergebnisse bereits im Jahr 2012 oder spätestens 2013 mit einem Defizit im Bereich der Pflegeversicherung zu rechnen sei. Da helfe auch die vom Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) für das kommende Jahr angekündigte Pflegereform nicht, so die Einschätzung der Experten. Schlenker und Rothgang gingen mit den Vorhaben der Union und FDP ohnehin hart ins Gericht und kritisierten die geplante Einführung einer private Zusatzversicherung, die durch Zusatzprämien finanziert als neue Kapitalsäule in der Pflegeversicherung verankert werden soll. Dieser geplante Aufbau einer Kapitalsäule in der Pflegeversicherung bringe keine direkte finanzielle Entlastung und gehe an den Zukunftsproblemen vorbei, erklärten Rothgang und Schlenker einstimmig. Die beiden Fachleute favorisierten stattdessen einer weitere generelle Beitragserhöhungen, um die Kostenexplosion bei den Pflegeversicherungen aufzufangen. (fp)