Milch-Inhaltsstoff gegen Übergewicht und Diabetes

Sebastian

Ein spezielle Inhaltsstoff in der Milch kann gegen Übergewicht schützen

06.06.2012

In der Milch ist der Wirkstoff Nicotinamid-Ribosid. Dieser könne in höheren Dosierungen die Fettverbrennung ankurbeln und zusätzlich die Ausdauer verbessern, wie Forscher der École Polytechnique Fédérale de Lausanne im Verlauf einer Studie feststellten. Bei Diabetes konnte die Zufuhr von Insulin eingespart werden.

Mehr zum Thema:

Der in der Kuhmilch enthaltene Inhaltsstoff Nicotinamid Ribosid (NR) kann in hoher Dosis die Verdauung anregen und die Fettverbrennung beschleunigen. Zudem soll der Naturstoff die Ausdauer bei Belastungen signifikant erhöhen. Damit könnte „eine natürliche Substanz gefunden sein, die vor Übergewicht schützt“, berichtet das Forscherteam. Mindestens bei Mäusen konnten entsprechende Effekte im Versuch erzielt werden.

Im Versuch bekamen Mäuse die aus der Milch abgespaltene Substanz Nicotinamid-Ribosid mit der Nahrung verabreicht. Obwohl die Tiere eine kalorienreicher Kost vorgesetzt bekamen, nahmen sie nicht an Körpergewicht zu. In einem weiteren Versuchsaufbau zeigte sich, dass die Ausdauer im Laufrad deutlich erhöht gegenüber der Vergleichsgruppe lag, die keine zusätzliche Substanz mit dem Fressen erhielt. „Es konnte ein verbesserter oxidativer Stoffwechsel sowie ein wirksamer Schutz des Stoffwechsels durch induzierte Störungen fettreicher Kost erreicht werden.“, resümiert Studienautor Carles Cantó von der École Polytechnique Fédérale de Lausanne.

Blutfettwerte stabilisierten sich
Im Labor konnten die Forscher nachweisen, dass kein hoher Blutzucker durch den Fettkost feststellbar war. Im Gegenteil, der Blutzuckerspiegel konnte durch den Zusatzstoff stabilisiert werden. Nachteil der Diät war, dass eine Positivwirkung erst bei höheren Dosen erreicht werden konnte. Die übliche Dosis in handelsüblicher Milch „reichte nicht aus, um anvisierte Resultate zu erzielen“, so die Wissenschaftler. Perspektivisch könnte aber der Milchstoff Nicotinamid-Ribosid als Nahrungsergänzungsmittel dabei helfen, chronische Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes unterstützend zu therapieren, wie das Forscherteam im Fachjournal "Cell Metabolism" schreiben. Der Insulin-Spiegel könnte durch NR nachhaltig gesenkt werden.

Gute Verträglichkeit und keine Nebenwirkungen
Ein wesentlicher Vorteil der natürlichen Substanz ist nach Meinung der Forscher die gute Verträglichkeit. Ein ähnlich aber schwächer wirkender Stoff mit der Bezeichnung Niacin kann als Nebenwirkung Rötungen und Hitzewallungen provozieren. Niacin wird heute in zahlreichen Arzneimitteln bei hohen Blutfettwerten eingesetzt. Eben jene unerwünschten Symptome konnte das Team während der Studie nicht feststellen. Selbst bei hohen Dosen zeigten sich bei den Nagern keine Negativwirkungen. Allerdings ist noch nicht feststellbar, wie der menschliche Organismus auf den Milchstoff reagiert,. Weder ist bewiesen, ob die Wirkungsweisen ebenfalls eintreten noch ist nicht auszuschließen, ob Neben- oder Wechselwirkungen auftreten. Hierzu müssten erst humane Studien durchgeführt werden, wie die Wissenschaftler betonen.

Für die Studie hatten die Wissenschaftler zwei gleich große Gruppen von Mäusen gebildet. Über mehrere Wochen erhielt eine Gruppe täglich umgerechnet 400 Milligramm pro Kilo Körpergewicht NR mit in das Futter beigemengt. Ein Teil der Tiere bekam normales und die zweite Gruppe fettreiche Kost. Bei den normal ernährten Mäusen zeigten sich keine Effekte. "Das Nicotinamid-Ribosid hatte auf das Körpergewicht der normal ernährten Mäuse keinen signifikanten Einfluss", erläutert Cantó. Die Mäuse, die fettreiche Nahrung fraßen, nahmen mit NR deutlich weniger an Körperfett zu, als die Kontrollgruppe, die keinen Zusatzstoff verabreicht bekam. Eine Appetitlosigkeit konnte nicht erreicht werden. Die Mäuse aßen eher mehr, als diejenigen ohne Milch-Inhaltsstoff. Trotzdem waren die Mäuse mit der Fettkost schlanker, als die Tiere ohne Wirkstoff. Auch die Blutfettwerte sanken und der Sauerstoffverbrauch erhöhte sich. Das sei ein Zeichen dafür, dass ein erhöhter Stoffwechsel initiiert wurde, so die Forscher.

Die Substanz Nicotinamid-Ribosid wurde erst im Jahre 2004 erstmals entdeckt. Aufgrund seiner molekularen Struktur vermuten schon damals Experten, dass der Stoff im Körper spezielle Stoffwechsel-Prozesse beeinflussen kann. Die damaligen Hinweise konnten nun erstmals mit der vorliegenden Studie bestätigt werden.

Zusätzlicher therapeutischer Nutzen bei Diabetes
Die Forscher fanden zudem heraus, dass der NR nicht nur die Entstehung von Adipositas verhindern kann, sondern auch einen Nutzen in der Behandlung von Diabetes erbringen könnte. Bei den Tieren, die über einen längeren Zeitraum von einigen Wochen jeden Tag NR verabreicht bekamen, habe sich der Zuckerstoffwechsel deutlich verbessert. Die Diabetes Typ II erkrankten Mäuse würden wesentlich weniger Insulin benötigen, um die Blutzuckerwerte stabil zu halten. Es deute daraufhin, „dass das Nicotinamid-Ribosid die Insulin-Empfindlichkeit der Gewebe wieder erhöht hat", schreibt Cantó. In dem Studienbericht betiteln die Autoren den Wirkstoff als „Vitamin“, demnach sei nach ihrer Ansicht NR ein „unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Ernährung“.

Nicotinamid-Ribosid ist in Milch oder Milcherzeugnissen enthalten, „wir benötigten den Stoff für unser Leben, den wir täglich als Nahrung aufnehmen“, argumentiert Studienleiter Johan Auwerx von der École Polytechnique Fédérale. Somit sei NR eine für den Menschen natürliche Substanz und trage vermutlich mit vielen weiteren Stoffen dazu bei, den Stoffwechsel zu regulieren. (sb)