Migräne: Schlechtes Wetter kann Menschen Kopfschmerzen bereiten

Sebastian
Experten informieren über die Bedeutung des Wetters als Migräne-Trigger
Migräne zählt mittlerweile zu den Volkskrankheiten und betrifft allein hierzulande sechs bis acht Millionen Menschen. Damit stellt sie eine der häufigen Schmerzerkrankungen dar, die bei vielen Betroffenen zu massiven Einschränkungen der Lebensqualität und Ausfällen im Sozial- und Berufsleben führt. Doch es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Migräne zu behandeln. Auf dem Herbst-Symposium der MigräneLiga e.V am 17. September in Potsdam informieren Experten über neue Therapieformen und Möglichkeiten zur Vorbeugung. Dabei wird auch die Frage diskutiert, welchen Einfluss das Wetter auf die Erkrankung hat.

Kopfschmerzen werden von Schwindel uns Sehstörungen begleitet
Fast jeder Zehnte leidet an Migräne. Dabei handelt es sich um eine bestimmte Form von Kopfschmerzen, die anfallartig auftreten und von einer Reihe weiterer Beschwerden wie z.B. Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Diese treten oft in so starker Form auf, dass die Betroffenen während einer Attacke völlig „ausgeschaltet“ sind und über Stunden oder sogar Tage nicht am normalen Alltagsleben teilnehmen können. Teilweise besteht während eines Anfalls für die Betroffenen die einzige Möglichkeit darin, in einem abgedunkelten Zimmer zu liegen und zu warten, bis die Schmerzen wieder vergehen. Dementsprechend bedeutet eine Migräne eine enorme Einschränkung der Lebensqualität, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt sie sogar an 19. Stelle unter allen Erkrankungen, die Behinderungen bedingen.

Das Wetter kann Migräne-Attacken begünstigen. Bild: diego cervo - fotolia
Das Wetter kann Migräne-Attacken begünstigen. Bild: diego cervo – fotolia

Antidepressiva und Betablocker zur Vorbeugung
Schmerzmittel alleine reichen in den meisten Fällen nicht aus und sind teilweise sogar ungeeignet. Wer sie zu oft nimmt, riskiert eine Verstärkung der Überempfindlichkeit des Gehirns und dadurch noch häufigere Schmerzattacken. Oft erhalten Patienten daher Medikamente zur Vorbeugung einer Migräne wie z.B. Betablocker, Valproinsäure und Topiramat, ebenso werden bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin zur Prophylaxe eingesetzt.

Das Migränehirn kann nicht richtig abschalten
Experten gehen davon aus, dass die Veranlagung für die Krankheit in erster Linie erblich bedingt ist. „Was das Migränehirn vom normalen Hirn unterscheidet, ist die Schwierigkeit, abzuschalten“, sagt Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein gegenüber der „dpa“. „Sie sind wie ein Hund, der immer ein Ohr aufgestellt hat – sie kriegen viel mehr mit.“ Dadurch komme das Gehirn schneller an die Belastungsgrenze, erklärt der Mediziner. „Wenn Sie einen Migränepatienten fragen: Was ist Ihre größte Schwäche? Dann würde er sagen: Perfektionismus.“

Durch bestimmte Auslöser würden Botenstoffe ausgeschüttet und es entstehen elektrische Reize: „Die bringen eine Kaskade von Schmerz, Veränderung an den Gefäßen und auch entzündungsähnliche Prozesse in Gang“, erläutert Gaul. Besonders empfindlich reagiere das Gehirn von Betroffenen dabei auf Veränderungen jeglicher Art, sei es z.B. bei der Ernährung, im Flüssigkeitshaushalt des Körpers oder im Schlaf- und Wachrhythmus. Dies zeige sich z.B. am Phänomen der so genannten „Wochenendmigräne“, welche dann einsetzt, wenn sich die Patienten nach einer anstrengenden Woche ausruhen wollen, ergänzt Stefanie Förderreuther, Ärztin und Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

