Mehr Erwachsene leiden an Kinderkrankheiten

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Mutation der Kinderkrankheiten: Immer mehr Erwachsenen stecken sich an

04.10.2013

Kinderkrankheiten sind auf dem Vormarsch, und machen so manchen Erwachsenen zu schaffen. Ob Masern, Mumps, Windpocken oder Röteln- die sogenannten Kinderkrankheiten entwickeln sich immer mehr zu Erwachsenenkrankheiten. Bei Masern zum Beispiel, hat man zuerst eher mit typischen Symptomen einer starken Erkältung zu kämpfen, ehe sich der rötlich fleckige Ausschlag nicht mehr übersehen lässt und einem nun auch als Erwachsener keine Zweifel daran kommen.

Vor zehn Jahren noch waren lediglich 8,5 Prozent aller Masern-Patienten älter als 20 Jahre. Heute sind es bereits fast 40 Prozent. "Bei Keuchhusten sehen wir eine ähnliche Entwicklung", sagt Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko). "Hier liegt das mittlere Alter der Betroffenen bereits bei 42 Jahren. Die Charakter der Kinderkrankheiten geht mehr und mehr verloren.“ Dies ist insofern eine problematische Entwicklung, als das für die meisten Kinderkrankheiten der Grundsatz gilt: Je älter man bei der Erkrankung ist , desto größer ist auch das Risiko. Ein kurzer Überblick über die am häufigsten auftretenden Kinderkrankheiten soll Ihnen bei der Diagnose helfen, um so früh wie möglich handeln zu können.

Masern
Masern zählen zu den extrem ansteckenden Kinderkrankheiten. Wer die einmal bekommen hat bleibt in Zukunft Immun gegen sie. Das Virus ist dadurch aber keinesfalls zu unterschätzen, den es kann schwere Folgen haben. Luftröhren- und Kehlkopfinfektion sowie Lungen- und Mittelohrentzündung haben starken Erkältungscharakter. Wenn es zu einer Gehirn- oder Hirnhautentzündung kommt könne die Folgen fatal sein. "Kinderkrankheit bedeutet keinesfalls harmlos", sagt Leidel. Allen Menschen, die sich noch nicht mit dem Masern- Virus angesteckt haben, empfiehlt die Stiko eine Impfung.

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt: Rund 80 Prozent der nach 1970 geborenen kennen diese Empfehlung gar nicht. Ein weitere positiver Effekt ist, dass man auch gleich den Schutz gegen Mumps und Röteln erhält

Keuchhusten
Die Gefahr erneut an Keuchhusten zu erkranken ist, auch wenn man bereits im Kindesalter daran erkrankt war, als Erwachsener nicht überstanden. Auch wenn man die Bakterien etwa15 Jahre nicht mehr fürchten muss, ist eine Impfung ratsam.

Wie bei Masern sind es zunehmend älter Patienten, die betroffen sind: "77 Prozent der bisher in 2013 an Keuchhusten Erkrankten sind älter als 20 Jahre", sagt Leidel. Zwischen 2006 biss 2012 verzeichnete die Barmer GEK einen anstieg um 50 Prozent. "Die Symptome bei Erwachsenen gleichen denen von Kindern: Sie leiden vor allem unter einem langanhaltenden Husten mit oft stakkatoartigen Anfällen", sagt Winfried Kern, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). "Zwar gibt es bei Erwachsenen die Komplikation der Enzephalopathie nicht, also die krankhafte Veränderung des Gehirns, allerdings trifft der Keuchhusten oft auf chronische Erkrankungen und verschlimmert diese." Seit 2009 empfiehlt die Stiko, sich alle zehn Jahre impfen zu lassen. Die geht in der Regel mit der Impfung gegen Tetanus und Diphtherie einher, da ein Einzelstoff gegen Keuchhusten nicht vorhanden ist.

