Millionen Deutsche leiden unter Demenz

Heilpraxisnet

Alzheimertag: Millionen Deutsche leiden unter Demenz

18.09.2014

Fast eineinhalb Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Demenz. Das Gesundheitssystem ist auf die Betreuung von zunehmend mehr Menschen, die ihr Gedächtnis verlieren, nicht vorbereitet. Dies meint ein renommierter Gesundheitsforscher in einem Interview anlässlich des bevorstehenden Welt-Alzheimertages.

Zahl der Demenzkranken wird sich bis 2050 verdoppeln
Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leiden in Deutschland rund 1,47 Millionen Menschen unter Demenz. Schätzungen zufolge wird sich die Zahl bis ins Jahr 2050 sogar verdoppeln. Der Großteil der Demenzkranken wirdzu Hause betreut. Wie der renommierte Gesundheitsforscher Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald in einem Interview nun meinte, müsse den pflegenden Angehörigen größere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das Interview mit der Nachrichtenagentur dpa fand anlässlich des Welt-Alzheimertages statt. An diesem Aktionstag, der seit 1994 jährlich am 21. September stattfindet, werden weltweit vielfältige Aktivitäten durchgeführt, um die Öffentlichkeit auf die Erkrankung aufmerksam zu machen.

Große Herausforderung für die Gesellschaft
Auf die Frage, ob das bestehende Gesundheitssystem in Deutschland die Betreuung von künftig bis zu drei Millionen hilfsbedürftigen Menschen leisten kann, antwortete Hoffmann, dass dieses bislang nicht auf eine solche jahrelange Betreuung der Demenzkranken vorbereitet ist. Er meinte: „Der Betreuungsaspekt für die an der unheilbaren Krankheit leidenden Menschen wird unterschätzt. Wir müssen sehen, dass es ein belastbares und stabiles Netz an Betreuungsmöglichkeiten gibt.“ Dies betreffe neben dem häuslichen Umfeld, Pflegeeinrichtungen und Pflegediensten auch die Ergotherapie, Physiotherapie, den Hausarzt und den Apotheker. Bislang sei diese netzwerkartige, regionale Versorgungsstruktur im deutschen Gesundheitssystem nicht gut abgebildet. Auf die Gesellschaft komme eine große Herausforderung zu, so der Experte. „Wir müssen Dementisch lernen.“

Die meisten Menschen mit Demenz werden zu Hause betreut
Hoffmann bestätigte, dass die meisten Menschen mit Demenz zu Hause von Angehörigen betreut werden. Dies wollten sowohl die Betroffenen, als auch die Angehörigen so. Aus medizinischer Sicht sei es wichtig, dass Menschen mit Demenz in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Oftmals gebe es „Komplikationen und Verschlechterungen des Krankheitsbildes, wenn sie aus ihrem vertrauten Umfeld herausgenommen werden.“ Die häusliche Pflege sei zudem auch aus gesundheitsökonomischen Gründen sinnvoll. So ist ein Vollzeitplatz in einem Pflegeheim nicht nur deutlich teurer, sondern es fehlen auch Pflegekräfte. „Es geht uns aber nicht darum, eine Einweisung ins Pflegeheim zu verhindern. In bestimmten Fällen ist sie genau die richtige Lösung“, so Hoffmann. In anderen Ländern versucht man auf die steigenden Kosten durch Demenzerkrankungen mit Finanzhilfen zu reagieren. So wurde erst vor wenigen Monaten berichtet, dass die britische Regierung rund 20 Millionen Euro zur Verfügung stellt, um dabei zu helfen, ein wirksames Medikament gegen die Volkskrankheit zu entwickeln und so auch die volkswirtschaftlichen Kosten zu reduzieren.

Versorgungsmechanismen für Menschen mit Demenz
Hoffmann, der in einer Studie die Versorgungsmechanismen für Menschen mit Demenz in der häuslichen Pflege untersucht, erklärte, dass Betroffene zunächst eine sorgfältige Untersuchung und eine belastbare Differenzialdiagnose benötigen und dann eine vernünftige Medikation. „In aller Regel haben die Betroffenen gleichzeitig andere Erkrankungen, die ebenfalls behandelt werden müssen. Diese Medikamente können mit den Medikamenten gegen Demenz interagieren“, erläuterte der Experte. Dann sei entscheidend, wie es den pflegenden Angehörigen gehe, ob sie Hilfe benötigen und wenn, welche, und ob es ein stabiles soziales Umfeld gibt. Geklärt werden müssten zudem sozialrechtliche Aspekte wie etwa die Klärung der Pflegestufe oder die Frage, wer die Kosten für den Wohnungsumbau übernehme.

Angehörige nehmen bei der Betreuung eine Schlüsselrolle ein
Auf die Frage, wie die Angehörigen, die bei der häuslichen Betreuung die Schlüsselrolle einnehmen, unterstützt werden können, erklärte Hoffmann: „Wir müssen dem Angehörigen größere Aufmerksamkeit widmen, ohne seine Unterstützung funktioniert die häusliche Betreuung von Menschen mit Demenz nicht.“ Wenn diese Strukturen wegbrechen, bleibe häufig nur die Einweisung in spezielle Pflegeheime. Daher sei es im Interesse von Betroffenen und Angehörigen entscheidend, die Situation zu Hause so lange wie möglich zu stabilisieren. „Wir müssen frühzeitig erkennen, ob und wann der Angehörige nach Rundum-Pflege an seine Grenzen kommt, um zügig Unterstützungsstrukturen zu etablieren“, so Hoffmann. „Die pflegenden Angehörigen verschweigen oft ihre Belastungen, weil es ihnen peinlich ist und unangemessen erscheint, darüber zu reden.“ (ad)

Bild: Slydgo / pixelio.de