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Temperaturumschwung oder aufziehendes Gewitter schon Stunden vorher spürbar
Auch das Wetter wird oft als so genannter „Trigger“ diskutiert. Betroffene wie die Vorsitzende der Migräne-Liga, Lucia Gnant, spüren einen Wechsel oft schon Stunden vorher und können einen Temperaturumschwung oder ein aufziehendes Gewitter deutlich fühlen. Patienten würden die Situation auf den Punkt bringen, indem sie sagen „In meinem Kopf braut sich etwas zusammen“, erklärt die Vorsitzende der Migräne-Liga Gnant im Gespräch mit der „dpa“. Wissenschaftlich bewiesen sei der Einfluss des Wetters jedoch noch nicht.

Auch auf dem Herbst-Symposium der MigräneLiga e.V. am 17. September in Potsdam beschäftigen sich Experten mit der Frage, inwiefern das Wetter als Triggerfaktor eine Rolle spielt. „Menschen mit chronischer Krankheit sind für bestimmte Wetterlagen empfindsam“, sagt der Biologe Holger Westermann von der „Menschenwetter-Redaktion“ gegenüber der Nachrichtenagentur. Wer auf welche Reize reagiere, könne sich dabei jedoch stark unterschieden: „Was dem Asthmatiker schadet, kann dem Rheumatiker gut tun.“

Forscher finden Hinweise auf Zusammenhang mit Wetterwechseln
Auch Forscher der Hochschule Hof beschäftigen sich mit Kollegen der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein sowie der Universität Rostock mit den Auslösern der Krankheit. Seit 2011 werten sie anhand von Online-Patientenmeldungen Faktoren aus, die eine Migräneattacke bewirken können, dabei wird auch der Zusammenhang mit Wetterwechseln bewertet. „Wir haben aus der ersten Projektphase Hinweise“, sagt Projektleiter Jörg Scheidt. Durch den Abgleich von 20.000 Kopfschmerzattacken waren die Wissenschaftler zu einem interessanten Ergebnis gekommen: „Wenn sich die Temperatur um fünf Grad ändert, haben wir 20 Prozent mehr Anfälle“, so Jörg Scheidt weiter.

Ausdauersport und Entspannungsverfahren zur Abhärtung gegen äußere Einflüssen
Die Ergebnisse seien dem Experten nach „noch nicht sicher und statistisch nicht sehr signifikant“. Daher sollen nun in einer weiteren Projektphase anonym die entsprechenden Personen hinter den Daten genauer betrachtet werden. Denn die Forscher gehen davon aus, dass nur bestimmte Patienten empfindlich auf das Wetter reagieren. Dieser Ansicht ist auch Chefarzt Gaul: „Wir können am Wetter natürlich nichts ändern. Aber die Patienten könnten motiviert werden, eine vorbeugende Behandlung zu machen, Ausdauersport und Entspannungsverfahren, damit sie insgesamt gegenüber diesen äußeren Einflüssen weniger empfindlich werden“, erläutert der Mediziner.

Auch die 65-Jährige Lucia Gnant hat neben der Einnahme von Medikamenten einige Dinge in ihrem Leben verändert, um besser mit der Erkrankung umgehen zu können. Neben einem regelmäßigen Tagesablauf und bewusster Ernährung helfe ihr auch die Vermeidung „von unnötigem Ballast“, berichtet die Betroffene. Sie leidet an einer speziellen Form der Migräne mit Aura, durch welche sie Ausfallerscheinungen in der Sprache, Seh- und motorische Störungen sowie Messempfindungen erlebt. „Das kann gefährlich sein, wenn es auftritt, wenn ich Auto fahre“. Nach 40 Jahren Leiden haben sich die Änderungen im Alltag nun aber ausgezahlt: „Am 7.7.2010 war mein letzter Anfall. Es gibt den Weg aus der Migräne. Aber der Betroffene muss es im Wesentlichen selbst machen.“ (nr)