Mumps
Auch bei Mumps vermutet man als erstes eine Erkältung. Fieber und ein Anschwellen der Ohrendrüsen sind typisch für das Mumps-Virus. Männer können zusätzlich auch noch eine schmerzhafte Hodenentzündung bekommen, welche in seltenen Fällen zur Unfruchtbarkeit führen kann. "Ebenfalls tritt oft eine Hirnhautentzündung auf, die zu bleibenden neurologischen Schäden führen kann. Selten kommt es auch zu einer Bauchspeicheldrüsenentzündung", sagt Kern. Wie bei den anderen beiden Kinderkrankheiten gilt auch hier: Je älter der Patient, desto höher die Komplikationsrate. "Gab es Mumpsausbrüche früher fast nur in Kindergärten und Grundschulen, verschiebt sich dies nun zusehends auf die weiterführenden Schulen und auch Universitäten. 73 Prozent der Menschen, die 2013 bisher an Mumps erkrankten, sind älter als 20 Jahre", sagt Leidel. Auch hier empfiehlt die Stiko sich impfen zu lassen.

Röteln
Neben Kopf- und Gliederschmerzen und einer Lymphknotenschwellung am Hinterkopf tritt meist eine erhöhte Temperatur auf, ehe sich im Gesicht und am Körper röte Flecken in Form eines Ausschlags bemerkbar machen. Röteln sind seit März 2013 meldepflichtig und müssen dem Robert Koch-Institut (RKI) angezeigt werden. Dies muss ebenso bei den beiden vorangegangenen Kinderkrankheiten erfolgen. Vorsicht ist für werdende Mutter geboten. Das Virus kann den Embryo schwer schädigen oder zu Tot-, Früh- oder Fehlgeburten führen. Besonders kritisch sind die Röteln in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten: Nur etwa zehn Prozent der ungeborenen Kinder tragen in diesem Fall keine Schäden davon. "Wir versuchen, Röteln-Epidemien durch eine flächendeckende Impfung zu vermeiden", sagt Leidel.

Windpocken
An Windpocken erkranken im Vergleich noch wenige Erwachsene. Die Tendenz ist aber auch hier steigend. Im Jahr 2002 waren nicht mal ein Prozent der Erkrankten über 20 Jahre alt. Diese Zahl kletterte in 2010 bereits auf fünf Prozent. In diesem Jahr waren bisher ganze 29 Prozent der Windpocken-Patienten älter als 20 Jahre. Erkennbar sind Windpocken an den kleinen roten Bläschen am Rumpf und im Gesicht

"Die Rate für Komplikationen ist im Erwachsenenalter deutlich erhöht", sagt Kern. Dazu zählen die Lungenentzündung oder eine Infektion des zentralen Nervensystems. Dies kann teilweise zu bleibenden Lähmungen führen. Die Stiko empfiehlt, Kinder gegen Windpocken impfen zu lassen. Bei einigen Experten ist die Impfung jedoch umstritten. "Die vorliegenden Daten sind zwar recht gut, aber es gibt die Kritik und Befürchtung, dass man die Erkrankung durch diese Impfung nur ins Erwachsenenalter verlegt, und dass später häufiger eine Gürtelrose auftreten könnte", erklärt Kern.

Scharlach
Eine rote Zunge, Halsschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und ein fleckiger Juckender Hautausschlag sind das Erkennungszeichen für Scharlach. In der Regel wird ein Antibiotikum von den Ärzten verschieben. Ohne dieses Medikament kann es bei der Kinderkrankheit zu schwerwiegende Folgen kommen. Dazu zählen Rheumatisches Fieber, oder eine Herz- oder Nierenentzündung. Eine Impfung gegen Scharlach gibt es nicht. Hinzu kommt, dass auch wenn man sich schon einmal angesteckt hat, das Risiko eine erneuten Erkrankung bestehen bleibt. Mit ein Grund dafür sind die vielen unterschiedlichen Erregertypen. (fr)

Bild: Andreas Morlok / pixelio.de