7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland

Nina Reese

Jeder siebte Erwachsene kann nicht richtig lesen und schreiben

28.10.2013

7,5 Millionen Erwachsene können hierzulande nicht richtig lesen und schreiben und stoßen dadurch im Alltag immer wieder an ihre Grenzen. Unverständnis durch die Mitmenschen und die Unmöglichkeit, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten, führen bei immer mehr Analphabeten zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit.

14,5 % der Gesamtbevölkerung sind „funktionale Analphabeten“
Immer mehr Menschen in Deutschland haben große Probleme beim Lesen und Schreiben. Wie die Studie "leo. – Level-One Studie" zur Literalität von 18 bis 64jährigen Erwachsenen gezeigt hat, sind mittlerweile 7,5 Millionen Menschen bzw. 14,5 % der Gesamtbevölkerung in ihrer schriftsprachlichen Kompetenz eingeschränkt und gelten daher als „funktionale Analphabeten“. Damit sei „Funktionaler Analphabetismus [..] kein Randproblem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung“, so die Einschätzung von Ralf Häder vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.

Betroffene ziehen sich immer mehr zurück
Die Einschränkungen für die Betroffenen seien dabei nicht zu unterschätzen, denn die meisten können ihr Leben nicht eigenverantwortlich gestalten, sondern werden permanent mit Grenzen konfrontiert: „Die Betroffenen stoßen ständig an Grenzen: Bei jedem Einkauf, bei jedem Weg von A nach B. Diese Grenzen führen dazu, dass sie sich oft komplett zurückziehen", so Ralf Häder gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Um im Alltag „unentdeckt“ zu bleiben, würden sich viele ein regelrechtes "Schutzsystem" aufbauen oder die Hilfe von Familie und Freunden suchen, um die Aufgaben des täglichen Lebens zu bewältigen.

Analphabetismus bedeutet nicht automatisch Ausschluss aus dem Erwerbsleben
Dabei würden fehlende Lese- und Schreibkenntnisse jedoch laut Häder nicht automatisch zu einem unglücklichen Leben führen: „Es leben auch nicht alle schlecht damit, viele haben einen Job und eine Familie.“ Zu diesem Ergebnis war auch die „Leo-Studie“ gekommen: „Funktionale Analphabet/Inn/en sind mitnichten auf breiter Front vom Erwerbsleben ausgeschlossen. Ein zentrales Ergebnis der leo. – Level-One-Studie ist, dass 57% der funktionalen Analphabet/Inn/en einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die für Deutschland erhobenen Anteile decken sich weitgehend mit den in Frankreich von der dortigen Agence Nationale de la Lutte contre l‘Illetrisme ermittelten Werte“, so Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann und Klaus Buddeberg in einem Kurzbericht zu der Studie.

Tabuisierung stellt großes Problem dar
Dennoch gäbe es laut Häder mindestens genau so viele Betroffene, „die darunter leiden und selbst den Ausweg nicht finden“, wobei Männer und Frauen aller Altersgruppen und Herkunft betroffen sind. Ein großes Problem sei die Tabuisierung des Analphabetismus, wodurch viele Betroffene von ihrer Umwelt lediglich Unverständnis und Schuldzuweisungen ernten würden, erklärt Häder gegenüber der dpa. Dementsprechend könne nicht immer davon ausgegangen werden, dass ein offener Umgang mit der eigenen Schwäche der beste Weg ist, allerdings sollte umgekehrt versucht werden, die Tabuisierung nicht weiter voran zu treiben. Das bedeute laut Häder, seine Mitmenschen bei einem Verdacht direkt anzusprechen und Hilfe anzubieten – damit das Thema gar nicht erst in die „Tabu-Ecke“ gerate.

Fachtagung rückt funktionalen Analphabetismus stärker in die Öffentlichkeit
Auch die diesjährige Fachtagung Alphabetisierung und Grundbildung mit dem Thema „Neue Akteure – neue Themen – neue Orte“ hat zum Ziel, das Problem des funktionalen Analphabetismus bei Erwachsenen stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Vom 28. bis 30. Oktober treffen sich dazu über 200 Fachexperten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem europäischen Ausland in Nürnberg, um die neuesten Forschungsergebnisse, Entwicklungen und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. (nr)

Advertising

Bild: berwis / pixelio.de