Metastudien: Tödliche Herzkrankheiten durch Verkehrslärm

Fabian Peters
Verkehrslärm führt zu vermehrten Herzerkrankungen
Die Verkehrslärmbelastung ist deutschlandweit in den vergangenen Jahrzehnten massiv gestiegen. Durch den wachsenden Verkehrslärm wird dabei auch die Gesundheit gefährdet. Eine aktuelle Metaanalyse kommt zu dem Schluss, dass die Häufigkeit von ischämischen Herzerkrankungen durch die Verkehrslärmbelastung deutlich steigt.

Autos, Lastwagen, Straßenbahnen, Züge, Flugzeuge – alle Verkehrsträger erzeugen einen gewissen Lärm und mit dem Verkehrsaufkommen steigt daher auch die Lärmbelastung. Letztere hat ihrerseits erhebliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. So kommt ein internationales Forscherteam in einer aktuellen Untersuchung, zu dem Schluss, dass mit der Lärmbelastung auch das Risiko ischämischer Herzerkrankungen steigt, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Präsentiert wurde die Studie auf dem Europäischen Kardiologiekongress (ESC) in Barcelona.

Die Verkehrslärmbelastung ist laut einer aktuellen Studie eine Gefahr für die Herzgesundheit. (Bild: olly/fotolia.com)

Neue Richtlinien der WHO in der Erarbeitung
Das internationale Forscherteam aus den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und Spanien hat in seiner aktuellen Metastudie die bislang vorliegenden Untersuchungen zum Thema Verkehrslärm und Herzgesundheit ausgewertet. In Vorbereitung einer Aktualisierung der „Environmental Noise Guideline“ des WHO-Regionalbüros für Europa wurde „eine systematische Analyse der verfügbaren Evidenz zu kardiologischen und metabolischen Auswirkungen von Lärmbelastung durchgeführt“, berichtet die DGK. Die bislang geltende Richtlinie sei bereits 1999 verabschiedet worden und berücksichtige lediglich wissenschaftliche Literatur bis 1995. Seither habe es jedoch zahlreiche neue Erkenntnisse über die gesundheitsschädlichen Wirkungen von langfristiger Lärmbelastung gegeben.

Steigendes relatives Erkrankungsrisiko
Insgesamt haben die Wissenschaftler 61 Publikationen ausgewertet, die seit dem Jahr 2000 erschienen sind, und deren Daten eine Risikoanalyse ermöglichten, berichtet die DGK. Generell seien die verfügbaren Studien von hoher Qualität, wenn auch experimentelle Arbeiten fehlen. Die robusteste Datenlage liege für den Straßenverkehrslärm vor, weniger hingegen für die Belastung durch Zug- oder Flugzeuglärm. Die Analyse aller Daten (7.451 Fälle von Ischämischer Herzerkrankung) habe gezeigt, dass sich das relative Erkrankungsrisikos um 1,08 pro 10 Dezibel Anstieg der Belastung durch Straßenverkehrslärm erhöht. „Das Konzept des relativen Risikos geht davon aus, dass bei einem Wert von 1 das Risiko in beiden Gruppen gleich verteilt ist“ und „ein Wert größer als 1 ist ein Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen einem Risikofaktor und einer Erkrankung“, erläutert die DGK.

Auswirkungen von Lärm auf die Ausschüttung von Stresshormonen
Die Metaanalyse von Längsschnittstudien zum Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und durch Gefäßverengungen hervorgerufenen (ischämischen) Herzerkrankungen zeige, dass deren Häufigkeit statistisch signifikant im Ausmaß der Lärmbelastung ansteigt, so die Mitteilung der DGK. „Angesichts der Auswirkungen von Lärm auf die Ausschüttung von Stresshormonen und die Schlafqualität scheint ein kausaler Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und einer ischämischen Herzerkrankung plausibel“, werden die Studienautoren von der Fachgesellschaft zitiert.

Folgen der Lärmbelastung
Die Auswirkungen von Umweltwelteinflüssen wie Lärm oder Luftverschmutzung auf die kardiovaskuläre Gesundheit stehen zunehmend im Fokus wissenschaftlicher Forschung und beschäftigen auch Organisationen wie die WHO, die Europäische Gesellschaft für Kardiologie ESC oder die DGK. In früheren Erhebungen war die WHO bereits zu der Einschätzung gekommen, dass in Westeuropa pro Jahr eine Million gesunde Lebensjahre durch Lärm verloren gehen, berichtet die DGK. „Allein auf dem Weg über kardiovaskuläre Erkrankungen verursacht Lärm jährlich den Verlust von 61.000 gesunden Lebensjahren“, so Prof. Dr. Thomas Münzel von der Universitätsmedizin in Mainz in der aktuellen Mitteilung.

Lärm tötet durch direkte und indirekte Wirkungen
Die Arbeitsgruppe Lärmwirkungsforschung an der Universitätsmedizin in Mainz um Prof. Münzel konnte laut Angaben der DGK „in einem experimentellen Modell Zusammenhänge zwischen Lärmbelastung und einer Dysfunktion des Endothels, also der Innenwand von Blutgefäßen, nachweisen.“ Diese Endotheldysfunktion gelte als wichtige Ursache von schweren kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. „Gemäß einem 2014 publizierten Modell tötet Lärm sowohl durch direkte als auch indirekte Wirkungen. Gemeinsam ist beiden, dass sie Stressreaktionen im Organismus verursachen“, so Professor Münzel. (fp)