Milzbrand-Erreger in Heroin fordert Todesopfer

Astrid Goldmayer

Milzbranderreger in Heroin in Bayern

23.06.2012

Nachdem über zehn Jahre keine Milzbranderreger in Deutschland auftraten, kam es Anfang Juni bereits zum zweiten Todesfall durch Milzbrand (Anthrax). Der Erreger ist laut Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) in verunreinigtem Heroin vermutlich aus Großbritannien nach Deutschland gelangt. In der dortigen Drogenszene sei bereits seit 2009 derartiges Heroin im Umlauf. Von den bislang fünf infizierten Suchtkranken in Deutschland seien laut Behördenangaben "mindestens zwei daran gestorben".

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Milzbranderreger tritt vor allem in Tierbeständen auf
Milzbrand wird durch den stäbchenförmingen Erreger Bacillus anthracis verursacht. Normalerweise befällt das Bakterium in erster Linie Paarhufer. Derzeit tritt es vor allem in Tierbeständen in bestimmten Regionen Afrikas und Asiens auf. „Menschen in industrialisierten Ländern sind äußerst selten betroffen“, ließ das RKI mitteilen. Da der Erreger nicht sehr widerstandsfähig ist, lässt sich die Infektionskrankheit gut mit Antibiotika behandeln. Diese könnten jedoch nur erfolgreich eingesetzt werden, wenn frühzeitig mit der Behandlung begonnen werde, so das RKI. Anderenfalls ende die Infektion rasch tödlich. Deshalb hat das RKI Ärzte zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen. Bei starken Hautschwellungen an den Gliedmaßen sollen Mediziner frühzeitig eine Infektion mit Milzbranderregern in Erwägung ziehen und entsprechende Diagnoseverfahren einleiten. „Das Problem ist, dass die Symptome einer Milzbrandinfektion schwer von einer normalen Haut- oder Weichteil-Infektion zu unterscheiden sind“, erklärte eine Sprecherin des RKI. In der Stadt Nürnberg sprach der Suchtbeauftragter, Georg Hopfengärtner, zudem "eine Warnung an die örtliche Drogenszene vor dem verunreinigten Heroin aus".

In Deutschland war der Milzbranderreger bis 2009 über zehn Jahre verschwunden. Abgesehen von den aktuellen fünf Fällen wurde der letzte Fall 1994 registriert.

Verunreinigtes Heroin mit Milzbranderreger stammt wahrscheinlich aus Großbritannien
Die kürzlich bekannt gewordenen Milzbrandfälle traten im Raum Regensburg auf. Die beiden betroffenen Fixer hatten sich aufgrund einer entzündeten Stelle in ärztliche Behandlung begeben. Der Arzt vermutete jedoch zunächst eine Blutvergiftung. Erst bei weiteren Untersuchungen hätte sich herausgestellt, dass sich die Betroffenen mit Milzbrand infiziert haben. Am 5. Juni ist laut RKI einer der Infizierten an den Folgen der Erkrankung gestorben. In beiden Fällen hatten sich die Betroffenen Heroin gespritzt, das mit Milzbranderregern kontaminiert war. Die "anderen drei Infektionsfälle liegen bereits längere Zeit zurück".

In Großbritannien traten bis Ende 2010 52 Milzbrandinfektionen von Heroinabhängigen auf, berichtete das RKI. 17 Betroffene starben daran. Der in Deutschland aufgetretene Milzbranderreger sei mit dem britischen Erregerstamm identisch.

Milzbranderreger gelangten bei Transport ins Heroin
Der Frage, wie der Erreger ins Heroin gelangen konnte, geht derzeit das bayerische Landeskriminalamt nach. Es werde vermutet, dass die Verunreinigung mit Milzbrand-Sporen während des Transports der Droge erfolgte. „Milzbranderreger gibt es in der Regel in Tieren oder Tierfellen. Und es ist bekannt, dass das Heroin in den Herkunftsländern mit Lasttieren transportiert oder in Tierfelle gehüllt wird“, berichtete ein LKA-Sprecher. Da Milzbranderreger nur selten auftreten würden, „liegt hier anscheinend ein ganz seltener unglücklicher Zufall vor“.

2009 sei sehr wahrscheinlich eine größere Menge verunreinigtes Heroin nach Großbritannien gelangt, von der später ein kleinerer Teil Deutschland erreichte. Das LKA schließt aus, dass die Verunreinigung der Droge mit Milzbranderregern absichtlich erfolgte. „Dafür haben wir bisher keine Hinweise“, so der LKA-Sprecher.

Milzbrand als Biowaffe
In einigen Ländern werden Milzbrandsporen von Terroristen und Militär als biologische Waffe angesehen, obwohl Biowaffen weltweit geächtet sind, da sie leicht als Mittel zur Massentötung eingesetzt werden können. Ende der 70er Jahre kam es in der damaligen Sowjetunion zur versehentlichen Freisetzung von milzbrandsporenhaltigem Aerosol aus einem militärischen Labor für Biowaffen. Der Vorfall forderte zahlte Menschenleben.

Nach Angaben der Londoner "Times“ soll weltweit in rund 450 Labors an der Entwicklung von Anthrax-, Pocken-, Pest- und Choleraerregern gearbeitet werden. Die Erreger können verändert als unsichtbare und geruchlose Toxine in Form von feinstem Pulver in Granaten verschossen oder vom Flugzeug als Aerosol versprüht werden und den Tod von Millionen von Menschen verursachen. (ag)